Berlin (dpa) - Die Wirtschaft befürchtet den Verlust hoch qualifizierter Arbeitskräfte durch die zunehmende Auswanderung von Deutschen ins Ausland. Weit mehr als die Hälfte der Emigranten sei jünger als 35 Jahre.
"Darunter sind viele qualifizierte und hoch motivierte Köpfe. Das ist ein Alarmzeichen", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, der Zeitung "Die Welt" (Montag). Der bildungs- und forschungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Jörg Tauss, bezeichnete die Warnung als "schlichte Frechheit".
Anfang Juli hatte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitgeteilt, dass im vergangenen Jahr rund 145 000 Deutsche ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben. Das war nach Angaben der Statistiker die höchste registrierte Abwanderung von Deutschen seit 1950.
Eine zentrale Ursache dieses Phänomens ist aus Sicht von Braun, dass andere Länder oft bessere Standortbedingungen als Deutschland haben. Die hohen Steuern und Sozialabgaben, ein nahezu undurchlässiger Arbeitsmarkt und Defizite in der Bildungs- und Betreuungs-Infrastruktur stellten erhebliche Standortnachteile dar. "Deutschland muss deshalb endlich seine Strukturprobleme anpacken und so für qualifizierte Fachleute ein möglichst attraktiver Standort sein."
Der SPD-Bildungspolitiker Tauss reagierte mit Unverständnis auf Brauns Kritik: "Eine Wirtschaft, die qualifizierten Menschen keine Jobs anbieten kann, sie monatelang mit unbezahlten Praktika beschäftigt, keinerlei Konzept hat, bereits ausgewanderten Fachkräften im Ausland freiwerdende Jobs in Deutschland anzubieten, hat keinerlei Berechtigung, sich über die Folgen der eigenen Politik zu beklagen", sagte er.