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Artenrückgang im Lech
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Neue Fische sollen den Bestand stabilisieren

Hüseyin Aydin und Marco Mariani haben die Brutbox in eine mit Lechwasser gefüllte Wanne gestellt. So können sie die befruchteten Bachforelleneier ohne störende Strömung einbringen.
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Hüseyin Aydin und Marco Mariani haben die Brutbox in eine mit Lechwasser gefüllte Wanne gestellt. So können sie die befruchteten Bachforelleneier ohne störende Strömung einbringen.
Foto: Lech Wildlife Projekt

Der Fischbestand im Lech nimmt kontinuierlich ab. Woran das liegt und wie sich vier Männer aus Augsburg in Eigenregie gegen den Artenrückgang engagieren.

Es ist eisig an diesem Augsburger Vorsilvestertag. Der Wind pfeift, der Himmel ist grau, die Temperaturen bewegen sich um den Gefrierpunkt – auf dem Sofa könnte es so gemütlich sein. Und dennoch: Zwei Männer stehen im Lech. Sie sammeln Kies, hämmern Metallstangen in den Boden, schrubben Steine. Die Arbeit ist schweißtreibend, trotz der niedrigen Temperaturen und des eisigen Wassers. Doch die beiden haben eine Mission. Persönliche Befindlichkeiten oder Sofalust stehen an diesem Tag hinten an.

Marco Mariani, Hüseyin Aydin, Bruno Mariani und Alexander Bäuerle sind das Lech Wildlife Projekt. Alexander Bäuerle rückte für Mitgründer Eduard Lochner nach.
Foto: Lech Wildlife Projekt


Normalerweise sind sie zu viert, aber diesmal – aus Infektionsschutzgründen – haben sich Marco Mariani und Alexander Bäuerle am 30. Dezember 2020 nur zu zweit am Lech getroffen, um die richtigen Voraussetzungen für die Aufzucht Abertausender orangefarbener Fischeier zu schaffen. Dafür müssen sie den Lech bereichsweise so umgestalten, dass alles passt: der Zustand der Kiesel, der Untergrund, die Umgebung. Nur so entwickeln sich aus den Fischeiern kleine Forellen, die den natürlichen Bestand im Fluss verstärken und stabilisieren. Denn um den sieht es alles andere als rosig aus. Warum? Dafür muss man etwas weiter ausholen.

In diesem Fischlein liegt die Hoffnung, den Bestand im Lech stabil zu halten.
Foto: Lech Wildlife Projekt

Der Lech: vom Gebirgsfluss zum gezähmten Gewässer

Der Lech war einst ein imposanter Gebirgsfluss. Sein mit 256 Kilometern langer Flusslauf von den österreichischen Alpen bis zur Mündung in die Donau war wild und ungezähmt. Gesteinsmaterial, das der Lech mit sich führte, veränderte das Flussbett stetig. Schmelzwasser aus den Bergen überflutete regelmäßig das Ufer, fruchtbare Auenlandschaften waren die Folge – paradiesische Zustände für Tiere und Pflanzen. Nicht jedoch für den Menschen. Denn unkontrollierbare Überschwemmungen und ein Fluss, der ständig seinen Verlauf ändert, passten so überhaupt nicht mit Hochwasserschutz und Landgewinnung zusammen. Also wurde der Lech reguliert: Zunächst seitlich am Ufer, später waren zusätzlich quer zur Fließrichtung errichtete Hürden nötig.

Diese Querbauten hat man nach und nach zu Wasserkraftwerken ausgebaut. Damit hatte der Lech endgültig seine natürliche Form eingebüßt. Gerade dem Kiestransport haben die Kraftwerke unüberwindbare Hindernisse gesetzt. Zum Vergleich: Vor dem Bau der Stauwerke transportierte der Lech auf Höhe des Hochablasses 79 000 Kubikmeter Kies pro Jahr, heute geht der Wert gegen null. Auch das Strömungsverhalten ist durch die Stauhaltungen nicht mehr natürlich. Dabei ist eine saubere Kiesschicht und ausreichende Strömung essenziell für die Fortpflanzung von Fischen. Auf den rund zehn Kilometern zwischen der Lechstaustufe 23 bei Merching und dem Hochablass sind beide Voraussetzungen kaum mehr gegeben.

