Im Lokalteil unserer Zeitung hat es schon lange nicht mehr einen so prominenten Leserbriefschreiber gegeben. Es ist der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel persönlich, der sich an unsere Redaktion gewandt hat. Der Grund: Der Wertinger Bürgermeisterkandidat Peter Seefried (BIW) hatte sich in einem Artikel zu einem angeblichen Gespräch mit Waigel geäußert, das 1989 in Wemding stattgefunden haben soll. Damals habe der Finanzminister zur Wiedervereinigung gesagt: „Steht nicht auf der Tagesordnung und kommt nicht auf die Tagesordnung.“ Nun widerspricht Waigel und nennt Seefrieds Behauptung eine „dreiste Unverschämtheit“.
Seefried erzählte von der angeblichen Aussage im Rahmen einer Porträtreihe unserer Zeitung, in der die vier Kandidaten und die Kandidatin um das Bürgermeisteramt in Wertingen vorgestellt wurden. Der Satz sei ein Jahr vor der Wiedervereinigung bei dem Fahrlehrer hängen geblieben. „Solche Wendehälse und Trittbrettfahrer mag ich nicht. Das dürfen Sie ruhig schreiben“, betonte Seefried im Gespräch. Und schob hinterher: „Dazu stehe ich.“ Bei der Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl in der Stadthalle Wertingen wiederholte das ehemalige NPD-Mitglied die Anekdote und betonte gleichzeitig seinen Patriotismus.
Streit um angebliche Aussage zur deutschen Wiedervereinigung
Von einem Nachbarn und Jugendfreund aus Oberrohr (Landkreis Günzburg), der heute im Holzheimer Ortsteil Ellerbach lebt, erfuhr Waigel von unserer Berichterstattung. Und möchte sich Seefrieds „absurde Behauptungen“ nicht nachsagen lassen. Am Telefon sagt Waigel: „Ich bin in meinem Leben schon immer so gewesen, dass ich mir nichts habe gefallen lassen.“ Die Aussage, an die sich Seefried erinnern will, habe er so nie getroffen. Die Sache sei ihm unerklärlich: An das angebliche Treffen bei einer CSU-Veranstaltung in Wemding 1989 kann sich Waigel nicht erinnern und weist auf die vielen Termine hin, die er zur damaligen Zeit wahrgenommen hatte. Sollte die Begegnung stattgefunden haben, glaubt Waigel: „Entweder hat sich Herr Seefried verhört oder es ist böser Wille.“
Die deutsche Wiedervereinigung sei stets Waigels Thema gewesen – er habe daran geglaubt, seitdem er sich mit Politik beschäftigte. Das könne er umfangreich mit Daten und Fakten belegen, zählt Presseberichte, Reden und Protokolle auf. Und geht in einem schriftlichen Statement ins Detail: „Am 11. September 1989 wurde ich in Banz gefragt, wie ich die Zukunft Deutschlands sehe. Meine Antwort: ‚Die deutsche Frage steht auf der Tagesordnung der Weltpolitik‘.“ Danach sei eine Flut von Beschimpfungen über den Politiker hereingebrochen, „meine Aussage sei blauäugig und illusionär“. Auf dem Deutschlandtreffen der Schlesier am 2. Juli 1989 hatte Waigel erklärt: „Unser politisches Ziel bleibt die Herstellung der staatlichen Einheit des deutschen Volkes in freier Selbstbestimmung.“ Doch der Schlüssel zur Deutschen Einheit lag damals in Moskau, wie Waigel beschreibt.
Die Ausdrücke „Wendehälse und Trittbrettfahrer“ müsse sich Waigel nicht gefallen lassen
Neben weiteren geschichtlichen Fakten und Jahreszahlen nennt Waigel den Staatsvertrag über die Einführung der D-Mark in der DDR, den er am 18. Mai 1990 im Palais Schaumburg unterzeichnete. „Damit war ein irreversibler Schritt zur Deutschen Einheit vollzogen“, so der ehemalige Finanzminister. Die Ausdrücke „Wendehälse und Trittbrettfahrer“ müsse er sich nicht gefallen lassen. Doch er habe bereits die Erfahrung gemacht, dass man es in gewissen Kreisen mit der Wahrheit nicht so genau nehme. Dabei spielt er auf Seefrieds ehemalige NPD-Mitgliedschaft an und nennt die Republikaner, für die der Bürgermeisterkandidat im Dillinger Kreistag sitzt und erneut antritt.
Derweil sieht Seefried selbst die Sache ganz anders. Er rücke von seinen Aussagen „keinen Zentimeter ab“, „tausendprozentig“ habe es sich in Wemding so zugetragen. Waigel hätte die Aussage öffentlich getätigt und er, Seefried, habe das nicht missverstanden. Wenn der einstige Bundespolitiker das bestreite oder sich „aufgrund seines hohen Alters“ nicht mehr daran erinnere, „dann ist das sein Problem“. Dass Seefried nie ein Fan Waigels war, bekräftigt er mit einer weiteren Anekdote: Nachdem er 1999 seinen Meistertitel als Landmaschinentechniker erhalten hatte, habe er Theo Waigel auf der Bühne in der Augsburger Kongresshalle nicht die Hand geschüttelt. „Dem Totengräber der D-Mark gebe ich nicht die Hand“, sagt Seefried, und gibt damit einen Einblick in seine Ansichten.
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