Der zweite Pandemieherbst ist da, die Corona-Infektionszahlen steigen schnell und damit verschärft sich in der Wirtschaft die Debatte, wie der Arbeitsalltag in den kalten Monaten zu organisieren ist. Aktueller Aufhänger sind Überlegungen zum Beispiel vom Chemie- und Pharmakonzern Bayer, künftig – zunächst als Pilotprojekte an wenigen deutschen Standorten – in Betriebskantinen „zusätzliche separate Bereiche für vollständig gegen Corona geimpfte oder von einer Erkrankung genesene Beschäftigte einzurichten“. Dort wäre die Mittagspause dann quasi wieder wie in der Vor-Covid-Zeit.
Wie ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage mitteilte, müssten diese Pilotprojekte allerdings noch auf die „praktische Machbarkeit geprüft“ sowie mit dem Betriebsrat erörtert und von dem zuständigen internen Gremium verabschiedet werden. Sollte dies geschehen, bleibe das Angebot zur Nutzung dieser zusätzlichen Kantinenbereiche freiwillig. Bayer erfülle mit dem Angebot einen von Beschäftigten „vielfach geäußerten Wunsch nach einer sicheren Rückkehr zur ,Normalität‘ der Zeit vor Corona“, heißt es weiter.
Hauptziel, betont das Unternehmen allerdings, bleibe, die Bayer-Mitarbeiter „bestmöglich vor einer Infektion oder anderen Gesundheitsrisiken zu schützen“. Alle Beschäftigten könnten weiter in die Kantinen gehen und sie seien unverändert nicht verpflichtet, ihren Impfstatus gegenüber ihrem Arbeitgeber offenzulegen. Ferner sei an jedem Standort auch weiterhin die Möglichkeit gegeben, mit zwei Metern Abstand und Trennscheiben sicher die Mahlzeiten einzunehmen.
Corona-Impfungen und Arbeit: Der Druck auf die Bundesregierung nimmt zu
Werden also, wenn die Pilotprojekte ein Erfolg sind, künftig verschiedene Arbeitswelten Wirklichkeit? Die der Geimpften und die der Ungeimpften?
Der Druck auf die Bundesregierung nimmt jedenfalls zu, auch den Unternehmen eine Statusabfrage zu ermöglichen. Bisher können nur Beschäftigte in Kitas, Schulen und Pflegeheimen vom Arbeitgeber gefragt werden, ob sie geimpft sind. Markus Jerger, Bundesgeschäftsführer des Verbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) sagte am Dienstag, dass in vielen Unternehmen die 3G-Regel bereits jetzt schon Realität sei, noch aber Unsicherheit herrsche, ob Arbeitgeber den Impfstatus ihrer Beschäftigten erfragen dürften. „Ein gesetzlich geregelter Abfrageanspruch der Arbeitgeber würde hier die dringend gebotene Rechtssicherheit schaffen. Hier muss die Bundesregierung schnell für Klarheit sorgen.“ Entscheidend sei, dass die Betriebe am Laufen blieben. Jerger warnte: „Ein weiterer Lockdown, selbst wenn dieser auch nur regional begrenzt wäre, könnte für die betroffenen Unternehmen das Ende bedeuten.“ Sein dringender Appell: sich impfen oder regelmäßig testen lassen.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger forderte einen Impfgipfel und Industriepräsident Siegfried Russwurm rief Bund und Länder auf, deutlich mehr zu tun: „Die Politik droht den gleichen Fehler zu machen wie im Herbst vorigen Jahres, als die Politik vor konsequenten und zentral wirksamen Maßnahmen zurückschreckte“, sagte Russwurm. „Bund und Länder müssen rasch gemeinsam eine klare bundesgesetzliche Grundlage schaffen, damit die Unternehmen in den kommenden Wochen Schutzmaßnahmen auf 3G-Basis nachvollziehbar und planvoll für ihre Mitarbeitenden anwenden können“, sagte Russwurm. „So lassen sich Arbeitsabläufe wieder weitestgehend normalisieren, die Beschäftigten von belastenden Hygienevorgaben befreien, und kreative Zusammenarbeit wird wieder uneingeschränkt möglich.“
SPD, Grüne und FDP, die über eine neue Regierung verhandeln, wollen die Rechtsbasis für drastische Corona-Einschränkungen wie Ausgangssperren zum 25. November auslaufen lassen. Bis zum Frühjahr sollen den Ländern weniger umfassende Vorgaben möglich sein. Russwurm kritisierte, es sei falsch, dass die Bundesregierung gerade jetzt die Verantwortung für ein koordiniertes Krisenmanagement an die Bundesländer delegieren wolle. „Anstatt mit einer länderübergreifenden Steuerung und konsequenten Eindämmungskonzepten die Welle zu brechen, droht erneut ein ineffizienter Flickenteppich uneinheitlicher Ländermaßnahmen.“ Und mit Blick auf die Nicht-Geimpften sagte er: „Es darf nicht sein, dass eine kleine Gruppe von Impfverweigerern in den kommenden Monaten eine ganze Gesellschaft mit mehrheitlich Geimpften lähmt.“
Wie es Wanzl, Kuka und Delo halten
Und damit zurück zum Bayer-Pilotprojekt für die Betriebskantine. Eine Idee für die Unternehmen in der Region? Patrick Augustin, Experte für Arbeitssicherheit bei der IHK Schwaben, sagte unserer Redaktion, dass mit Blick auf die stark steigenden Ansteckungszahlen und die Fürsorgepflicht der Unternehmen zusätzliche Maßnahmen nicht ausgeschlossen werden könnten. Im Kantinenbereich, in dem zeitweise keine Maske getragen werden könne, sei eine Trennung von Geimpften beziehungsweise Genesenen von Ungeimpften „möglicherweise angemessen oder sogar erforderlich“. Dass eine solche Maßnahme zu einer höheren Impfquote führe, hält er allerdings für wenig wahrscheinlich, da sie den Alltag ungeimpfter Mitarbeiter nicht erheblich beeinflussen würde.
Die von unserer Redaktion angefragten Unternehmen wie Einkaufswagenhersteller Wanzl (Leipheim) oder Klebstoffspezialist Delo (bei Landsberg) wollen dem Bayer-Beispiel nicht folgen und bleiben bei ihren erprobten Sicherheitskonzepten. Eine Sprecherin des Roboterherstellers Kuka sagte: „Wir haben nach wie vor unsere Corona-Schutzmaßnahmen – wie Abstand, Maskenpflicht auf Verkehrswegen, reduzierte Sitzplatzzahl in der Kantine und in Meetingräumen, 3G für Besucher – und planen momentan auch keine Erleichterungen.“
Kantine für Geimpfte? Was Audi von der Bayer-Idee hält
Und wie hält man es bei Audi, einem der größten Arbeitgeber in der Region? Eine Sprecherin des Unternehmens sagte unserer Redaktion: "Die Gesundheit unserer Mitarbeitenden hat bei Audi absolute Priorität. Unsere Arbeitsplätze bei Audi sind ,Corona-ready` – dafür haben unser Krisenstab und viele Expert_innen aus ganz unterschiedlichen Unternehmensbereichen gesorgt. Wir haben ein umfangreiches Sicherheitskonzept und diverse Schutzmaßnahmen. Wir unterscheiden in unserer Betriebsgastronomie jedoch aktuell nicht zwischen geimpften, genesenen und getesteten Kolleg_innen. Es gelten für alle die gleichen Hygiene- und Abstandsregelungen sowie Schutzmaßnahmen unabhängig des Status." (mit dpa)