Die Not war groß an diesem 20. März des Jahres 1966 in England, die Scham auch. In wenigen Monaten sollte die Weltmeisterschaft in dem Mutterland des Fußballs ausgetragen werden – doch seit diesem Tag fehlte etwas Entscheidendes: der WM-Pokal. Der Coupe Jules Rimet war auf einer Ausstellung präsentiert und dabei gestohlen worden. Am Ende sollte alles zwar wieder gut werden, die Zutaten für diese Geschichte haben es aber in sich: Eine Rolle spielen ein Erpresserbrief, eine Festnahme – und ein haariger Held namens Pickles, der wohl berühmteste Hund der Fußballgeschichte.
Aber der Reihe nach: Vier Monate vor dem WM-Start sollte der WM-Pokal der englischen Öffentlichkeit präsentiert werden. Den damals geeigneten Rahmen vermutete man auf der Stanley-Gibbons-Stampex-Briefmarkenmesse, die in der Westminster Central Hall stattfand, in der Nähe des englischen Parlaments. Rund um die Uhr, so die Bedingung des damaligen Fifa-Präsidenten Stanley Rous, soll der Pokal bewacht und außerdem mit einer Summe von 30.000 Pfund versichert werden, was das Zehnfache des materiellen Werts des Pokals darstellte. Die Briefmarken in der Umgebung des Pokals waren damals weitaus wertvoller.
Während der Mittagspause schlug der Dieb zu
Das hielt Edward Betchley, einen 47-jährigen Dockarbeiter, aber nicht ab. Am Sonntag des 20. März 1966 wurde die Ausstellung für eine Stunde geschlossen. Auch das Wachpersonal machte Mittagspause. Währenddessen verschaffte sich Betchley über einen Gottesdienst, der ein Stockwerk unter der Ausstellung stattfand, Zutritt zum Gebäude. Ohne Spuren zu hinterlassen, drang er in die Ausstellung ein und spazierte mit dem WM-Pokal hinaus.
Die Welt war damals noch eine andere, die Bestürzung über den Diebstahl war aber groß. Ob England denn die Sicherheit bei der WM überhaupt gewährleisten könne, wenn man nicht einmal den WM-Pokal bewachen könne, fragten die Zeitungen. Eine Schande sei es, dass nach gerade mal einem Tag der Pokal weg sei. Die Nummer eins der englischen Charts in diesen Tagen passte zur Stimmung: „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ von den Walker Brothers. Eine Großfahndung von Scotland Yard blieb erfolglos.
Die Brasilianer meldeten sich: „Das wäre in Brasilien niemals passiert“
Weil Betchley mit seinem Diebstahl in erster Linie Geld verdienen wollte, schickte er einen Tag nach seinem Diebstahl einen Erpresserbrief an den englischen Fußballverband FA. 15.000 Pfund Lösegeld solle man ihm zahlen, andernfalls werde er den Pokal einschmelzen. Bei der Geldübergabe eine Woche nach dem Diebstahl wurde Betchley zwar gefasst – den Ort, an dem er den Pokal versteckt hatte, wollte er aber nicht preisgeben.
Die Tage vergingen, in denen das Ansehen des Fußball-Mutterlands England litt. Aus Brasilien, dem Weltmeister der vergangenen beiden Turniere, meldete sich Verbandspräsident Abrain Tebel. Er sagte, dass sein Land den Pokal acht Jahre lang ohne Probleme gehütet habe – und kaum gebe man ihn nach England, sei er verschwunden. „Das wäre in Brasilien nie passiert. Selbst brasilianische Diebe lieben Fußball. Sie würden niemals solch ein Sakrileg begehen.“ Es sind Worte, die noch auf Brasilien zurückfallen sollten, aber dazu später mehr.
Der WM-Pokal war in Zeitungspapier eingewickelt und lehnte an einem Auto
Es sollte eine schwarz-weiß gefleckte Promenadenmischung namens Pickles (auf Deutsch: Gurke) sein, die England aus der Patsche half. Pickles und sein Herrchen David Corbett waren beim Gassigehen in Südlondon, als der Hund begann, aufgeregt an einem Paket zu schnuppern. „Es war in Zeitungspapier eingewickelt und mit Paketschnur zusammengebunden. So lehnte es an einem Rad des Autos eines Nachbarn“, erzählte Corbett dem Weltverband Fifa. „Ich riss ein Stück der Zeitung ab und sah eine runde Scheibe. Als ich mehr Papier abriss, kamen die Inschriften zum Vorschein – Brasilien, Deutschland, Uruguay... Ich ging schnell nach Hause zurück und sagte zu meiner Frau: ‘Ich glaube, ich habe den WM-Pokal gefunden!“
So war es. Corbett und Pickles machten sich auf den Weg in die nächste Polizeiwache, galten kurz als Verdächtige und wurden dann umgehend in den Heldenstatus erhoben. Pickles war der Hund, der England gerettet hatte. Er bekam eine Medaille, eine Jahresration Hundefutter und trat sogar in einem Film mit dem Titel Der Spion mit der kalten Nase auf. Sein Herrchen durfte sich über 3000 Pfund Finderlohn freuen, zusammen traten sie in Fernsehshows und bei öffentlichen Anlässen auf. Als Englands Nationalmannschaft den Titel gewonnen hatte, waren auch Pickles und Corbett beim Bankett eingeladen.
Der WM-Pokal ging 1970 in brasilianischem Besitz über, nachdem die Selecao zum dritten Mal Weltmeister geworden war – und verschwand im Dezember 1983 endgültig. Einbrecher hatten ihn aus der Zentrale des brasilianischen Fußballverbands gestohlen. Als sie gefasst wurden, gaben sie zu, ihn eingeschmolzen zu haben. So viel zum Thema Sakrileg. Pickles selbst starb ein Jahr nach seiner Heldentat im Kampf: Bei der Jagd nach einer Katze strangulierte er sich mit seinem Halsband an einem umgestürzten Baum. Er wurde im Garten von David Corbett begraben.
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