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Interview

24.10.2019

90 Jahre nach Börsen-Crash: Droht uns erneut eine weltweite Krise?

Der Kurszusammenbruch der New Yorker Börse löste die Weltwirtschaftskrise aus, bei der die US-Aktienkurse bis zum Sommer 1932 fast 90 Prozent ihres Wertes verloren.
Bild: dpa (Archivfoto)

Plus Mit einem Kurssturz begann 1929 die Weltwirtschaftskrise. Professor Jan-Otmar Hesse ist Wirtschaftshistoriker und erklärt, ob so etwas auch heute möglich wäre.

Herr Hesse, was genau ist am 24. Oktober 1929 passiert?

Jan-Otmar Hesse: An diesem Donnerstag gab es einen sehr großen Kurssturz an der New Yorker Wall Street, wo vor allem die großen Industriewerte sehr, sehr stark gesunken sind. Sehr, sehr stark heißt in diesem Zusammenhang 15 Prozent an einem Tag. Das hört sich nicht so spektakulär an. Das Problem war eher, dass am darauffolgenden Dienstag nochmal so ein Kurssturz stattfand und dass unglaublich viele Aktien verkauft wurden. Zum Verständnis: In den darauf folgenden Wochen sind so viele Aktien verkauft worden wie normalerweise in einem ganzen Jahr. Die Schwierigkeit in der Zeit war, dass es noch keine elektronischen Handelssysteme gab. Der Börsenticker, der damals die Kurse in die Banken gefunkt hat, kam gar nicht mehr nach, weil so viel Angebot war. Daher wusste man auch gar nicht genau, wo der Kurs gerade war, was dann zu einer regelrechten Panik geführt hat.

Was war der ursprüngliche Auslöser des ersten Kurssturzes?

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Hesse: Vor der Börsenkrise gab es einen Börsenboom. Es gab damals einige Innovationen, die dazu geführt haben, dass die Kurse zuvor so stark angestiegen waren. Der Dow-Jones-Index, der heute die gesamte amerikanische Börse abbildet, war damals noch ein Industrieindex, und hatte sich rund zwölf Monate davor fast verdoppelt. In diesem Börsenboom war ganz viel Kapital in Aktien geflossen, sodass sie überbewertet waren. Die Börsenkrise war also eigentlich nur eine Kurskorrektur. Das hilft aber relativ wenig, denn wenn die Panik da ist, beherrscht sie alles.

Was waren diese Innovationen, die zuvor zum starken Kursanstieg geführt haben?

Hesse: Eine Innovation war, dass Aktien auf Kredit gekauft wurden. Man hatte eigentlich gar kein Geld, wollte aber an diesem großen Börsenboom teilhaben und verschuldete sich. Deswegen war es dann hinterher so fatal, da viele Menschen Geld verloren haben, was sie gar nicht hatten. Eine weitere Innovation waren Investmentfonds, die dazu führten, dass große Aktienpakete gekauft werden. Mit relativ kleinem Kapital konnte man sich schon an so einem Fonds beteiligen.

Auch heute kann man sich mit wenig Kapital – beispielsweise ETFs - an einem Fonds beteiligen. Ist die Situation vergleichbar?

Hesse: Dennoch ist das schwer vergleichbar. Für die USA wird zwar immer von der sogenannten Dienstmädchenhausse gesprochen – ein schrecklich sexistisches Wort, was trotzdem noch häufig benutzt wird. Damit will man sagen, dass sehr viele Privatanleger in den USA Aktien hatten, in Panik geraten sind und nur weil diese irrationalen Dienstmädchen sich nicht vernünftig verhalten haben, wäre die Börsenkrise losgetreten worden. Das ist eine sehr verbreitete Interpretation, an der aber nicht viel dran ist. Von den amerikanischen Haushalten hatten gerade einmal zwei Prozent Aktien. Das ist heutzutage selbst in Deutschland – und wir sind ja bekanntlich Aktienmuffel – viel mehr. Haushalte heute investieren gern in ETFs. In Investmentfonds damals haben professionelle Anleger investiert.

War denn ein Börsencrash, wie es ihn am 24. Oktober 1929 gegeben hat, absehbar?

Hesse: Ja und nein, muss man sagen. Es gab sehr große und damals schon sehr anerkannte Ökonomen, die überhaupt nichts abgesehen und selber ganz stark investiert haben. Der Ökonom Irving Fisher, der gerade in der Währungstheorie sehr bekannt ist, hat sehr viel Geld verloren. Wenige Tage vor dem großen Crash hatte er noch gesagt, dass man unbedingt in Aktien investieren sollte. Es gab aber auch prominente Ökonomen, die gewarnt haben, dass es nicht dauerhaft so weitergehen kann. Es ist aber wie immer vor einer Börsenkrise: Es gibt einige warnende Stimmen, auf die man nicht hört, und andere, auf die man sich verlässt.

