Hamburg Auf dem Weg zum Rednerpult wäre sie beinahe gestolpert. Doch auf dem Weg in den Aufsichtsratsrat kann Ursula Piëch niemand aufhalten. Unter dem Applaus der Aktionäre wird die 55-jährige Ehefrau des Volkswagen-Patriarchen Ferdinand Piëch in das Kontrollgremium des Konzerns gewählt.
Waren zuvor Proteste gegen diese umstrittene Personalie angekündigt worden, so fallen sie auf der gestrigen Hauptversammlung überraschend mild aus. Zwar kündigt der ein oder andere Aktionärsvertreter an, den Vorschlag bei der Abstimmung nicht mitzutragen, aber eine Rolle spielt das nicht.
Der geringe Widerstand war ohnehin nur symbolischer Natur. Denn die VW-Großaktionäre – die Familien Porsche und Piëch, die über die Porsche Holding SE 50,7 Prozent des VW-Stammkapitals halten und der Minderheitsgesellschafter Katar (17 Prozent), sind sich einig. In den sonst oft so zerstrittenen Familien hatte man sich schon zuvor festgelegt, Ursula Piëch keine Steine in den Weg zu legen.
Der Konzernpatriarch lächelt ein wenig in sich hinein, als er seine Frau zur Vorstellung ans Rednerpult bittet. Als sie zu Ende gesprochen hat, gibt er sich fast privat: „Danke, Ursula.“ Anfangs noch ein wenig nervös und an ihrem Schal zupfend, begründet die gelernte Erzieherin zuvor, was sie an Erfahrung für so einen wichtigen Posten mitbringt: Seit 1984 ist sie mit dem Konzernpatriarchen verheiratet. In den vergangenen fast 30 Jahren habe sie sich „intensiv mit den Themen der Automobilindustrie“ auseinandergesetzt.
Sie gibt sich souverän und zeigt sogar Mutterwitz, als sie erklärt, als frühere Leiterin eines Kindergartens genau zu wissen, wie ein Unternehmen funktioniere. Die Österreicherin gibt auch Einblick in den Piëch’schen Haushalt, wo sie sich in Sachen Finanzen ein Mitspracherecht erkämpft hat: „Ich kümmere mich mit meinem Mann schon seit Jahren um unsere Beteiligungen an Unternehmen.“ Die Belange der Belegschaft will die Vertreterin der Eigentümer auch in Krisenzeiten im Blick behalten: „Ich weiß es durchaus, was es heißt, arbeitslos zu sein.“
Ursula Piëch kommt gut an
Ursula Piëch kommt gut an. Mehrere Aktionärssprecher geben ihr sogar Vorschusslorbeeren: „Oft wird in Aufsichtsräten alles abgenickt. Ich bin mir sicher, dass das bei Ihnen nicht der Fall sein wird.“ Sogar ihr ansonsten meist sehr ernst dreinblickender Mann kann da ein Lächeln nicht unterdrücken. Am Ende wird auch Piëch wieder in den Aufsichtsrat gewählt. Das Ehepaar sitzt nun gemeinsam auf dem VW-Olymp.
Überhaupt ist die Stimmung bei Volkswagen selten so aufgeräumt wie bei dieser Hauptversammlung. Konzernlenker Martin Winterkorn wird zu Beginn überschwänglich begrüßt. Das ist kein Wunder, angesichts der jüngsten Bestwerte bei Absatz, Umsatz und Ergebnis, die der Konzern vorweisen konnte. In Zahlen heißt dies: 8,3 Millionen verkaufte Fahrzeuge, fast 160 Milliarden Umsatz und das Ergebnis von 11,3 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr um über 50 Prozent gesteigert.
Da ist den Aktionären selbst das Rekordgehalt des Vorstandschefs von 17,5 Millionen Euro nur Nörgeleien wert. „Ich bitte Sie, darüber nachzudenken, ob man die Vergütungsrichtlinien nicht besser ändert“, fordert ein Aktionär. Andere wiederum sehen das Gehalt gerechtfertigt, zumal es „Winterkorn im Gegensatz zu anderen Dax-Vorständen in Deutschland versteuert“.
Ferdinand Piëch wird gefeiert
Die Hauptversammlung macht den Eindruck einer großen Feier für Ferdinand Piëch, der am Dienstag seinen 75. Geburtstag feierte. Zahlen gut, Stimmung gut, selbst die Zukunftsaussichten zeichnet Winterkorn trotz schwieriger werdender Rahmenbedingungen positiv. Lediglich die in ihren Augen niedrige Dividende verstimmt viele Aktionäre. Nur drei Euro für Stamm- und 3,06 Euro für Vorzugsaktien – das sei angesichts der enormen Konzerngewinne fast schäbig, hieß es.