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Autoindustrie
10.09.2020

Branche unter Druck: Drei Wege zur Rettung der Autozulieferer

Die Zulieferbetriebe spielen in der Automobilindustrie – hier Druckgussteile aus Thüringen – eine große Rolle: Sie sollen mithilfe des Staates durch die Corona-Krise geführt werden. 
Foto: dpa

Die Koalition ist sich mit Arbeitgebern und Gewerkschaften einig: Strauchelnde Unternehmen werden staatlich aufgefangen. Nur über das Wie wird noch gestritten.

Die Bundesregierung ist entschlossen, die deutsche Autoindustrie mit staatlicher Hilfe durch die Corona-Krise und den technologischen Wandel zu führen. In den nächsten Monaten wird es nur noch darum gehen, welchem Ansatz das Bündnis aus CDU, CSU und SPD den Vorzug gibt.

Vieles deutet derzeit darauf hin, dass eine prall gefüllte Rettungskasse notleidende Unternehmen stützen wird. Das Geld soll aus der Finanzwirtschaft kommen, der Staat für mögliche Verluste garantieren. Die hochrangig besetzte Runde mit Kanzlerin Angela Merkel – die kurz Autogipfel genannt wird – erteilte am späten Dienstagabend den Prüfauftrag für ein solches Konzept. Es wird unterstützt von den Gewerkschaften und dem Verband der Automobilindustrie (VDA). "Unser Vorschlag, Transformationsfonds einzurichten, mit denen das Eigenkapital kleiner und mittlerer Zulieferer gestärkt werden kann, wird jetzt bearbeitet", freute sich IG-Metall-Chef Jörg Hofmann.

Im Prinzip ist auch die SPD für staatliche Hilfe

Im Prinzip sind auch die Sozialdemokraten dafür. Sie können sich sogar vorstellen, dass der Staat nicht nur als Bürge auftritt, sondern die Gelder zur Verfügung stellt. Die Bundesregierung würde sich also direkt an den Unternehmen beteiligen, wie sie es bei der Lufthansa getan hat. Zwei Vorteile sehen die Genossen: Der Staat hat Zeit und ist nicht nach zwei, drei Jahren auf Rendite angewiesen. Gelingt die Sanierung notleidender Zulieferer, können die Anteile mit Gewinn verkauft werden. Im anderen Modell würden die Finanzinvestoren Gewinne einstreichen, aber Verluste der Allgemeinheit überhelfen. In der Praxis zeigt sich, dass die Regierung als Anteilseigner sehr lange auf Erfolge bei der Neuaufstellung eines Unternehmens warten muss. Vor über zehn Jahren stieg der Bund bei der Commerzbank ein, die bis heute nicht wieder richtig auf die Beine gekommen ist.

In den von Gewerkschaften, Politik und Autolobby gebildeten Arbeitsgruppen wird nun Fonds-Variante 1 geprüft. Offen ist zum Beispiel, ob die Investoren aus Deutschland, Europa oder der ganzen Welt kommen sollen. Offen ist auch, welche Summe am Ende benötigt wird. Der VDA muss jetzt bei seinen Mitgliedern fragen, wie schlimm die Lage wirklich ist und ob sich die Eigentümer neue Gesellschafter in das Haus holen wollen, die möglicherweise alles radikal infrage stellen.

Der Wirtschaftsflügel der CDU befürchtet "Staatssozialismus"

Während die SPD nicht von Sinn und Zweck des Rettungsfonds überzeugt werden muss, ist die CDU noch gespalten. Die Kanzlerin ist dafür, sonst hätte sie in der Runde nicht ihr Plazet erteilt. Der Wirtschaftsflügel ist dagegen und befürchtet "Staatssozialismus". Die Gegner befinden sich jedoch in der schwächeren Position. Wenn im Herbst neue Hiobsbotschaften eintreffen, dass bei den Zulieferern tausende weitere Stellen gestrichen werden sollen, schwindet die Überzeugungskraft ihrer Argumente. Wer will sich dann schon für die reine Lehre verkämpfen?

Genau dieses Kalkül hat auch CSU-Chef Markus Söder. Vielleicht hatte er etwas läuten gehört, dass der aus seiner fränkischen Heimat stammende Zulieferer Schaeffler tausende Arbeitsplätze abbauen will. Söder beharrt auf einer Neuauflage der Abwrackprämie, die nicht einmal mehr die Autoindustrie selbst fordert. Ein staatlicher Bonus auf Neuwagen soll die Autofahrer dazu bringen, sich von ihren alten Wagen zu trennen. Söder spricht dabei stets von einem zusätzlichen Impuls. Das heißt, wenn er nicht kommt, kann sich die CSU noch immer für den Rettungsfonds aussprechen.

