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Super Bowl: Der Super Bowl ist weit mehr als ein Sportereignis

Super Bowl

Der Super Bowl ist weit mehr als ein Sportereignis

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    Letzte Vorbereitungen für das Aufeinandertreffen der Los Angeles Rams gegen die Cincinnati Bengals am Sonntag. Um 15.30 Uhr Ortszeit geht es los im SoFi-Stadion in Kalifornien.
    Letzte Vorbereitungen für das Aufeinandertreffen der Los Angeles Rams gegen die Cincinnati Bengals am Sonntag. Um 15.30 Uhr Ortszeit geht es los im SoFi-Stadion in Kalifornien. Foto: Maximilian Haupt, dpa

    Der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich nichts von American Football verstehe, kam im zweiten Viertel des 38. Super Bowl zwischen den Carolina Panthers und den New England Patriots. Das Saison-Endspiel der National Football League (NFL) war am 1. Februar 2004, und ich saß in der internationalen Pressebox knapp unter dem Hightech-Schiebedach des Reliant Stadiums von Houston, Texas. Die Panthers hatten gerade zum dritten Mal eine Strafe aufgebrummt bekommen und ich hatte keine Ahnung, warum.

    Also fragte ich verschämt meinen Tischnachbarn, einen Kollegen von der russischen Nachrichtenagentur Tass. Langatmig erklärte er mir, was ein „Defensive Interference Penalty“ – so hieß die Strafe – ist und warum der Schiedsrichter diesen gerade gegeben hatte. Ich war danach nur ein klein wenig schlauer, wirklich begriffen hatte ich es nicht.

    "Sicher, ich kannte die Regeln" - anderes ist "mir bis heute ein Rätsel"

    Ich wusste in diesem Augenblick, dass ich mich vollkommen damit verhoben hatte, als ich mich freiwillig meldete, um über den Super Bowl zu berichten. Sicher, ich kannte die Regeln. Ich wusste, dass es sechs Punkte für einen „Touchdown“ gibt und dann die Chance auf einen weiteren Punkt durch ein „Fieldgoal“. Nur warum zum Beispiel das Football-Zählsystem ausgerechnet auf der Nummer sieben beruht, ist mir bis heute ein Rätsel.

    Und so wird es wohl auch noch in der Nacht auf Montag sein, wenn in Deutschland der Sender ProSieben das Spiel zwischen den Cincinnati Bengals und den L.A. Rams überträgt. Es ist ein Sportereignis wie wenige sonst auf der Welt. Alleine bis zu 117 Millionen Amerikaner werden es sich vermutlich anschauen. Ich natürlich auch.

    Und ich werde wieder etwas dazulernen – über American Football und seine Bedeutung für die Vereinigten Staaten von Amerika.

    Was ich damals, 2004, wusste, das war: Das Spiel wird in vier Vierteln zu je 15 Minuten gespielt, die sich jedoch leicht auf vier Stunden ausdehnen können. Ich wusste, was ein Quarterback ist – der Spielgestalter – oder ein Wide Receiver oder ein Defensive Back. Um American Football zumindest rudimentär zu verstehen, muss man sich ein eigenes Vokabular aneignen.

    Tom Brady und andere Helden der NFL-Geschichte

    Ich kannte auch einigermaßen die Akteure, ich kannte Tom Brady und seinen Coach Bill Belichick. Brady ist eine lebende Legende, der beste Football-Spieler der NFL-Geschichte. Vor wenigen Tagen beendete der 44-Jährige seine Karriere. Damals standen er und sein Coach am Anfang ihrer gemeinsamen Erfolgsserie, obwohl sie das selbst nicht wussten. Ich kannte auch die anderen Helden der NFL-Geschichte, wenigstens dem Namen nach: Joe Namath, Joe Montana und O. J. Simpson sowie die großen Teams, die 49ers der 80er Jahre, die Dallas Cowboys der 90er Jahre.

