Immer mehr Menschen gehen Eisbaden: Mit Mütze und Badeanzug bekleidet, steigen sie im Winter kurz ins eisige Wasser. Es erfrischt den Geist, sagen die einen. Es hält die Erkältungen vom Leib, sagen die anderen. Viele Gesundheitsmythen ranken sich um das eiskalte Bad in Fluss oder See. Hält das Eisbaden, was manche Fitnessinfluencer versprechen? Zeit, einen Experten zu fragen.
Ein Anruf an der Fakultät für Sportbiologie der TU in München, wo Alexander Braunsperger-Wasserfurth zu den Effekten von Sport auf das braune Fettgewebe forscht. Braunsperger-Wasserfurth kommt selbst aus dem Leistungssport. Als ehemaliger American-Football-Spieler erinnert er sich vor allem an die Eistonne nach mehrtägigen Trainingsperioden. Als großer Enthusiast vom Eisbaden würde er sich nicht bezeichnen, aber: „Als Forscher ist es wichtig, Fakten zu generieren und Mythen aufzuklären.“ Denn es gebe durchaus Erkenntnisse, wie Eisbaden auf Training und Gesundheit wirke, sagt er. Aber: Die Eier legende Wollmilchsau, das sei das Eisbaden nicht.
Eisbaden: Durchblutung verbessert sich
Vor allem was langfristige Wirkungen angeht, sei die Studienlage dünn. Kurzfristig konnte man aber beobachten, dass Eisbäder die Bildung von roten Blutkörperchen anregen und die Durchblutung erhöhen, sagt Braunsperger-Wasserfurth. Das entspreche dem akuten Effekt von Sport, wo ebenfalls mehr Sauerstoff durchs Blut transportiert wird.
In Skandinavien konnten Forscherinnen und Forscher bei einer Gruppe von Winterschwimmern außerdem mehr aktives braunes Fett feststellen. Weitere Beobachtungsstudien zeigen: Wer mehr braunes Fett hat, bei dem ist etwa die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu erkranken, geringer. Limitiert seien die Ergebnisse, weil Menschen, die Eisbaden, möglicherweise generell einen gesunden Lebensstil pflegen, sagt Braunsperger-Wasserfurth.
Ein weiterer Punkt, der oft genannt werde, sei die Regeneration. Viele Sportlerinnen und Sportler schwören schließlich auf ein Eisbad nach dem Training. So einfach ist das aber nicht, wie Braunsperger-Wasserfurth erklärt: „Wenn ich das Ziel habe, Muskeln aufzubauen, bremst ein Eisbad die durch Krafttraining induzierte Muskelhypertrophie“, sagt er. Denn ein Eisbad nach dem Krafttraining unterdrücke Entzündungsprozesse im Körper, die aber nötig seien, um sich an den Trainingsreiz anzupassen. Wenn jedoch die Trainingsanpassung weniger wichtig sei und stattdessen zähle, frisch und erholt zu sein, empfehle sich ein Eisbad eher: vor einem Wettkampf oder in einem Trainingslager zum Beispiel.
Dann gebe es Studien, die auf Fragebögen basieren und das subjektive Empfinden der Eisbadenden ins Zentrum rücken. Viele Menschen geben demnach an, dass ein Eisbad Schmerzen lindere und die Erholung der Muskeln fördere. Außerdem befanden die Eisbadenden, dass direkt nach dem Eisbad ihre Stimmung steige. „Daraus kann ich aber nicht ableiten, dass regelmäßige Eisbäder bei psychischen Erkrankungen helfen“, sagt Braunsperger-Wasserfurth. Dazu gebe es keine Studienlage. Allgemein gelte: „Wenn es auf diese Effekte hindeutet und keinen Schaden anrichtet, kann ein Eisbad sinnvoll sein“, sagt Braunsperger-Wasserfurth.
Eisbaden und Immunsystem: Keine Studienlage
Mit dem Mythos vom Boost fürs Immunsystem räumt Braunsperger-Wasserfurth aber auf. Bisher wisse man lediglich aus Studien mit Mäusen, dass Fettzellen isoliert bei Kälteanwendungen anders wachsen, erklärt er. „Aber wir haben keine Daten, ob Kältebäder das Risiko für eine Infektion reduzieren“, sagt er.
Auch auf die Risiken des Eisbads will Alexander Braunsperger-Wasserfurth aufmerksam machen. Etwa, dass der Körper einen Kälteschock erleiden kann. Das könnte zu unkontrollierter Atmung und Herz-Rhythmus-Störungen führen, sagt Braunsperger-Wasserfurth. Gefährdet seien besonders Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber auch Ohnmacht, Unterkühlung oder Krämpfe im kalten Wasser könnten im offenen Gewässer zur Todesgefahr werden. Erst kürzlich verunglückte ein Eisbader in Wismar tödlich in einem gefrorenen Teich. Der 40-Jährige hatte zuvor zwei Löcher ins Eis geschlagen und wollte sich dabei filmen, wie er von einem Eisloch zum anderen tauchte. Die DLRG empfiehlt deshalb, nie allein Eisbaden zu gehen, sich langsam an ein Eisbad im See heranzutasten und den Kopf nicht unter Wasser zu tauchen.
Alexander Braunsperger-Wasserfurth hat selbst spezifische Erkenntnisse aus seiner Forschung ziehen können. In seiner Studie schickte er Probandinnen und Probanden morgens und abends zum Eisbaden. Er wollte herausfinden, ob sich ein Eisbad zu diesen unterschiedlichen Tageszeiten anders auf Hormone und Blutfette auswirkt. Sein Fazit: Ein Eisbad am Morgen mobilisiere mehr freie Fettsäuren im Blut als am Abend. Nutzbar sei das etwa nach Nachtschichten oder bei einem Jetlag, weil es dem Körper den Reiz geben könne, näher an den normalen Rhythmus zu kommen.
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