Startseite
Icon Pfeil nach unten
Sport
Icon Pfeil nach unten

Thomas Hitzlsperger im Interview: „Keiner kann ihn aufhalten“- Sorgen wegen Infantino

Interview

„Keiner kann ihn aufhalten“- Hitzlsperger sorgt sich wegen Infantino

  • |
  • |
  • |
  • |
    Thomas Hitzlsperger hat für die ARD eine Reportage zur kommenden Weltmeisterschaft gedreht.
    Thomas Hitzlsperger hat für die ARD eine Reportage zur kommenden Weltmeisterschaft gedreht. Foto: Andreas Gora, dpa

    Ab Donnerstag läuft in der ARD-Mediathek die Reportage: „WM-Wahnsinn und Titel-Träume: Deutschland bei der Mega-WM“. Was haben wir von diesem Turnier und ihren Gastgebern zu erwarten?

    THOMAS HITZLSPERGER: Für den Film war ich in Kanada und den USA. Die USA kenne ich sehr lange, weil ich seit 15 Jahren dahin reise und viel Zeit dort verbracht habe. Man registriert natürlich, wie sich das Land verändert. Deutschland hat sich in dieser Zeitspanne ebenfalls verändert. Machen wir uns aber nichts vor: Das, was in den USA aktuell los ist, ist außergewöhnlich. In Katar drehte sich die Diskussion um Menschenrechte, nun liegt der Fokus mehr auf einzelnen Personen.

    Wie denn konkret?

    HITZLSPERGER: Obwohl es großartige Flecken und wunderbare Menschen gibt, merkt man gerade, wie angespannt das Klima, wie aggressiv die Grundstimmung ist. Das sind eher meine privaten Eindrücke. Allein bei dem aufwendigen Visa-Prozess spürt doch jeder: Der Umgangston ist wenig herzlich. Alles, was ich im Kontext des Films in den USA kennengelernt habe, war dann wieder anders: Junge Athleten genießen die Sportnation Amerika. Ich habe auch den Zehnkämpfer Leo Neugebauer besucht, der freiwillig für den Sport und zum Studieren nach Texas gegangen ist.

    Was sagt er?

    HITZLSPERGER: Ein solcher Star hat nur Gutes zu berichten. Ein positiver Typ, der den amerikanischen Sport-Spirit verkörpert. Es sind zwei Seiten der Medaille: Der Ehrgeiz, etwas Besonderes schaffen zu wollen, was ich großartig finde, und andererseits fallen diejenigen, die es nicht schaffen, ins Bodenlose. Und mit denen wird nicht gut umgegangen. Wir haben in Europa mehr Bewusstsein für Gemeinschaft und Menschen, denen es schlechter geht. In der amerikanischen Kultur wird sehr ich-bezogen gelebt. Es ist für alle sichtbar, denn niemand verkörpert das deutlicher als der amtierende Präsident.

    Donald hat nach Meinung von Hitzlsperger für eine zusätzliche Spaltung der amerikanischen Gesellschaft gesorgt.
    Donald hat nach Meinung von Hitzlsperger für eine zusätzliche Spaltung der amerikanischen Gesellschaft gesorgt. Foto: Jacquelyn Martin/AP, dpa

    Donald Trump also als schlechtes Vorbild?

    HITZLSPERGER: Wir haben uns bei der Doku auf das Sportliche fokussiert, aber dennoch kann ich sagen, dass sich die Spaltung durchs Land zieht. Ich habe genug Leute gesehen, die ihre Gier ausleben und sich wenig um den Rest scheren.

    Was erwarten Sie generell von dieser Mammut-WM mit 48 Teams?

    HITZLSPERGER: Dass es viel mehr Spiele sind, finde ich gar nicht so schlimm. Ich habe Respekt vor der logistischen Herausforderung – und klimatisch wird es für die Spieler extrem. Ich war im vergangenen Jahr in Austin/Texas: Es ist so heiß und schwül, da will man eigentlich gar nicht vor die Tür gehen. Und erst recht kein Sport treiben.