Nun hat es ja im 20. Jahrhundert schon viel größere Kursverluste gegeben. Wieso hat sich ausgerechnet aus dieser Börsenkrise eine Weltwirtschaftskrise entwickelt?

Hesse: In einem gesunden ökonomischen System wäre die Börsenkrise an sich unerheblich gewesen. Es gab auch schwerere Wirtschaftskrisen seitdem, die aber bewältigt werden konnten. In dem Fall jedoch war die Börsenkrise so stark mit dem Bankensystem verknüpft, und das Bankensystem wiederum so stark nicht nur mit der amerikanischen sondern auch der europäischen Wirtschaft verknüpft, dass sich die negativen Tendenzen sofort auch nach Europa verlagert haben.

Wie genau sah diese Verknüpfung aus?

Hesse: Ein wichtiger Mechanismus, weshalb das passiert ist, war die Tatsache, dass amerikanische Banken viel Geld an alle möglichen Länder verliehen haben, unter anderem auch an Europa. Aber die amerikanischen Banken haben auch sehr viel Geld nach Lateinamerika gepumpt. Wenn die Börsenkrise dann dazu führt, dass die amerikanischen Banken ihr Geld selbst brauchen, dann versiegt dieser Kreditfluss, der zuvor die ganze Weltwirtschaft am Laufen hielt. Als Resultat wird aus einer eigentlichen Krise des Finanzsystems eine realwirtschaftliche Krise. 

Jan-Otmar Hesse ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bayreuth.
Bild: Universität Bayreuth

Damit einher ging eine dramatisch hohe Arbeitslosenquote.

Hesse: Die Dramatik der Weltwirtschaftskrise beruht zu großen Teilen darauf, dass die Arbeitslosigkeit so hoch war. Mit der Börsenkrise sind Firmenzusammenbrüche in großer Zahl akut geworden. Unternehmen konnten ihre Schulden nicht zahlen und haben sofort ihren Betrieb eingestellt. In den USA lag die Arbeitslosenquote bei 25, in Deutschland bei 30 Prozent – und zwar im Landesdurchschnitt, das darf man nicht vergessen. In einigen Städten gab es mehr als 50 Prozent Arbeitslosigkeit. Das wiederum führte zu Unruhen, Streiks, Protesten, gewalttätigen Auseinandersetzungen. In Deutschland führte das zur dramatischen Situation, dass die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Ob das ohne die Weltwirtschaftskrise nicht passiert wäre, ist eine müßige Frage. In der Forschung aber wird es so gesehen, dass die Weltwirtschaftskrise den Boden für die Nationalsozialisten bereitet hat.

Auch die US-Notenbank Federal Reserve stand im Nachgang der Weltwirtschaftskrise für ihre damalige Politik stark in der Kritik.

Hesse: Die Federal Reserve hatte den Börsenboom in den 1920er Jahren durch ihre Politik des billigen Geldes mit angefeuert. Die Zinsen waren sehr niedrig, in Form von Krediten wurde das Geld stark und billig in den Markt gepumpt. Diese Politik war verbunden mit der Person des damaligen Notenbankpräsidenten Benjamin Strong. Nach seinem Tod 1928 haben seine Nachfolger eine Hochzinspolitik begonnen und versucht, den geldpolitischen Impuls auf den Finanzmärkten zu konterkarieren. Das wird kritisiert, weil sie erst relativ spät nach dem Börsencrash eingesehen haben, dass genau die umgekehrte Politik notwendig gewesen wäre. Als man mitbekommen hat, dass die Börse zusammenbricht und Geld nicht mehr verfügbar ist, weil die Banken untereinander sich nicht mehr vertrauen und kein Geld mehr leihen, hätte man eigentlich die Notenpresse wieder anwerfen und Geld mit niedrigen Zinsen in den Markt pumpen müssen. Das ist aber eine nachträgliche Betrachtung. Dass die Akteure das in der damaligen Situation nicht erfasst haben, kann man ihnen nicht vorwerfen. Niemand wusste am 24. Oktober 1929, dass der sehr fatale Kurssturz zur Weltwirtschaftskrise werden würde.

Diverse Tendenzen, die damals zum ersten Kurssturz geführt haben, zum Beispiel niedrige Zinsen und hohe Bewertungen an der Börse, sehen wir auch heute wieder. Steuern wir auf ähnliche Ereignisse zu?

Hesse: Ich finde überhaupt nicht, dass man es miteinander vergleichen kann. Der erste ganz wichtige Unterschied, den man nicht vergessen darf, ist, dass damals Leute wirklich in die Armut gestürzt sind, sowohl Anleger, die Geld verloren als auch Beschäftigte bei Unternehmen, die zusammenbrachen. Es gab zu dieser Zeit nur rudimentäre soziale Sicherungssysteme. In Deutschland gab es eine Arbeitslosenversicherung mit minimalen Ausschüttungen, da konnte man nicht einmal ansatzweise von leben. Damals entstand durch die Börsenkrise Hunger. Das wäre heute nicht mehr der Fall. Der zweite wichtige Unterschied ist, dass damals das Finanzsystem ohne institutionelle Regulierung, Aufsichtsorgane und so weiter auskommen musste. Sicherungsstrukturen wie die Finanzaufsicht oder Stresstests für Banken hat man damals erst eingerichtet. Man mag jetzt meinen, das bringt alles nichts. Natürlich kann man darüber kritisch denken. Aber heutzutage ist die institutionelle Struktur solider. Heutzutage gibt es zum Beispiel den Einlagensicherungsfonds, den gab es damals nicht, der ist in den USA erst nach der Weltwirtschaftskrise eingerichtet worden. 