Fischbestand im Lech nimmt ab

Zahlreiche heimische Fischarten sind deshalb in ihrem Bestand stark gefährdet. Und damit landen wir wieder bei Marco Mariani und seinen Gefährten. Sie alle sind Angler im genannten Bereich und haben über die Jahre festgestellt, dass der Fischbestand immer weiter abnimmt. Als dann 2008 erste Überlegungen der Bayerischen Staatsregierung zum Projekt „Licca liber – der freie Lech“ gemacht wurden, das zum Ziel hat, den Lech wieder an seinen natürlichen Zustand anzunähern, verfestigte sich in den Männern ihr Vorhaben: Sie wollten dafür sorgen, dass der Fischbestand im Lech stabilisiert wird, bis er sich dann irgendwann in einem Licca liber, einem freien Lech, wieder selbstständig regulieren kann. Und bis dahin besuchen die vier Mitglieder des Lech Wildlife Projekts – Marco Mariani, sein Vater Bruno Mariani, Hüseyin Aydin und Alexander Bäuerle – Jahr für Jahr im Winter den Lech und richten die Kinderstube ein – auf eigene Kosten und mit eigener Arbeitskraft.

Sind die kleinen Fischchen erst einmal geschlüpft, halten sie sich gern in flacherem Wasser auf, wo sie sich unter Steinen oder Wurzeln verstecken.
Foto: Lech Wildlife Projekt

Zunächst steht die Suche nach der passenden Stelle an. Durchströmt soll sie sein, aber nicht zu stark. Flache, strömungsberuhigte Bereiche mit Versteckmöglichkeiten müssen in der Nähe sein. Die Männer müssen vorhandenen Kies zusammentragen und von Ablagerungen befreien, ein Loch buddeln und dort die Brutboxen versenken. Und das alles für die Fisch’? Warum setzt man nicht einfach erwachsene Tiere ein und hofft, dass die sich vermehren?

Zuchtfische haben zu wenig Scheu im Fluss

Marco Mariani erklärt den ganzen Aufwand so: „Wir wollen eine selbsterhaltende Population an Wildfischen schaffen. Das ist nur mit im Gewässer aufgewachsenen Fischen möglich.“ Fische aus Fischzuchten wären nicht an die Strömung gewöhnt und würden einfach abgeschwemmt werden. Außerdem zeigten sie keine Scheu vor Fressfeinden – leichte Beute also für Kormorane und Gänsesäger, die im Lech jagen.

Für eine echte Wildfischpopulation müssen es echte Wildfische sein. Und das sind sie nur, wenn sie bereits im Lech aus dem Ei schlüpfen. Damit echte Lech-Wildfische heranwachsen, müssen die Eier außerdem von Fischen aus dem Lech stammen. Denn die Genetik unterscheidet sich von Fluss zu Fluss. Eine Isar-Forelle ist keine Lech-Forelle.

Brutboxen imitieren natürliche Umgebung der Fische

Woher er das weiß? Mariani und seine Mitstreiter haben sich im Vorfeld in zig wissenschaftliche Abhandlungen eingelesen, mit Experten ausgetauscht, sich biologisch weitergebildet. Bei ihren Studien sind sie damals auf ein Projekt der Universität für Bodenkunde in Wien gestoßen. Diese hatte Brutboxen für Fische entwickelt, die eine natürliche Umgebungen imitieren. Auf dieser Basis und mit ihrem neuen Wissen haben die Mitglieder vom Lech Wildlife Projekt eigene Brutboxen entwickelt und gebaut. Sie bestehen aus Edelstahl und haben je eine Schlupf- und eine Aufzuchtkammer. Außen sind sie mit einem Drahtnetz geschützt.

Die Brutbox besteht aus verschiedenen Kammern, in denen die Fischeier ihre Entwicklungen naturnah durchmachen können.
Foto: Lech Wildlife Projekt

Diese werden nun jährlich mit frisch geschrubbten Kieseln und Fischeiern aus der Lech-Fischzucht Sanktjohanser in Landsberg befüllt und im Lech vergraben. Dort können sich die Fischeier in ihrer natürlichen Umgebung entwickeln und bilden das sogenannte „Homing-Verhalten“ aus: Die Jungfische speichern den Ort als Heimat ab und versuchen, dort später einmal natürlich abzulaichen.

Derzeit gibt es nahezu keine geeigneten Stellen zum Ablaichen im Lech. Deshalb sorgt Jahr für Jahr das Lech Wildlife Projekt für frischen Fischnachwuchs im Lech. Aber irgendwann einmal, wenn der Lech wieder frei ist, sind die vier Männer im Winter vielleicht auch so frei und genießen ihre Wintertage auf der gemütlichen Couch.

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