Am vergangenen Mittwoch zog Fritz Carry traditionell die Fahne hoch in seinem Biergarten in der Badgasse. Zwei Tage zuvor hatte er bereits angekündigt, dass es der letzte Tag der diesjährigen Saison sein würde. Denn für Donnerstag sagte der Wetterbericht bereits Regen vorher. Und so kommen die Gäste dann auch zahlreich. Allein 70 Fahrräder stehen und lehnen im Eingangsbereich. Zwei Drittel der Besucher zählen zur Stammkundschaft. Manche saßen seit Mai jeden lauen Tag unter der schattigen Rotbuche und der mit Efeu umschlungenen Esche. So auch an diesem Abend, als Gerda Carry zum Saisonende – wie zum Biergartenstart – traditionell eine Rede hält. Sie endet mit den Worten: „Man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist.“ Und sie hatten richtig verstanden, die Gäste. Familie Carry gibt nach fünf Jahren größten Erfolgs die Bewirtung des Biergartens hinter der eigenen letzten wirklichen Brauerei im Landkreis Dillingen auf. Die Gäste sind geschockt, traurig und letztendlich sehr verständnisvoll, haben sie doch alle gesehen, mit welchem Engagement die Carrys einen pflanzlich und geschäftlich blühenden Biergarten aufgebaut haben.
Das einzige Manko: Sowohl der 58-jährige Fritz Carry als auch seine vier Jahre jüngere Frau Carry haben noch einen anderen Beruf. Ihr Wecker klingelt täglich zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Als Beamtin des Wasserrechts arbeitet Gerda Carry Teilzeit am Dillinger Landratsamt, hilft dazu zwei Nachmittage ihrem Ehemann im Büro der Wertinger Schwanenbräu. Nach seinem Urgroßvater, Großvater und Vater sowie der eigenen Meisterschule hatte Fritz Carry die 600 Jahre alte Brauerei 1981 als Brauer und Mälzer übernommen. Um sieben Uhr morgens beginnt er seinen Dienst, in Produktionswochen noch früher. Nach Arbeitsende um 17 Uhr zog Fritz Carry fünf Jahre lang bei schönem Wetter übergangslos die Fahne im Biergarten, am rückwärtigen Ausgang der Brauerei hoch und begann auszuschenken: sein eigenes Bier und das ausgewählter Kollegen – zehn verschiedene Sorten. Dazu gab’s je einen Standardwein in Weiß und Rot. Seine Frau hatte nachmittags bereits das Essen vorbereitet: Sulzen, ein Obatzter und Wurstsalat, dazu wahlweise frisch aufgebackene Brezen oder Schwarzbrot – alles selbst zubereitet aus regionalen Produkten. „Meine Gäste bekamen das, was auch bei mir zuhause auf den Tischen kommen könnte“, sagt Gerda Carry.
Und die Besucher schätzten die traditionelle bayerische Biergartenkultur einschließlich der Wirtshausmusik „Fünf an Kraut“ aus Regensburg, die traditionell einmal jährlich im Biergarten aufspielte. Die einzige exotische Ausnahme auf der handgeschriebenen Speisetafel war das Mittelmeerteller. Bestehend aus 50 verschiedenen Komponenten variierte dieses täglich. Entstanden als Alternative zum frischen Salatteller für die Frauen und Vegetarier aßen es die Männer irgendwann mindestens genauso gerne. Selbst die Weinblätter dafür rollte Gerda Carry selbst – oft an ihrem einzigen freien Wochentag, dem Sonntag. „Es war eine tolle Zeit“, sagt Fritz Carry rückblickend. „Die wir nicht missen wollen“, ergänzt seine Frau Gerda. Und beide fügen sie klar an: „Jetzt ist die Grenze erreicht.“
Bei der Entscheidung stimmen Gefühl und Verstand überein. Damals vor fünf Jahren hätten sie rein „aus dem Bauch heraus“ entschieden. Nach 15 Jahren hatte Franz Weber seine Pacht gekündigt, ein Jahr bevor er auch sein Restaurant „Schmankerlstube“ wenige Meter von dem Biergarten entfernt, aufgab. Parkplätze, Toiletten, einen Spielplatz und gekiesten Aufgang – alles hatten die Carrys liebevoll nach mehreren Ausflügen in andere Biergärten angelegt. Ihnen war wichtig, dass es weiterging. Als manche sie davon abhalten wollten, wachte bei dem Ehepaar Carry der Kampfgeist auf. „Wollen mal sehen, ob wer kommt“, erzählt Fritz Carry schmunzelnd von ihren Gedanken. Sie kamen sehr wohl die Besucher. „Von Anfang an, ohne dass wir je irgendeine Werbung machen mussten.“ Gerda Carry staunt noch heute. Sowohl am Saisonbeginn als auch an jedem geöffneten Tag aßen, tranken und unterhielten sie sich bei ihnen. Anfangs konnte sich einer der beiden zwischendurch auch mal dazu setzen. Doch die Gäste wurden immer mehr, sodass die letzten Jahre selbst Sohn Johannes täglich mithelfen musste. Er tat’s gerne in Schulzeiten. Doch ab Herbst beginnt der 18-Jährige zu studieren und fällt somit aus. Ein Grund mehr, der das Ehepaar dazu brachte, einen Schlussstrich unter fünf Jahre zu ziehen. Eine Zeit, in denen sie 5000 Brezen gebacken, 1500 Sulzen gerichtet, eine Tonne Kartoffeln zu Salat verarbeitet, 1,5 Tonnen Würstchen gebraten und weitere 1,5 Tonnen Wurst zu Wurstsalat geschnitten sowie ganze Laster voll Gemüse zu Mittelmeertellern kreiert haben. „In einem Alter, in dem andere an Alterszeit denken, haben wir mit der Bewirtung des Biergartens angefangen“, sagt Gerda Carry. Das Geld sei ein schöner Nebeneffekt gewesen. „Doch eigentlich sahen wir es als unser Hobby“, sagen sie. Dieses Jahr mussten sie sich allerdings immer wieder gegenseitig motivieren. Sie sehen die eigenen Grenzen und gleichzeitig, wie gut der Biergarten mittlerweile läuft. Daher fangen sie bereits jetzt intensiv an, einen Nachfolger für den Betrieb zu finden und laden Interessenten ein, sich bei ihnen zu melden. Was es dafür als Voraussetzung braucht? „Sauberkeit, frisches Essen und Disziplin.“ Das, zusammen mit einem familiären Umgang sei auch ihr Erfolgsgeheimnis gewesen.
Gerda und Fritz Carry schauen gerne darauf zurück: „So viel Anerkennung haben wir beide in unserer beruflichen Laufbahn noch nie vorher bekommen“, sagen sie. Viele bedankten sich allabendlich, bevor sie nach Hause gingen persönlich bei ihnen für den schönen Abend. Am vergangenen Mittwoch weiteten die Gäste den Dank aus auf „die schöne Zeit in fünf Jahren“.