Autobranche gibt rund 800.000 Beschäftigten Arbeit

In der deutschen Wirtschaftsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg wäre solch ein Konstrukt – sei es staatlich oder nur staatlich abgesichert – ein Novum. "In der Sozialen Marktwirtschaft ist ein solches Vehikel grenzwertig", sagt der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser. Andererseits habe die Regierung immer wieder ganze Industrien am Leben gehalten, wie zum Beispiel die Kohleindustrie. "Im normalen Auf und Ab der Konjunktur würde sich so ein Fonds verbieten. Aber in der jetzigen Lage mit all ihren Unwägbarkeiten, da muss man eingreifen", meint der Professor von der Uni Bielefeld.

 

Die Autobranche ist hierzulande die wichtigste Industrie. Sie steht für immense zehn Prozent der Wertschöpfung und gibt rund 800.000 Beschäftigten Arbeit. Der Sektor ist ein wichtiger Kunde für andere Wirtschaftszweige, wie die Metallindustrie, die Elektroindustrie und den Maschinenbau. Für das laufende Jahr rechnet der VDA damit, dass in Deutschland ein Viertel weniger Neuwagen verkauft werden. Sechs von zehn Zulieferern planen, Personal abzubauen.

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Die Diskussion ist geschlossen.

10.09.2020

Wer blind auf Elektromobilität setzt (Bundesregierung, Presse etc.) lenkt von wesentlich dringenderen Fragen ab:
Wie können wir nachhaltig produzieren, wie kriegen wir echtes Recycling hin, kann man Handies auch upgraden statt sie wegzuschmeißen? Wie vermeiden wir Plastikmüll, kann man Brennstoffe auch nachhaltig selbst erzeugen, kann man Strom aus Windkraft speichern? Wie können wir uns umweltfreundlich ernähren? Wir verhindern wir ein 2. COVID-19?

Alles aus meiner Sicht viel wichtiger, als ob Autos mit Benzin oder Strom fahren. Daher verstehe ich diese Abneigung gegen die Kaufprämie nicht.

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10.09.2020

"Alles aus meiner Sicht viel wichtiger, als ob Autos mit Benzin oder Strom fahren. Daher verstehe ich diese Abneigung gegen die Kaufprämie nicht."

Langfristig ist es wichtig in Bezug auf die Klimakrise. Allerdings würde eine Kaufprämie wiederum auch nur Müll produzieren, denn die alten Autos verschwinden nicht spurlos, ob sie nun im Osten oder auf der Müllhalde landen.
Auch alte Diesel kann man mittlerweile auf sauber upgraden, ähnlich wie neue Fahrzeuge. Nur wer ist denn so dumm und übernimmt dann noch Kosten dafür, wenn es günstig ein Neufahrzeug gibt.

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10.09.2020

Die geldgierigen Herren und Damen, die jetzt staatliche Beteiligungen an ihrer Technologie aus dem 20. Jahrhundert als "Staatssozialismus" brandmarken, sollten auf ihre eigenen neoliberalen Gurus hören (Schumpeter): der Markt muss sich selbst bereinigen können, sonst funktioniert die Marktwirtschaft nicht.
Das was Industrie und Zulieferer heute mit großem Gejammer fordern, erinnert fatal an die unfassbaren Steinkohlesubventionen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts.
Staatliche Förderung NUR FÜR TRANSFORMATION und nicht nicht als bedingungslose Subvention, und nur für zukunftsfähige Technologie.
Und überhaupt sollten sich alle Protagonist:innen daran gewöhnen, dass ein notwendiger Schrumpfungsprozess ansteht. Sonst werden unsere Kinder keine Zukunft erleben.

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10.09.2020

Ich stimme Ihnen zu 100% zu. Wenn irgendetwas Sinn macht dann sind es Umwelttechnologien. Deutschland sollte so unabhängig wie möglich von fossilen Brennstoffen, die teuer importiert werden müssen, sein. Alle deutschen Dächer sollten, dort wo es sinnvoll ist, mit Solar- oder Windenergie ausgestattet werden. Und dann muss sich ein Produzent von Bremsscheiben z.B. überlegen, ob er Bauteile für Windräder, Solaranlagen oder unverzichtbare Energiespeicher herstellen kann.

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