Von Margot Sylvia Ruf
Lauterbach „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“. Richard David Prechts Buchtitel könnte ihm auf den Leib geschrieben sein. Helmut Schleich unterhielt mit seinem Hineinschlüpfen in so unterschiedliche Personenformate wie Helmut Schmidt, Papst Benedikt oder Ottfried Fischer das Publikum in Lauterbach vom Feinsten. Der Kabarettist und Satiriker verhalf dem Brettlverein bereits das dritte Mal zu viel Renommee. Und dass er ein illegitimer Sprössling von Franz Josef Strauß sein soll, den er unnachahmlich für andere so umwerfend karikiert, hält nicht zuletzt er selbst für ein ganz böses Gerücht. Schleich füllt bei seinem spektakulären Auftritt die Turnhalle mühelos bis auf den letzten Platz.
Nach fünf Minuten verbalem Dauerfeuer schwitzt der sprachgewaltige Kraftprotz beim imaginären Stammtischauftritt wie ein Ackergaul. Mit dem Abwischen der Schweißtropfen kommt er gar nicht mehr nach, wenn er den Spagat zwischen politischem Kabarett und Gesellschaftssatire schultert. Und dass er so ganz nebenbei mehr schauspielerische Qualitäten aufweist als so mancher Berufskollege, dankt ihm das Publikum immer wieder mit lautstarkem Applaus. Schleich wettert gegen den permanenten Drang so mancher Zeitgenossen zur uneingeschränkten Meinungsbildung per Internet („Opinion Scout 24“) und geht mit Politikern wie Markus Söder, den er für einen „buttermilchgesäugten Politikpygmäen“ hält, schonungslos ins Gericht. Er schimpft über die „schwarz-gelbe Katastrophen-Koalition“ und ist trotz mancher bitteren Verbalattacke in einer ganz kleinen Ecke seines Kabarettistenherzens einer, der für die menschlichen Schwächen augenzwinkernd Verständnis aufbringt.
Und immer wieder ergreift den Satiriker die übermächtige Person von FJS, dem einst bayerischen CSU-Poltergeist, posthum am Schlafittchen. Wenn Schleich die Schultern hochzieht, den ohnehin viel zu kurzen Hals noch kürzer werden lässt und auf den Fußspitzen wippt, hält es das Publikum kaum mehr auf den Sitzen. Der lange Schatten des legendären krachledernen Politikers scheint nicht totzukriegen und die Kabarettistenszene noch lange mit Leben zu erfüllen. Und ob diese Figur den Satiriker jemals wieder loslassen wird, ist eine spannende offene Frage.
Am stärksten ist Schleich, wenn er den Dialog mit Papst Benedikt und Strauß aufnimmt, blitzschnell in deren Personenbilder schlüpft, daneben flugs mal Helmut Schmidt zu Wort kommen lässt und auch noch seinen berühmten Kollegen Ottfried Fischer in die Diskussion einbezieht. Kein Wunder, dass sich der Satiriker später symbolisch „auf die Couch“ legt, um all den Wahnsinn unserer Zeit überhaupt ertragen zu können. Kabarettistenkollege Ottfried Fischer kann es als großes Kompliment ansehen, wenn Schleich ihn bei seinen Auftritten unverwechselbar skizziert, ohne verletzend zu wirken. Ein wahres Husarenstückchen! Was für Szenenauftritte, die man als Kabarettfreund nicht so schnell vergessen dürfte.
Am Ende tosender Beifall, an dem sich nicht zuletzt der Buttenwiesener Bürgermeister Norbert Beutmüller sowie Brettlverein-Chef Sauter heftig beteiligen. Und ein Mittfünfziger bringt es am Ende auf den Punkt, als er sich den Anorak überstreift: „A Hund isch er scho!“ und kopfschüttelnd in die bitterkalte Freitagnacht hinausgeht. Das höchste Kompliment in Bayern hatte er da für Helmut Schleich übrig. Und sagte man das einst nicht auch über FJS? Bedenklich, bedenklich!