Selbstverständlich hätte die deutsche Mannschaft in der 106. Minute gerne einen Elfmeter gehabt. Schließlich hatte Marc Cucurella den wuchtigen Schuss Jamal Musialas deutlich mit der Hand abgewehrt. Und da er kein Torwart ist und sich im Strafraum befand, wäre ein Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Anthony Taylor verständlich gewesen. Dass der Unparteiische trotz des Aufschreis aus zehntausenden Kehlen eben nicht auf Strafstoß entschied, nötigt Respekt aufgrund gelungener Reflexunterdrückung ab.
Nachdem die Deutschen wenig später ausgeschieden waren, geriet die Szene um Taylor, Musiala und Cucurella zum primären Gesprächsthema. Die Fernsehanstalten bemühten die angestellten Schiedsrichter-Experten, Spieler und Trainer echauffierten sich (zumindest jene, die im Auftrag Deutschlands unterwegs waren), Fans sahen einen klaren Strafstoß (die deutschen) beziehungsweise nicht den Hauch eines Elfmeters (spanische Anhänger). Man war sich herrlich uneins. Weil es eben verdammt kompliziert ist mit dieser Handregel. Weil es keine einheitliche Regelung geben kann, außer: jedes Handspiel, unabhängig von Vorsatz, Abstand des Schützen, Körperhaltung etc. wird geahndet. Kann man ja auch nicht wollen.
Hand-Elfmeter gegen Spanien? Diese Gründe sprechen dagegen
Also gibt es Graubereiche. In jenen fiel Musialas Schuss und Cucurellas Abwehr. Es gibt valide Gründe, dass Taylor mal besser in seine Pfeife geblasen hätte. Ebenso viel spricht allerdings auch dagegen. Dass sich der Schiedsrichter die Szene nicht noch einmal am Spielfeldrand angeschaut hat, mag ihm von vielen als Ignoranz oder gar Arroganz ausgelegt werden. Was aber hätten ihm die Bilder zeigen sollen, außer der Bestätigung seiner Wahrnehmung. Schuss, kurze Entfernung, kein absichtliches Handspiel, weiter geht’s. Unglücklich ist diese Entscheidung vor allem im Kontext mit jenem Elfmeter, den die deutsche Mannschaft im Achtelfinale zugesprochen bekam, als ein Flankenversuch David Raum die Hand von Joachim Andersen touchierte, entschied Schiedsrichter Michael Oliver auf Handspiel. Vergleichbare Szenen, unterschiedliche Konsequenzen.
Die meisten Beobachter wünschen sich die Ent-VARisierung
Bitter ist das vor allem für die deutsche Mannschaft, die sich den Sieg aufgrund einer klaren Leistungssteigerung nach der Halbzeitpause verdient gehabt hätte. Letztlich aber fiel die Entscheidung zugunsten des Fußballs. Die meisten der Spieler, Fans und Journalisten wünschen sich eine Ent-VARisierung des Fußballs. Der Schiedsrichter soll Entscheidungen treffen und dazu stehen. Klare Fehlentscheidungen, Abseits oder Nicht-Abseits: Hier kann und soll die Technik helfen.
Taylor hatte keine leichte Partie zu leiten. Der Schiedsrichter hatte dazu nicht seinen besten Tag erwischt. Toni Kroos hätte frühzeitig verwarnt werden müssen, dass Dani Carvajal erst in der letzten Minute des Feldes verwiesen wurde: lachhaft. Das aber tat der Wucht dieser Partie keinen Abbruch, im Gegenteil. Es menschelte an allen Ecken des Feldes, zu jedem Zeitpunkt des Spiels. Das ist der Fußball, den wir uns wünschen. Nur nicht mit dem Ergebnis, das sich die meisten gewünscht haben.
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