    Tom Brady ist eine lebende Legende, der beste Football-Spieler der NFL-Geschichte. Vor wenigen Tagen beendete er seine Karriere.
    Tom Brady ist eine lebende Legende, der beste Football-Spieler der NFL-Geschichte. Vor wenigen Tagen beendete er seine Karriere. Foto: Jason Behnken, AP/dpa

    Ich glaubte auch, den Geist des Spiels verstanden zu haben. American Football ist eine kaum verhohlene Kriegsallegorie. Es geht ganz offensichtlich um gewaltsamen Raumgewinn. Diese Essenz des Spiels wird unterstrichen durch eine Vereinnahmung durch die Streitkräfte. Kampfjets fliegen, Militärkapellen spielen und Veteranenehrungen werden vorgenommen – jedes Jahr wird zum Super Bowl auch sentimental eine Einheit zugeschaltet, die irgendwo in fernen Landen stationiert ist.

    Was die Funktion des Super Bowl als Quasi-Nationalfeiertag angeht, schien mir die Symbolik ebenfalls eindeutig: Es ist der Tag, an dem Amerika am amerikanischsten ist. Es herrscht das Gesetz der Maßlosigkeit, es ist ein Rausch des Konsums und des Kommerzes. Es werden die höchsten Werbepreise für Fernsehwerbung bezahlt, es werden mehr Hühnerflügel und Burger gefuttert und mehr Bier getrunken als selbst am höchsten Nationalfeiertag, dem 4. Juli. Und man gibt sich ohne Scham der muskulösen Demonstration von Amerikas Macht und Größe hin.

    Dann "musste ich erkennen, dass ich eigentlich nichts verstanden hatte"

    Das alles glaubte ich verstanden zu haben. Doch in dem Moment, in dem ich mir am 1. Februar 2004 im Reliant Stadium von einem russischen Kollegen das Spiel erklären lassen musste, musste ich erkennen, dass ich eigentlich nichts verstanden hatte. Ich hatte an der Oberfläche gekratzt und den Super Bowl aus der reinen Außenperspektive betrachtet. Die Wahrheit war, dass ich bei American-Football-Übertragungen nicht einmal die Hälfte der Kommentare der Moderatoren kapierte. Wenn Al Michael oder Mike Tirico von einem „Bull Rush“ oder einer „Dime Defense“ sprachen, hatte ich keine Ahnung, was sie meinten.

    Noch schlimmer wurde es bei den Zahlen. Ich konnte nachvollziehen, was es bedeutet, dass Tom Brady etwa im Schnitt 423 Yards als Quarterback in einer Saison geworfen hat. Aber um zu begreifen, wie sich sein „QBR“ zusammensetzt, da war ich mir sicher, brauchte man einen Doktortitel in Mathematik und Statistik. Die Erklärung, dass es sich dabei um den Quotienten aus dem der Stärke des Gegners angepassten erwarteten Beitrag an Punkten und den „Action Plays“ handelt, verwirrte mich vollends.

    Je mehr ich mich mit American Football beschäftigte, desto besser begriff ich immerhin, dass es hier eine Sprache der Eingeweihten gibt, die ein Außenstehender nur mit viel Mühe erlernen kann. Und selbst dann bleibt es eine Ausnahme, dass er oder sie diese Sprache so natürlich und leicht verwendet wie die Ureinwohner des Planeten Football. Ob ich jemals in einem Kneipengespräch beiläufig würde fallen lassen können, dass die Chiefs eine brillante „Statue of Liberty“ gelaufen sind oder die Seahawks einen „Fumblerooski“? Es würde wohl eines mehrjährigen intensiven Studiums bedürfen.

    American Football ist eine Barriere, über die Menschen, die nicht in den USA geboren wurden, nicht leicht hinwegkommen

    Die Erkenntnis deprimierte mich. Ich hatte mir immer viel darauf eingebildet, dass ich in den USA mehr Insider denn Outsider wäre. Ich hatte schließlich Amerikanistik auf beiden Seiten des Atlantiks studiert und viele Jahre in den USA gelebt. Die dortige Kultur war für mich keine fremde Kultur, sie war mir in vielerlei Hinsicht sogar näher als die deutsche. Bob Dylan hatte mir immer mehr gesagt als Herbert Grönemeyer, Andy Warhol mehr als Joseph Beuys.

