Der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers ist nun schon drei Jahre her. Der von der amerikanischen Regierung bewusst hingenommene Bankrott des Instituts am 15. September 2008 war nicht Ursache, wohl aber Auslöser für die tiefste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression in den 1930er Jahren.
Der seit Frühjahr 2009 anhaltende Aufschwung scheint drei Jahre danach schon wieder zu Ende zu sein. Wieder drohen Probleme aus dem Finanzsektor auf die reale Welt der Güter und Dienstleistungen produzierenden Wirtschaft überzugreifen.
Eigentlich hatte die Krise schon 2007 begonnen. Weil Geld billig zu leihen war, hatten US-Geldinstitute in den Jahren zuvor massenhaft Immobilienkredite auch an Schuldner ausgegeben, von denen eine Rückzahlung bei nüchterner Betrachtung kaum zu erwarten war. Die sogenannten Subprime-Hypothekenkredite bündelten sie durch sogenannte Verbriefung zu Wertpapieren und verkauften damit das Risiko weiter.
Als das System im Frühjahr 2007 wegen zunehmender Zahlungsrückstände zu kollabieren begann, rauschte der Wert der sogenannten Asset Backed Securities (ABS), der sachbesicherten Wertpapiere, in den Keller. In der ganzen Welt mussten Banken den Wert der in der Erwartung satter Gewinne gekauften ABS nun nach unten korrigieren. Besonders die Mittelstandsbank IKB, die WestLB und vor allem die Hypo Real Estate (HRE) wurden in Deutschland in den Strudel gezogen.
Dramatische Stunden in New York
Dramatische Stunden gingen in den USA dem Untergang des 1850 gegründeten Traditionshauses Lehman Brothers voraus. Der US-Finanzminister Henry Paulson traf am späten Freitagabend, dem 12. September, mit Spitzenmanagern der wichtigsten Wall-Street-Banken zu einer Krisensitzung zusammen. Die Manager von Lehman Brothers saßen nicht mit am Tisch.
Das Unternehmen war tief in den Strudel der Immobilienkrise geraten. Die viertgrößte Investmentbank des Landes hatte binnen eines halben Jahres 7 Milliarden Dollar verloren. Lehman-Chef Richard Fuld, Spitzname "Gorilla", suchte verzweifelt einen Käufer - und hoffte auf Hilfe der Regierung. Die war schon zuvor dem Konkurrenten Bear Stearns beigesprungen und hatte erst Anfang September die Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac übernommen und unter Zwangsverwaltung gestellt.
Aber diesmal zeigte sich Paulson hartnäckig. Die Regierung wollte eine Grenze ziehen, heißt es aus Verhandlungskreisen. Nicht jeder, den sein Gewinnstreben in immer höhere Risiken getrieben hat, sollte damit rechnen können, dass der Staat ihn mit dem Geld der Steuerzahler heraushauen werde. Doch die Folgen hatte Paulson so weit reichend wohl nicht erwartet. Am Montag, 15. September, meldete Lehman Brothers Insolvenz an, zusammengebrochen unter einer Schuldenlast von 630 Milliarden Dollar - eine gigantische Summe. Der Lehman-Zusammenbruch riss kurze Zeit später die Weltwirtschaft nach unten. Die Aktienkurse befanfen sich im freien Fall.
Auch das Vertrauen der Banken untereinander wurde gründlich zertört: Niemand wusste, welche Giftpapiere der andere noch im Keller hatte. Der Hilfe des Staates konnte man sich auch nicht mehr sicher sein. Als Folge kam das Interbankengeschäft, der kurzfristige Verleih von Geld zwischen den Instituten, praktisch zum Erliegen.
Milliarden für Bankenrettung auch in Deutschland
Der Rest ist Geschichte. Die Krise griff auf die Realwirtschaft über, die Regierung der USA musste nach dem Versicherungsgiganten AIG auch die Autokonzerne General Motors (GM) und Chrysler teilweise verstaatlichen, um einen Zusammenbruch zu verhindern.
Mehrere Landesbanken wurden in Deutschland per Rettungsschirm geschützt, die Bundesregierung stellte Milliarden für die angeschlagenen Banken bereit. Die Commerzbank flüchtete sich schließlich unter diesen Schutz und wurde mit 18,2 Milliarden Euro vor Schlimmerem bewahrt. Das Institut hat das Geld inzwischen weitgehend zurückgezahlt, der Bund hält aber immer noch ein Viertel der Bankaktien.
Und heute? Wieder ist das Vertrauen der Banken untereinander gestört. Auslöser ist nun die Überschuldung der Länder am südlichen Rand der Euro-Zone. Experten streiten darüber, ob die Krise auch dieses Mal auf die eben wieder erstarkte Realwirtschaft übergreifen wird. dapd