1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Ein Ort in Bayern erzeugt bald das 14-fache seines eigenen Strombedarfs

Energiewende

06.12.2019

Ein Ort in Bayern erzeugt bald das 14-fache seines eigenen Strombedarfs

In Sielenbach dominieren Solar-Dächer das Ortsbild.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Während der Klimagipfel in Madrid tagt, hat ein Dorf bei Aichach längst Lösungen gefunden. Das geht mit Solarstrom. Und Windräder werden mit Blasmusik begrüßt.

So einen nennt man gemeinhin Pionier: Vor über 40 Jahren montierte der Biolandwirt Sepp Bichler die ersten Solarkollektoren im Eigenbau zur Warmwasser-Erzeugung auf ein Stadeldach seines Bauernhofs in Sielenbach. Die erste Fotovoltaik-Anlage ließ er dann 1993 installieren. Damals wurde er von den meisten im Dorf entweder belächelt oder gleich für verrückt erklärt. Heute sind nur noch wenige Dächer in der Kommune im Landkreis Aichach-Friedberg zu finden, die nicht blau blitzen und mit Solarmodulen bestückt sind. Vor allem die vielen Sonnenstrom-Paneele, aber auch der Mix aus Biogasanlagen und Wärmenetzen sorgen heute für eine nahezu lückenlose regenerative Energie-Versorgung der kleinen Gemeinde bei Aichach.

Sepp Bichler brachte die Energiewende in Sielenbach voran.
Bild: Michael Kerler

Wobei „lückenlos“ eine ziemliche Untertreibung ist. Die Kommune erzeugt derzeit viereinhalb mal so viel Strom wie es verbraucht und werde bald das 14-fache des eigenen Strombedarfs produzieren, rechnet Bürgermeister Martin Echter schon mal die künftige zusätzliche Stromeinspeisung hoch. Denn mit zwei Solarparks liefern dann erstmals größere Anlagen aus der Gemeinde Energie. Die kommen auf eine Spitzenleistung von 6,5 Megawatt und sollen rund 40 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugen. Das „Sonnendorf“ hängt dann sogar das „Energiedorf“ deutlich ab. Das weithin bekannte Wildpoldsried im Landkreis Oberallgäu mit seinen 2600 Einwohnern wurde bereits zum wiederholten Mal als vorbildlich in Europa ausgezeichnet, weil hier mittels erneuerbarer Energien circa fünfmal so viel Strom erzeugt wie verbraucht wird – vor allem durch Bürgerwindräder.

Das Sielenbacher Unternehmen „Energiebauern“ investiert in Solarparks 

Geplant und gebaut werden die Sielenbacher Solarparks von den Energiebauern. Das ist das Unternehmen, das Sepp Bichler 2004 gegründet hat und heute mit seinen beiden Söhnen führt. Die Bichlers gehören mit einem Anteil von knapp zehn Prozent mittlerweile zu den größten Betreibern von Fotovoltaik-Freiflächenanlagen in Deutschland. Unter den knapp zwei Dutzend Unternehmen, die sich in dieser Branche engagieren, rangieren die Energiebauern mit ihren 45 Beschäftigten und Firmensitz in Aichach im oberen Mittelfeld.

Sepp Bichler ist Gründer der Firma „Energiebauern“. Im Jahr 1978 installierte er die ersten Solarkollektoren auf seinem Hof in Sielenbach. Später machte er aus seinem Traum ein Unternehmen.
Bild: Sepp Bichler

Zwei Windräder stehen übrigens auch auf der Flur der Gemeinde Sielenbach. Sie katapultieren die Bilanz der kleinen Kommune aber nicht nach oben. Dieser Strom wird nämlich nicht den Sielenbachern „zugeschlagen“, sondern dem Nachbarn Aichach, weil er dort ins Netz eingespeist wird. Aber auch mit ihren vielen kleinen, dezentralen, regenerativen Stromerzeugern ist die Gemeinde schon seit vielen Jahren Stromexporteur. Bereits seit 2006 wird dort mehr Strom erzeugt als verbraucht. 2018 hat die Gemeinde rund 19 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom ins Netz geliefert und etwa 4,2 Millionen kWh entnommen. Wenn in Zukunft der Stromüberschuss noch deutlicher steigt, soll ein neuer Stromversorger das beim Konzessionsvertrag berücksichtigen, beschloss der Gemeinderat kürzlich. Er passte den Kriterienkatalog für die Ausschreibung entsprechend an. Die Sielenbacher wollen auch hier neue Wege gehen und das Netzgeschäft nicht einfach einem großen Energieversorgungsunternehmen überlassen.