    Was wird die WM für den Fußball bringen, der in den USA nur Soccer heißt?

    HITZLSPERGER: Diese WM wird den Fußball nicht gleich an die Spitze der Aufmerksamkeit befördern. American Football ist und bleibt unumstritten die Nummer eins, dann kommt Basketball. Fußball ist irgendwo zwischen Baseball und Eishockey auf der Beliebtheitsskala. Die Major League Soccer wächst, auch durch Lionel Messi. Marco Reus hat schon einen Titel geholt, Timo Werner hat sich gut eingelebt, über Thomas Müller müssen wir nicht reden, der belebt jeden Ort, an dem er sich aufhält. Die Klubs in der MLS sind aber vorsichtiger geworden und holen nicht jeden Ü30-Spieler aus Europa, der einmal das Tor getroffen hat. Die Liga ist anspruchsvoll, vor allem physisch.

    Deutschland startet gegen Curaçao ins Turnier. Sie haben die Karibik-Insel besucht.

    HITZLSPERGER: Ja, das war ein tolles Erlebnis! Ich traf den Präsidenten des Fußball-Verbandes (Gilbert Martina, Anm. d. Red.). Ein sehr spiritueller Mensch, der ein Buch geschrieben hat: „Healthy minds, healthy nation.“ Seine innere Ruhe hat mich wirklich beeindruckt. Seine Nationalspieler kommen fast ausschließlich aus den Niederlanden. Durch die WM-Qualifikation erhält der Verband viel Geld für eine Insel mit nur 150.000 Einwohnern. Es soll eingesetzt werden, um die Infrastruktur zu verbessern und Fußball in der Breite besser zu machen. An einer der Schulen wurde bereits das erste WM-Spiel gegen Deutschland nachgespielt: Die Begeisterung unter den Kindern war sensationell!

    Fifa-Boss Gianni Infantino sichert seine Macht durch Abhängigkeitsverhältnisse ab.
    Fifa-Boss Gianni Infantino sichert seine Macht durch Abhängigkeitsverhältnisse ab. Foto: Riza Ozel/AP, dpa

    Curacao mag die schöne Seite sein, der skrupellose Fifa-Boss Gianni Infantino verkörpert für Kritiker die hässliche Fratze. Nicht aus allen Teilnehmerländern können beispielsweise Fans einreisen, weil sie kein Visum bekommen, aber die Fifa duldet den Umstand.

    HITZLSPERGER: Vieles ist mühsam und teilweise schwer zu akzeptieren, wohin sich das Fußballgeschäft entwickelt hat. Infantino hat es geschafft, die Fifa und das System noch größer zu machen. Es kommt noch mehr Geld rein, und er kann schalten und walten, wie er will. Dazu ist er immun gegen Kritik. Er erzählt einfach eine positive Geschichte – und am Ende schauen wir zu und gehen hin. Wir hätten die Möglichkeit, nicht hinzugehen, doch mir fällt es nach wie vor schwer, auf Fußball zu verzichten. Infantino spielt das geschickt. Keiner kann ihn aufhalten, weil er genügend Verbände beglücken kann, die ihm die Wiederwahl sichern. Und in der Tat gibt es Menschen bei der Fifa, die Gutes tun. Es ist sehr kompliziert geworden.

    Hätten Sie einen Boykott für sinnvoll gehalten?

    HITZLSPERGER: Das halte ich für nicht zielführend. Ein Boykott einer einzelnen Mannschaft bringt gar nichts, und ein Zusammenschluss mehrerer Länder kommt nicht zustande. Das haben wir in Katar erlebt und ist kein realistisches Szenario.

    Das ist Thomas Hitzlsperger

    Thomas Hitzlsperger wurde als Spieler Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart. Er nahm an der Weltmeisterschaft 2006 teil und bestritt insgesamt 53 Länderspiele. Nach seiner aktiven Karriere war der heute 43-Jährige unter anderem als Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart tätig.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren