Buttenwiesen Vor 70 Jahren wurden Juden aus Buttenwiesen und Binswangen in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten nach Polen deportiert. Der Buttenwiesener Leonhard Fischer – in wenigen Tagen wird er 86 Jahre alt – ist einer der heute noch seltenen Zeitzeugen, die sich an das jüdische Leben in der Zusamtalgemeinde erinnern können. „Ja, natürlich, ich bin mit jüdischen Kindern in die Schule gegangen. Drei waren in meiner Klasse.“ Leonhard Fischer gräbt tief in seinem Gedächtnis, um nach den Namen zu forschen: „Heinz Bless hat einer geheißen.“
Als Bub hat Fischer „mit jüdischen Kindern gespielt, so wie mit den anderen auch – ganz normal“. Nur am Samstag nicht: „Da sind die Juden in die Synagoge gegangen.“ Und beim Religionsunterricht in der Schule: „Da sind sie rausgegangen. Sie hatten ihren Religionsunterricht in der Judenschul’ droben.“ Leonhard Fischer lebt heute noch in einem Haus in der Schlossergasse, das einst einem Juden gehörte. Fischer holt die Kaufurkunde aus dem Schrank. „Früher war ja jedes dritte Haus hier jüdisch.“ Er zeigt auf die Unterschriften. „Unser Haus hier, das haben meine Eltern 1911 gekauft von einer Nanny Loewenstein.“
Fischer stammt aus einer Metzgereifamilie, ist selbst gelernter Metzgermeister. „Hier auf dem Anwesen haben meine Eltern immer für die Juden geschächtet.“ Meistens waren es Rinder, Ochsen, die geschlachtet wurden, erzählt Fischer: „Die Tiere wurden auf den Rücken gelegt, und dann kam der Rabbiner und hat sie mit einem langen Schnitt getötet.“ Von überall her seien die Juden in die Metzgerei seines Vaters gekommen. Auch die unmittelbaren Nachbarn waren Juden: „Das war der Leo Reiter, der hat mit Häusern gehandelt. Bei dem haben wir Kinder immer Mazes gekriegt, jüdisches Brot. Das war so ähnlich wie ein dicker Pfannkuchen“, weiß Leonhard Fischer noch. Und dass der Reiter zwei Töchter hatte: „Liesel und Kathl – die sind alle nach Amerika.“ Warum und wann, weiß Leonhard Fischer nicht. Er zieht ein Album aus dem Regal: „Mit den Juden haben wir hier ganz normal gelebt. Die waren überall dabei. Da war noch kein Zwiespalt.“ Er zeigt auf ein Foto aus den zwanziger/dreißiger Jahren. Schon damals gehörten die Buttenwiesener Turner zu den besten in Bayern. „Das ist die Mannschaft, die eine Meisterschaft in Bayern gewonnen hat.“ Mit dabei Fischers Bruder Franz und der jüdische Turner Siegfried Frank. Was ist aus ihm geworden? Fischer weiß es nicht genau: „Er ist wohl auch fortgekommen“.
Damals, vor 70 Jahren, als die Juden aus Buttenwiesen abtransportiert wurden, war Leonhard Fischer 16 Jahre alt. Er erinnert sich nicht an den Tag. Es ist ihm nur aufgefallen, dass im Laufe der Zeit immer mehr Häuser leer wurden: „Die haben’s einfach abgeholt“, sagt Fischer. Nach und nach wurden die jüdischen Häuser verkauft.
Auch das Nachbarhaus, das dem Leo Reiter gehört hatte: „Der war reich, der hatte schöne Möbel. Das gute Sach ist so weggekommen, das andere wurde versteigert“, weiß Fischer von seiner Mutter, die dort ein und ausgegangen war. Leonhard Fischer beschäftigt sich noch viel mit dieser Zeit. Auch mit seinem eigenen Schicksal, das den damals jungen Mann noch schwer treffen sollte. Kurze Zeit, nachdem die Juden weg waren, wurde Fischer zum Militärdienst eingezogen, überlebte schwere Verwundungen und den verheerenden Luftangriff auf Dresden. Doch das ist eine andere Geschichte...
Gedenken Am morgigen Sonntag, 1. April, findet um 20 Uhr auf dem Schulplatz eine Feier zum Gedenken an die Deportation der jüdischen Bürger aus Buttenwiesen statt. Das Gedenken an die NS-Opfer ist auch ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.