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Georg Barfuß: Zurück ins Leben

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Georg Barfuß: Zurück ins Leben

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    Georg Barfuß hat zwei sehr beschwerliche Jahre hinter sich. Der ehemalige Landtagsabgeordnete ist Anfang 2015 am Guillain-Barré-Syndrom erkrankt. Nun kämpft er sich ins Leben zurück.
    Georg Barfuß hat zwei sehr beschwerliche Jahre hinter sich. Der ehemalige Landtagsabgeordnete ist Anfang 2015 am Guillain-Barré-Syndrom erkrankt. Nun kämpft er sich ins Leben zurück. Foto: Stephanie Sartor

    Es gibt Momente, in denen schließt Georg Barfuß einfach die Augen und träumt sich davon. In Gedanken läuft er dann an der Donau entlang, atmet die frische Luft, hört das Rascheln des Laubes unter seinen Füßen. Es ist weit mehr als nur ein Tagtraum. Es ist die Möglichkeit, für ein paar Augenblicke die Realität zu verlassen. Abstand zu einem Leben zu gewinnen, das in den vergangenen zwei Jahren ein beschwerliches war. Ohne diese kleinen gedanklichen Fluchten, hinaus in die Natur, hinab ans Donauufer, wäre er verrückt geworden, sagt Barfuß.

    Er sitzt in seinem Rollstuhl im Wohnzimmer seines Sohnes. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein aus Papier gebastelter Würfel mit grünen Punkten. Der Opa-Würfel, sagt sein Enkel dazu. Barfuß greift danach, dreht den Würfel in seinen Händen hin und her. Dann lächelt er und sagt: „In diesem Jahr schaffe ich es, eine Kugel an den Christbaum zu hängen.“ Das war eigentlich schon im vergangenen Jahr sein Ziel. Aber dafür war sein Zustand damals noch zu schlecht. Im Frühjahr 2015 war der ehemalige Lauinger Bürgermeister und Landtagsabgeordnete an einer seltenen Nervenkrankheit, dem Guillain-Barré-Syndrom, erkrankt.

    Der FDP-Kreisrat erinnert sich noch genau an jenen Tag, der sein Leben für immer verändern sollte. Es ist der 27. Februar 2015. Barfuß liegt schon im Bett, geht dann aber noch einmal ins Bad. Er fängt an zu torkeln, setzt sich auf die Toilette – und schafft es nicht mehr aufzustehen. Seine Füße bewegen sich nicht. Er robbt mit letzter Kraft zurück ins Schlafzimmer, greift nach dem Mobiltelefon auf dem Nachttisch, ruft seinen Sohn an.

    Barfuß wird ins Dillinger Krankenhaus gebracht, dort stellen die Ärzte fest, dass er umgehend nach Günzburg verlegt werden muss. Drei Mediziner sitzen ihm dort gegenüber, schlagen ihm vor, ihn sofort ins künstliche Koma zu versetzen. Barfuß stimmt zu. Von da an weiß er nichts mehr.

    Nach drei Wochen wacht der Lauinger wieder auf, starrt an die weiße Decke über ihm und fragt sich, wo er ist. Dann merkt er, dass er nicht atmen kann und dass das eine Maschine für ihn übernimmt. Er will etwas sagen, aber aus seinem Mund dringen keine Laute. Er will sich bewegen, aber sein Körper reagiert nicht. „Ich hatte das Gefühl, dass meine Seele in diesem Moment gehen wollte“, sagt Barfuß heute. Überhaupt sei seine Seele in den vergangenen Monaten oft rebellisch gewesen. „Aber dann kam mein Verstand und sagte: ‚Stopp‘. Ich habe gelernt, dass der Verstand immer der Reiter ist und nicht der Gaul“, sagt er und lächelt.

    Vier Monate nachdem Barfuß in seinem Badezimmer zusammengebrochen ist, zeigen sich erste Fortschritte. Er darf in einem Stehbett stehen, damit sein Kreislauf wieder in Schwung kommt. „Ich war zu diesem Zeitpunkt nur Materie, die alle paar Stunden gewendet wird“, erinnert sich Barfuß an diese dunklen Stunden. Aber der Glaube an Gott habe ihm geholfen. „Ich sagte zu Gott: Ich akzeptiere die Krankheit. Bitte gib mir die Kraft, das durchzustehen.“ Und Barfuß steht es durch, egal wie klein die Fortschritte zunächst sind. Als er das erste Mal aufsteht, kann er sich gerade einmal fünf Sekunden auf den Beinen halten.

    Heute ist vieles anders. Wenn Barfuß auf das zu Ende gehende Jahr blickt, dann blickt er auch auf große gesundheitliche Fortschritte. Inzwischen gelingt es ihm schon, mit dem Rollator zu laufen, und im Schlaf kann er sich mittlerweile wieder auf die Seite drehen. „Es gab aber auch immer wieder Momente, in denen ich sagte: Ich will hier raus“, gibt Barfuß zu.

    Dann fährt er mit seinem Rollstuhl ein Stück zurück, stemmt die Hände in die Armlehnen, hievt sich ein Stück nach oben, hält die Position für einige Sekunden. „Ich bin kurz davor, selbst aufzustehen“, sagt er stolz. Und das ist auch sein großes Ziel für 2017. Dann möchte er nach München fahren, ins Hofbräuhaus gehen, eine Mass Bier trinken und eine Schweinshaxe essen.

    Barfuß greift nach seinem Mobiltelefon, navigiert sich mit seinem Daumen durch das Menü. Er sucht nach einem Video, mit dem er zeigen will, wie nah er seinem Ziel schon gekommen ist. Als er das Video abspielt, lächelt er. Auf dem Bildschirm ist Barfuß bei seiner Therapie auf einem Laufband zu sehen. Er steht auf eigenen Beinen, stützt sich nur auf eine Stange an der Seite. Sollte er doch umfallen, ist er mit einem Gurt gesichert. 180 Meter mit drei Grad Steigung läuft Barfuß in diesem Video. Er bewegt sich nur langsam, mit 1,3 Stundenkilometern. Aber er bewegt sich.

    Barfuß wird wahrscheinlich noch oft auf das Laufband treten, noch oft gegen seine rebellische Seele kämpfen, noch oft seine ganze Kraft aufbringen müssen. Und wenn er sich von der Realität hin und wieder ein kleines bisschen erholen will, dann bleibt ihm immer noch seine Fantasie. Dann schließt er die Augen, läuft in Gedanken an der Donau entlang und träumt sich einfach davon.

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