Das kurze Tiefdruckgebiet hat Zürich und Umgebung gutgetan. Nicht mal der See bot zuletzt noch eine Abkühlung, und in den meisten Badis, den beliebten Sommerbädern, gab es kaum mehr einen freien Liegeplatz. Seitdem es die vergangenen Tage geregnet hat, strahlt der Sportplatz in Zürich-Buchlern wieder sattgrün. Bundestrainer Christian Wück hielt am Donnerstag vor wolkenloser Kulisse seine Ansprache an Deutschlands Frauen-Nationalteam, um die Sinne fürs letzte EM-Gruppenspiel gegen Schweden (Samstag, 21 Uhr/ARD) zu schärfen. Es wird zwar danach noch einen weiteren Tag dauern, bis der Viertelfinalgegner feststeht, aber die Losung für den Klassiker im Letzigrund hat Sjoeke Nüsken schon formuliert: „Wir haben noch ein Spiel und wollen Gruppenerster werden.“ Die Ansage der Vizekapitänin. Kurz und knapp.
Bei keiner anderen hat sich die Rolle so krass verändert wie bei der in Hamm geborenen 24-Jährigen. Gestern Randfigur, heute Hauptperson. Vor der EM 2022 in England rauschte sie bei Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg vor der Kadernominierung durchs Rüttelsieb. Tief enttäuscht überlegte sie zweimal, ob sie die Einladung fürs Endspiel in Wembley annehmen sollte. „Es war nicht so leicht, die Spiele zu sehen. Aber im Finale war ich Fan number one“, verriet sie in der ARD-Doku „Shootingstars“. Obwohl sie danach bei Eintracht Frankfurt eine starke Saison spielte und der FC Chelsea die schon ein Jahr vorher geplante Verpflichtung durchzog, bekam sie bei der WM 2023 in Australien gerade mal 45 Minuten Einsatzzeit – in der Innenverteidigung.
Sjoeke Nüsken hat im zentralen Mittelfeld ihre Stärken
Dort kann sie als Allrounderin sicher mal aushelfen, gleichwohl ist mit ihren strategischen Fähigkeiten prädestiniert für eine zentrale Rolle. Lauf- und Zweikampfstärke kommen zu ihrer Übersicht dazu. Im Mittelfeld bildet sie ein Gespann mit der Frankfurterin Elisa Senß, die eine wahre Terrier-Attitüde bei dieser EM offenbart. „Beide ergänzen sich gut“, sagt Bundestrainer Christian Wück, der aber noch Verbesserungsbedarf in der Handlungsschnelligkeit seiner Schaltzentrale sieht. Es gehe um Zehntelsekunden: „Wenn sie da zweifeln oder sich zu spät entscheiden, dann verlieren sie Zweikämpfe.“
Der 52-Jährige hat nicht lange überlegt, wer nach dem zur stellvertretenden Kapitänin befördert wird. Wück erinnerte sich an eines seiner ersten Gespräche in Frankfurt, als ihm Nüsken geflüstert habe, sie könne sich mehr Verantwortung im DFB-Team gut vorstellen. Wie zum Beleg, griff sich die Wahl-Engländerin gegen Dänemark zweimal den Ball beim Elfmeter. Das erste Mal stoppte der VAR die Ausführung, beim zweiten Mal verwandelte sie entschlossen links unten. Dabei war sie in 47 Länderspielen für Deutschland, 83 Partien für Frankfurt und 42 für Chelsea noch nie zu einem Strafstoß angetreten. „In der U17 hatte ich mal einen Elfmeter geschossen. Ich habe gesagt, ich nehme den jetzt und mache ihn rein“, sagte Nüsken. Für sie war das wohl eine Selbstverständlichkeit.
Sjoeke Nüsken war Deutschlands beste Junioren-Tennisspielerin
Mentale Stärke hat ihr im Kindesalter eine andere Sportart gelehrt. Im Tennis galt sie als Toptalent, war Deutsche Meisterin bei der U9 und U10. Der Einzelsport brachte ihr bei, für jeden Fehler verantwortlich zu sein. Deshalb versteckt sich Nüsken auf dem Fußballplatz nicht. Sie will den Ball – und das Spiel gestalten. Immer und überall. In England gewann sie in der vergangenen Saison Meisterschaft, FA-Cup und Ligapokal. Gleichzeitig wurde sie im Nationalteam für Wück immer wichtiger, denn ihre Spielintelligenz braucht es für die Herangehensweise des Bundestrainers.
In der Schweiz wirkt seine mit der Nummer neun ausgestattete Strategin bei öffentlichen Auftritten meist eher zurückhaltend. Sie ist keine knackige Zitatgeberin wie die Frankfurterin Laura Freigang, die in jeder Lebenslage mit einem Spruch verblüfft. Nüsken hat etwas zu sagen, wenn sie gefragt wird. Was hatte bitte der angedeutete Telefonhörer bei ihrem Torjubel in Basel zu bedeuten? Den hat sie bei ihrem Arbeitgeber in London mit der kolumbianischen Nationalstürmerin Mayra Ramirez einstudiert: „Wir haben gesagt, dass wir es trotzdem weitermachen, egal ob sie in Kolumbien ist und ich hier.“ Letztlich war die Geste ja Ausdruck eines Hochgefühls. Auch ihr EM-Tief ist Vergangenheit.
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