    Wissenswertes rund um den Super Bowl

    Show Nicht-sportlicher Höhepunkt jedes Finales ist die Halbzeitshow mit Größen des Musikgeschäfts. Mit Eminem, Snoop Dogg, Mary J. Blige, Kendrick Lamar und Dr. Dre stehen in diesem Jahr fünf herausragende Künstler auf der Bühne.

    Diskussionen Zum Finale ist in den USA eine Rassismus-Debatte entbrannt: Auslöser ist die Klage des ehemaligen Trainers der Miami Dolphins, Brian Flores. Er beschuldigt die Profi-Liga NFL und drei ihrer Teams, bei ihrer Trainersuche Angehörige von Minderheiten nur einzuladen, weil es die Statuten so fordern. In Wirklichkeit würden bei der Vergabe aber vor allem Weiße berücksichtigt. Mitunter stehe die Wahl bereits fest, während der Bewerbungsprozess noch läuft. Für die Liga, die sich gerne liberal und offen für alle gibt, ist die Debatte enorm problematisch.

    Deutschland-Spiele Weil die Fanbasis für American Football immer weiter wächst, trägt die NFL nun auch Saisonspiele in Deutschland aus. Nach einem Auswahlprozess wurde am Mittwoch bekannt gegeben, dass bis 2025 zwei Spiele in München und zwei weitere in Frankfurt ausgetragen werden. Die Premiere soll im Herbst 2022 in der Arena des FC Bayern München stattfinden.

    American Football aber war und ist eine Barriere, über die ich nicht so recht hinwegkomme. Die Tatsache, dass sich Bekannte aus meinem Umfeld, die ansonsten nicht unter dem Verdacht stehen, exzessive Sportfans zu sein, am Super-Bowl-Wochenende als intime Kenner dieses Sports und seiner Sprache entpuppten, machte es noch schlimmer. Die Literaturwissenschaftlerin wusste plötzlich, was ein modifizierter „Crossbow“ ist. Der Rechtsanwalt konnte jeden „Trigger Pitch“ identifizieren – und fluchen wie ein Bierkutscher.

    Dass der Super Bowl angesichts dessen eines der letzten Dinge ist, ja vielleicht das Allerletzte, was ein zerrissenes Land wie die USA zusammenbringt, ist im Grunde eine Binsenweisheit. Am Super-Bowl-Sonntag sind die USA, die nach Meinung einer wachsenden Zahl an Experten tief gespalten sind, für ein paar Stunden ein Land.

    Der Super Bowl ist ein Ritual der nationalen Einigung

    Der Super Bowl ist ein Ritual der nationalen Einigung, und wie dieses Ritual funktioniert, wird mir erst allmählich klar: Der Super Bowl gibt den Vereinigten Staaten von Amerika eine gemeinsame Sprache, eine Sprache, an der kaum jemand je wirklich teilhaben wird, der nicht in den USA aufgewachsen ist.

    Um so schlimmer wäre es für das Land, würde der Super Bowl ausfallen. Der Romancier Don DeLillo hat das in seinem letzten Werk „Silence“ durchgespielt: Fünf Menschen treffen sich in einer New Yorker Wohnung, um zusammen den Super Bowl 2022 anzuschauen. Doch kurz vor Anpfiff bricht das Internet in den USA zusammen, möglicherweise weltweit, man weiß es nicht so genau. Die Versammelten reden sich weiter durch die Nacht, doch der Romancier macht deutlich, dass sie aneinander vorbeireden. Dialog findet nicht mehr statt.

    Ein solcher Internet-Totalausfall wie bei DeLillo ist beim 56. Superbowl, der am Sonntag um 15.30 Uhr Ortszeit in Inglewood, Kalifornien, beginnt, nicht zu erwarten. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass sich die vermutlich bis zu 117 Millionen US-Zuschauerinnen und -zuschauer ausgelassen diesem so raren Tag der Verbundenheit hingeben werden. Sie werden fernsehen und feiern.

    Und ich werde versuchen, so viel zu verstehen wie möglich.

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