Der Mietwagen-Mitarbeiter hat es gewiss gut gemeint. Ob denn ein kostenloses Upgrade in Ordnung sei? Selbstverständlich war es das. Wer kann schon widerstehen bei den aufeinanderfolgenden Wörtern „kostenlos“ und „Upgrade“? Sie sind gerade dazu angetan, die Sinne zu vernebeln. So kam es also, dass sich der Journalist statt mit einem eher kompakten Wagen nun mit einem überaus geräumigen Familien-Van die Straßen der USA zu eigen macht. Ein Blick auf das Fabrikat hätte allerdings zur Vorsicht gemahnt, handelt es sich doch um einen Honda Odyssey. Gegen einen Honda ist gewiss nichts einzuwenden. Aber Odyssey?
Der namensgebende griechische Held schipperte zehn Jahre durch das Mittelmeer, ehe er abgebrannt zu Hause ankam. Ab und zu hat es auch ihm die Sinne vernebelt. Es sei an die Sirenen erinnert. Ein Teil der Mannschaft wird zudem zwischenzeitlich in Schweine verwandelt. Abgesehen davon, dass das Visum für die USA keine zehnjährige Gültigkeit besitzt, würden sich Arbeitgeber und Familie zurecht wundern, wenn sich nach dem Ablauf einer Dekade ein bärtiger Typ zurück von der Fußball-Weltmeisterschaft des Jahres 2026 meldet. Und möglicherweise noch Borstentiere im Gepäck hat. Soweit muss es freilich nicht kommen. Bisher versieht der Honda seinen Dienst sehr aufmerksam und dank mobiler Navigationssysteme ist nicht anzunehmen, dass der WM-Trip in einer zehnjährigen Irrfahrt endet.
Zehn Stunden mit Wagner nach New York. Für manch einen ein Traum.
Ohnehin werden die größeren Strecken mit dem Flugzeug zurückgelegt. Über derart moderne Fortbewegungsmittel verfügte Odysseus dereinst nicht. Ein Journalisten-Kollege aber will auf den Spuren des Abenteurers wandeln. Oder rollen. Statt mit dem Fluggerät machte er sich mit dem Auto auf die Fahrt nach New York. Was er da zu tun gedenkt, da das erste deutsche Spiel in Houston stattfindet: Möglicherweise ist er schon von Sinnen. Die rund zehnstündige Fahrt von Winston-Salem aus ist freilich nicht mit der Irrfahrt des Odysseus zu vergleichen. Als Alleinreisender aber muss sich der Logograph selbst um Zerstreuung verdient machen.
Die Wahl fällt auf Wagner. Nicht den Trainer, der sich als Nagelsmanns Fahrensmann vor zwei Jahren noch um einen märchenhaften Sommer verdient zu machen versuchte. Nein, eine bisher ungehörte Aufnahme Richard Wagners sollte die Fahrt verkürzen. Nibelungen, Walküren, Holländer, dergleichen. Wahrlich sagenhaft. So wie Odysseus. Oder der Honda, der sich bislang als zuverlässiger Begleiter erweist. Am 19. Juli findet das Finale in New York statt. Spätestens dann trennen sich die Wege.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren