Die meisten Geschäfte sind geschlossen, der sonst so belebte Marktplatz ist fast menschenleer; die Corona-Pandemie hat Wertingen fest im Griff. Die Zusamstadt erlebt wie ganz Deutschland die größte Krise seit dem 2. Weltkrieg. Ein Blick in die Vergangenheit macht jedoch Mut: Immer wieder mussten die Wertinger Krisen, Kriege und Katastrophen erleiden –aber stets nahm auch die schlimmste Not ein Ende und es folgten bessere Zeiten, wie Wertingens Stadtarchivar Dr. Johannes Mordstein sagt.
1388 brannten bayerische Reiter Wertingen nieder. Ein ähnliches Bild 1462: Nachdem die Wertinger nach drei Tagen erkannt hatten, dass die Stadtmauern einer weiteren Belagerung nicht standhalten würden, übergaben sie die Stadt den bayerischen Truppen. Sie erhielten dafür das Versprechen, vor Gewalttaten geschützt zu werden. Allerdings hielten sich die Söldner nicht an diese Übereinkunft: Wertingen wurde verwüstet, viele Einwohner wurden entführt und mussten gegen ein hohes Lösegeld freigekauft werden.
Die Wertinger litten sehr im Dreißigjährigen Krieg
Die schlimmste Ära der Wertinger Geschichte war ohne Zweifel der Dreißigjährige Krieg, der von 1618 bis 1648 andauerte. Nach dem Motto „Das Land ernährt den Krieg“ mussten auch die Wertinger immer wieder tausende Soldaten mit Lebensmitteln versorgen, immer wieder kam es zu Einquartierungen in Privathäusern, immer wieder zogen Seuchen durchs Land. „Das Leid der Menschen war unbeschreiblich“, sagt Stadtarchivar Mordstein. 1646 wurde die kleine Zusamstadt von den Schweden fast völlig eingeäschert, nur wenige Gebäude überstanden den Brand. Die traurige Bilanz: Zwei Drittel aller Einwohner starben an Hunger, der Pest oder durch Gewalttaten, die Stadt war eine Ruinenlandschaft. Dennoch: Die Wertinger verloren nicht ihren Lebensmut. Kurz nach Kriegsende machten sie sich an den Wiederaufbau. Bereits 1654 wurde mit dem Bau des Wertinger Schlosses begonnen, einige Jahre später wurde die Stadtpfarrkirche wieder errichtet.
Das Gefecht von 1805 zwischen den französischen Truppen Napoleons und den Österreichern machte Wertingen zwar weithin bekannt, für die Wertinger selbst brachte jedoch auch diese Zeit wieder viel Leid mit sich. Es waren weniger die direkten Kampfhandlungen – neben Gebäudeschäden war „nur“ ein Wertinger Todesopfer zu beklagen–, sondern die endlosen militärischen Auseinandersetzungen der Napoleonischen Kriege von 1792 bis 1815, die die Stadt in eine Krise stürzten. Wie schon im Dreißigjährigen Krieg mussten große Armeeverbände versorgt werden. Zu diesem Zweck nahm die Stadtverwaltung hohe Kredite auf, deren Rückzahlung Jahrzehnte andauerte.
Die Weltkriege hinterließen in der Zusamstadt Spuren
Die nächste große Katastrophe in der Wertinger Geschichte waren der 1. Weltkrieg und die unmittelbaren Nachkriegsjahre. 64 Wertinger Soldaten mussten in diesem Krieg ihr Leben lassen, an der „Heimatfront“ hungerten die Menschen, Lebensmittel wurden rationiert. Die Spanische Grippe forderte 1918/19 auch in Wertingen dutzende Todesopfer, die Inflation 1923 löste eine schwere Rezession aus. Doch auch auf diese Krise folgten bessere Zeiten: In den „goldenen Zwanzigerjahren“ erlebte Wertingen einen Aufschwung. So wurde etwa in diesen Jahren die alte Turnhalle gebaut, ebenso ein Freibad an der Zusam.
Die Machtergreifung der Nazis und der 2. Weltkrieg beendeten jedoch diese gute Phase. Der Krieg forderte insgesamt 187 Wertinger Todesopfer. Besonders schlimm traf es die Zusamstadt zum Kriegsende: Am 25. April 1945 wurde Wertingen von amerikanischen Tieffliegern angegriffen. Fünf Einwohner verloren dabei ihr Leben. Bei der Einnahme der Stadt durch US-Truppen fielen 26 deutsche und vier amerikanische Soldaten. Durch die Kampfhandlungen wurden insgesamt 40 Gebäude zerstört oder beschädigt.
In der Nachkriegszeit litten die Menschen unter der Rationierung von Lebensmitteln und Versorgungsgütern. Eine immense Herausforderung war zudem die Aufnahme von über 1000 Heimatvertriebenen, was die Bevölkerung um circa ein Drittel ansteigen ließ; insbesondere die Wohnungsnot nahm dramatische Ausmaße an. Jedoch auch diese Notzeiten überstanden die Wertinger. Der Wiederaufbau nach dem Krieg mündete in eine wirtschaftliche Blüte, in deren Rahmen Stabilität und Wohlstand nachhaltig erreicht werden konnten.
Nach der Krise florierte in Wertingen stets die Wirtschaft
Die Gebietsreform zu Beginn der 1970er-Jahre brachte neue Herausforderungen. Angesichts der Auflösung des Landkreises Wertingen und dem damit verbundenen Zentralitätsverlust befürchteten viele Pessimisten einen Niedergang Wertingens. Es kam jedoch anders: Das „schmucke Schwabenstädtchen“ bewahrte seine Mittelpunktsfunktion und entwickelte sich zu einer lebendigen, lebenswerten und wirtschaftlich starken Kleinstadt.
Die Organisatoren der 700-Jahr-Feier der Stadt Wertingen brachten es auf den Punkt, als sie das Jubeljahr 1974 unter das Motto „Eine Stadt wird leben!“ stellten. Und auch diesmal wird es wieder so sein: „Die Krise wird zu Ende gehen, danach wird Wertingen wieder leben und aufblühen“, ist sich Stadtarchivar Johannes Mordstein sicher. (pm)
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