Gibt es denn auch Aspekte der damaligen und der heutigen Situation, die vergleichbar sind?

Hesse: Ein Aspekt wäre die Art und Weise, wie diese Börsenkrise entstanden ist. Es gab auch damals eine sehr große Verschuldung im Immobilienbereich. Das waren aber keine städtischen Immobilien, sondern es waren vor allem Landwirte, die ihren Grundbesitz belastet haben. Als die amerikanischen Banken zusammenbrachen, rissen sie viele amerikanische Farmen mit in den Strudel. Dieses Damoklesschwert schwebt heute auch über uns. Weil das Zinsumfeld gerade so schwierig ist, sind viele Privathaushalte in die Verschuldung in Immobilien gegangen. Und wenn es jetzt zu Schwierigkeiten auf dem Finanzmarkt kommt, gibt es das Risiko, dass sich das auf den Immobilienmarkt überträgt. Die Situation damals und heute eins zu eins zu vergleichen, wäre aber zu unterkomplex gedacht.

Dass es heute zu einem erneuten Börsen-Crash kommt, mit ähnlichen Folgen, halten Sie also für unmöglich?

Hesse: Da muss man noch einmal weiter ausholen und sich mehrere Aspekte anschauen, die damals zur Weltwirtschaftskrise geführt haben. Ein Aspekt war eben die starke Kreditabhängigkeit gerade der deutschen Wirtschaft von amerikanischem Kapitalimport. Als dieser Import stoppte, geriet der gesamte europäische Finanzmarkt in Unwucht. Das war deshalb ein Riesenproblem, weil die damals fälligen Reparationszahlungen hauptsächlich aus Kapitalimport geleistet wurden. Aus einem eigentlich ökonomischen Problem wurde also sofort ein politisches Problem. Eine weitere Belastung war das damalige Währungssystem, der sogenannte Goldstandard. Das heißt, Währungen waren ganz fest an Gold gebunden. Die Währungsparität konnte nur aufrechterhalten werden, wenn man entweder sehr viele Goldreserven hatte oder keine internationalen Kapitalflüsse. Das Deutsche Reich hatte internationale Kapitalflüsse, aber keine Goldreserven. Als die Währungskonvertibilität 1931 eingestellt wurde, wurden internationale Zahlungsflüsse sehr schwierig, fast unmöglich. Deshalb entwickelte sich die eigentliche Börsenkrise innerhalb von zwei Jahren zu einer kompletten Krise der Weltwirtschaft. Von diesen Aspekten sehen wir heute relativ wenig, das muss man sich klar machen. Selbst ein Donald Trump, der versucht, aus innenpolitischen Gründen den internationalen Handel zum Zusammenbruch zu bringen, wird es nicht schaffen, dass die Länder nicht mehr in irgendeiner Form zusammenfinden. Selbst der Brexit wird nicht dazu führen, dass der Welthandel faktisch komplett zum Erliegen kommt.

Apropos Welthandel: Damals wurden verstärkt protektionistische Maßnahmen getroffen. Solche Tendenzen sieht man auch heute wieder.

Hesse: Der Protektionismus, der uns heute droht, ist lächerlich im Vergleich zum damaligen. Mit dem Smoot-Hawley Tariff Act haben die USA damals Zollsätze von 60 Prozent eingeführt. Das ist überhaupt kein Vergleich zu diesen Strafzöllen von 25 Prozent auf einige Güter, die heute in der Diskussion sind. Hinzu kommt, dass es heutzutage internationale Kooperationen gibt, Aussprachen, Weltwirtschaftsgipfel. Mit deren Ergebnissen ist man nicht immer zufrieden. Aber ich habe ein sehr großes Vertrauen, dass es immer mehr internationale Gespräche und Handelsabkommen geben wird als 1933, wo man gar nicht mehr miteinander gesprochen hat. Nicht, dass das völlig falsch klingt: Es gibt natürlich ein Risiko, dass eine Börsenkrise auch heute fatale Folgen haben könnte. Aber ich habe großes Vertrauen, dass die Institutionen sich letztlich doch vernünftig verhalten, egal wie viele Boris Johnsons und Donald Trumps es gibt.

Zur Person Jan-Otmar Hesse ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bayreuth. Gemeinsam mit zwei weiteren Autoren hat er 2014 das Buch "Die Große Depression. Die Weltwirtschaftskrise 1929–1939" veröffentlicht.

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