Es sind intensive Momente, die Rudolf Horner noch einmal durchlebt, als er sich an die ersten Begegnungen mit den Menschen in Segré erinnert. Momente, die in den 80er-Jahren und damit einer anderen Zeit erlebt wurden, als die Gräuel des Zweiten Weltkriegs noch viel präsenter waren als heute. Wäre Horner nur eine Generation früher geboren worden, wäre er vielleicht als Soldat nach Frankreich gekommen.
Dementsprechend hatte der Lauinger Herzklopfen, als er mit einem voll besetzten Bus Gleichgesinnter das erste Mal in die heutige Partnerstadt Lauingens, die Kleinstadt Segré im Nordwesten Frankreichs, fuhr. Zuvor hatte es schon Kontakte zwischen den beiden Städten gegeben, und daraus war die Idee einer Städtepartnerschaft entsprungen. Doch diese mit Leben zu erfüllen, mit einer Fahrt nach Frankreich, das war für beide Städte Neuland. Als die Lauinger aus dem Bus stiegen und von den Segréern in Empfang genommen werden, fiel alle Anspannung innerhalb von Sekunden ab. „Da war eine riesige Herzlichkeit, von Anfang an. Auf beiden Seiten“, erinnert sich Horner.
Lauingen und Wertingen haben Städtepartnerschaften mit Frankreich
Mehr als 30 Jahre verbrachte Rudi Horner damit, die Städtepartnerschaften Lauingens mit Leben zu erfüllen. Heute kann er gar nicht mehr sagen, wie oft er schon in Segré gewesen ist. Sein Französisch ist zwar nicht das beste, doch haben sich zahlreiche Freundschaften ergeben. „Mit Händen und Füßen ist es immer gegangen“, sagt Horner. Niemand musste in der französischen Kleinstadt in ein Hotelzimmer ziehen, jeder fand in einer Familie einen Gastgeber. Dort wurden trotz Sprachbarrieren gelacht, getrunken, und unter zahlreichen Familien Freundschaften geschlossen. Viele dauern bis heute an. Wenn Horner heute zurückblickt, sagt er nicht ohne Stolz: „Wir haben unseren Beitrag zur Aussöhnung geleistet.“
Jede der fünf Städte im Landkreis unterhält Partnerschaften mit anderen Kommunen in Europa. Auch mit deutschen Städten: Höchstädt beispielsweise betreibt aktive Partnerschaften mit Ruppertsberg in Rheinland-Pfalz und Reinsdorf-Friedrichsgrün in Sachsen. Neue Wege beschreitet zum Beispiel Gundelfingen mit einer projektbezogenen Partnerschaft: Beim Thema Wasserwirtschaft besteht eine enge Verbindung zur Stadt Jimbolia in Rumänien.
Die Verbindungen in andere Teile Europas werden im Landratsamt Dillingen sehr gerne gesehen. Denn diese fördern nicht nur ein gemeinsames Erleben von Tradition, bieten Halt in Krisenzeiten und fördern Freundschaften. „Dadurch wird Europa für die Menschen in unserem Landkreis erlebbar“, sagt Landrat Leo Schrell.
Die Vereine veranstalten regelmäßig gemeinsame Aktionen
Zudem fördern sie die Innovation und bauen neue Wege und Strukturen in der innereuropäischen Zusammenarbeit auf. So ermöglichen die beiden Partnerstädte Wertingen und Fère-en-Tardenois in Frankreich ihren Schülern gegenseitig, Praktika zu absolvieren. Das stößt auf beiden Seiten auf großes Interesse. Die Vorsitzende des Partnerschaftsvereins auf Wertinger Seite, Hannelore Sutter, berichtet von ihren Erfahrungen, als sie einen Schüleraustausch miterlebte. „Alles freundliche, wohlerzogene junge Leute“, sagt Sutter. Sie selbst stieß durch ihre Neugierde auf fremde Kulturen und Sprachen vor über 25 Jahren auf den Partnerschaftsverein. Sie hat es nicht eine Sekunde bereut. Besonders im Gedächtnis geblieben sind ihr in den zahllosen Fahrten, die sie seither miterlebt hat, die gemeinsamen Auftritte der Vereine. „Diese gestalten immer etwas gemeinsam – nicht als Gegner“, sagt Sutter. So gab es in der Vergangenheit schon gemeinsame Auftritte des Akkordeonorchesters mit dem Musikverein von Fère-en-Tardenois, ebenso zeigten schon Sportler beider Städte gemeinsam bei Festakten ihr Können.
Eine besondere Fahrt steht Ende Mai an. Da wird eine etwa 60-köpfige Abordnung aus Wertingen, unter ihnen auch Bürgermeister Willy Lehmeier, nach Fère-en-Tardenois aufbrechen, um gemeinsam mit den französischen Freunden bei französischen Spezialitäten und gutem Wein die Partnerschaft zu feiern. Mitglieder der Stadtkapelle sind mit an Bord, Künstler beider Städte werden gemeinsam ihre Werke ausstellen. Wie die Lauinger brauchen sich die Wertinger Besucher keine Sorgen zu machen – Unterkunft werden sie wieder bei zahlreichen Gastfamilien finden.
Und doch gibt es auch eine Sorge, die Hannelore Sutter und Rudi Horner teilen. Beide äußerten gegenüber unserer Zeitung die Hoffnung, dass sich noch mehr junge Leute finden, die sich in die Städtepartnerschaften einbringen.
Lesen Sie dazu den Kommentar unseres Redakteurs: Gelebte Freundschaft in Wertingen und Frankreich
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