Im April waren 249.517 Frauen und Männer in Bayern arbeitslos gemeldet. Das sind 17.263 weniger als noch im März. Allerdings müssen die 110.094 Menschen hinzugerechnet werden, die etwa Weiterbildungsmaßnahmen absolvieren oder sich in Altersteilzeit befinden. Dennoch hält der Freistaat mit 3,7 Prozent bundesweit die niedrigste Arbeitslosenquote. Wir sprachen mit Ralf Holtzwart, Leiter der Regionaldirektion Bayern, über die Entwicklung des Stellenmarktes, aber auch die Probleme.
Die Arbeitslosenquote in Bayern
Herr Holtzwart, was zeichnet den bayerischen Arbeitsmarkt aus?
Holtzwart: Ihn zeichnet in erster Linie der hohe Anteil des verarbeitenden Gewerbes aus. Diese Branche sucht auch aktuell am stärksten Mitarbeiter. Wenn es dieser Branche gut geht, profitieren auch die Dienstleistungen für das verarbeitende Gewerbe, und das zusammen bildet die Basis für den Wohlstand Bayerns. Von den 4,7 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Freistaat arbeiten rund 1,3 Millionen im verarbeitenden Gewerbe.
Schwaben nimmt mit einer Arbeitslosenquote von 3,4 Prozent weiter eine Spitzenposition ein. Was macht diesen Regierungsbezirk so stark?
Holtzwart: Es ist die Mischung von kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie einem sehr dynamischen Wirtschaftsraum.
Trauen Sie sich eine Prognose zu?
Holtzwart: Die Auftragslage der bayerischen Wirtschaft ist hervorragend. Ich gehe davon aus, dass die gute Entwicklung des bayerischen Arbeitsmarktes auch 2012 anhält.
Verglichen mit dem Rest Europas scheint bei uns die Welt in Ordnung?
Holtzwart: Das darf uns aber nicht nachlässig werden lassen. Die Risiken sind mit Blick auf die Schuldenkrise nicht zu übersehen. Außerdem müssen wir aufpassen, dass der Mangel an qualifizierten Kräften nicht zum limitierenden Faktor unseres Wachstums wird. Denn das führt dazu, dass Firmen sich überlegen, ins Ausland abzuwandern.
Integration für den Fachkräftemangel
Was ist gegen den drohenden Fachkräftemangel in Bayern zu tun?
Holtzwart: Die Qualifizierung des vorhandenen Potenzials muss ausgebaut werden. Das heißt, wir müssen versuchen, mehr Ältere, mehr Frauen, aber auch mehr Migranten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Daher wurde zum Beispiel eine neue Stelle der IHK in Nürnberg geschaffen, die sich um die Anerkennung ausländischer Abschlüsse kümmert. Darüber hinaus müssen wir uns bemühen, dass ausländische Studenten, die hier studieren, auch bleiben.
Jede dritte neue Stelle in Bayern kommt aus der Leiharbeit. Für viele ein Wermutstropfen – für Sie auch?
Holtzwart: In der Tat sind 2,4 Prozent der Beschäftigten in der Zeitarbeit. Und bedauerlicherweise muss ich sagen, gibt es den Grundsatz gleiches Geld für gleiche Leistung nicht flächendeckend. Aber hier sind die Tarifpartner gefragt, das ist keine Aufgabe der Bundesagentur. Gleichwohl möchte ich betonen, dass Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen beziehungsweise bedroht sind, die Chancen der Zeitarbeit nutzen sollten. Es handelt sich hierbei um eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.
In dem Zusammenhang wird die Forderung nach einem Mindestlohn laut.
Holtzwart: Aus gesellschaftspolitischer Sicht halte ich persönlich eine Grenze nach unten für gut.
Denn oft können die Beschäftigten von ihrem Lohn und Gehalt nicht leben.
Holtzwart: Der Grundsatz, dass Menschen, die Vollzeit arbeiten, von diesem Geld auch leben können, ist für mich eine Grundvoraussetzung. Von 120.000 Beschäftigten in Bayern, die zusätzlich zu Lohn, Gehalt, Minijob staatliche Hilfe beziehen, sind nur 25.000 vollzeitbeschäftigt und knapp 9000 sind Selbstständige.
Insolvenzen von Schlecker und Müller-Brot nicht unbeteiligt
Auffallend ist, dass in Bayern der Arbeitslosenbestand der Frauen um 0,8 Prozent gestiegen ist. Hat dies seine Wurzeln in der Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker?
Holtzwart: Ja, das hat seine Ursache unter anderem in der Insolvenz von Schlecker und Müller-Brot.
Von Schlecker gibt es Zahlen. Wie viele der 822 Mitarbeiterinnen in Bayern konnte die Agentur wieder vermitteln?
Holtzwart: Die Zahl von 822, die wir ursprünglich registrierten, hat sich auf 1150 erhöht. 911 von ihnen suchen noch eine Stelle.
Wo gibt es Probleme, sind es überwiegend ältere Frauen?
Holtzwart: Der Durchschnitt der betroffenen Frauen ist unter 49 Jahre und hat eine abgeschlossene Berufsausbildung. Deshalb bin ich positiv gestimmt, dass wir gute Vermittlungschancen – zwar regional unterschiedlich – auf dem bayerischen Arbeitsmarkt haben. Natürlich fällt es der ein oder anderen schwerer, eine neue Arbeitsstelle zu finden, aber auch hier unterstützen wir unter anderem mit Weiterbildungsmöglichkeiten.
Hinter dem Thema Frauenarbeitslosigkeit verbirgt sich meistens auch die Schwierigkeit der Kinderbetreuung.
Holtzwart: Natürlich. Wir haben in Bayern rund 32000 Frauen, die langzeitarbeitslos sind und davon sind 7000 alleinerziehend. Doch dieses Problem können wir als Agentur nie allein lösen. Dazu brauchen wir Partner wie die Gemeinden, die bei der Betreuung der Kinder – und das sind nicht selten mehrere unterschiedlichen Alters – unterstützend eingreifen.
Nicht nur Frauen haben es schwerer auf dem Stellenmarkt, auch Ältere.
Holtzwart: Ältere Arbeitsuchende profitieren langsam auch von dem Aufschwung am Arbeitsmarkt, aber nicht in dem Ausmaß wie Jüngere. Die Zahl der älteren Arbeitslosen, also der Personengruppe über 50, geht in Bayern zurück: Waren es im März noch 91991, sind es im April 87149, allerdings ist es für diesen Personenkreis häufig schwieriger, eine Arbeitsstelle zu finden.
Woran liegt das?
Holtzwart: Einerseits haben Unternehmer oft ein falsches Bild, dass ein älterer Mitarbeiter nicht mehr so viel Leistung bringt wie ein junger. Die Firmen suchen immer noch junge, dynamische Mitarbeiter. Dieses Bild muss sich ändern. Denn es stimmt oft nicht. Auf der anderen Seite nagt eine längere Arbeitslosigkeit am Selbstbewusstsein älterer Menschen. Daher müssen wir beide Seiten zusammenbringen.