200 Fotovoltaikanlagen auf den Dächern der Gemeinde

Rund 1800 Einwohner hat die Gemeinde im Ecknachtal, die vor allem wegen ihrem Baujuwel, die Wallfahrtskirche Maria Birnbaum, überregional bekannt ist. Inzwischen kommen auch ganz andere „Wallfahrer“ in die Sonnengemeinde: Sie wollen sich über das Konzept der kleinteiligen Energieerzeugung in einem Dorf informieren. Besuchergruppen aus ganz Europa und selbst aus Südkorea oder Japan reisen an.

Entlang der Autobahn erstreckt sich der Solarpark Haberskirch - gebaut von den Sielenbacher Energiebauern. Sie möchten im Landkreis weitere Photovoltaikanlagen auf der freien Fläche realisieren.
Bild: Martin Bichler

Auf den Dächern in der Gemeinde sind derzeit rund 200 Fotovoltaikanlagen montiert. Dazu kommen inzwischen fünf Wärmenetze, denn als Nebenprodukt der Stromerzeugung wird die Abwärme genutzt. Unter anderem wird das Kloster Maria Birnbaum, die gemeindeeigenen Gebäude und ein Großteil der Einwohner so mit Wärme versorgt. Das fünfte Netz ist seit Ende September in Betrieb. Fast 1,2 Millionen Liter Heizöl werden derzeit schon pro Jahr eingespart. Vorreiter war hier Johann Finkenzeller, der sich 2011 mit der Idee eines Nahwärmenetzes an die Gemeinde wandte. Fast 80 Prozent der Anwohner in den Ortsteilen Tödtenried, Unter- und Oberhaslach schlossen sich allein dort an.

Blasmusik-Kapelle begrüßt neue Windräder in Sielenbach

Bürgermeister Echter, der seit 18 Jahren die Entwicklung vorangetrieben hat und jetzt aufhört, ist mächtig stolz auf diesen Erfolg. Seine Gemeinde habe die Energiewende geschafft: „Wir haben gehandelt und nicht nur geredet“, sagt er mit Blick auf die große Politik. Das habe aber nur funktioniert, weil von Anfang an alle mitzogen hätten: Gemeinderat, Bürger, Landwirte und Unternehmer. Sein Paradebeispiel: Als die Energiebauern 2014 einen Antrag stellten, um die zwei Windräder auf Sielenbacher Flur errichten zu können, gab es dort keinen Protest. Die Räder sind Teil eines Parks mit insgesamt sechs Anlagen, die die Firma auf drei angrenzenden Konzentrationsflächen der Gemeinden Sielenbach, Aichach und Dasing im Blumenthaler Forst gebaut hat. Während sich in den anderen Kommunen Widerstand formierte, brauchte der Sielenbacher Rat nur ein paar Minuten, um dem Vorhaben zuzustimmen.

Symptomatisch: Als ein Jahr später Schwertransport-Fahrer die ersten Flügel für die Windkraftanlagen nach Sielenbach brachten, waren die nahezu sprachlos. Von Demonstranten sind sie schon öfter empfangen worden – aber noch nie von Blasmusik, die damals im Sonnendorf aufspielte.

Und worauf führt Solar-Pionier Sepp Bichler die Entwicklung seiner Heimatgemeinde zurück? „Vielleicht haben viele gedacht, wenn der Bichler damit Geld verdienen kann, dann kann ich das auch.“ In Sachen Windkraft sei offen und aktiv informiert worden, betont der Unternehmer und Landwirt. Dazu seien die Kommunalpolitiker vor Ort voll dahinter gestanden „und die Allgemeinheit hat profitiert“.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren