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Fall Julian Reichelt
20.10.2021

Wer ist der mächtige US-Investor, der den Bild-Chef zu Fall brachte?

Druck vom Investor? Julian Reichelt muss "Bild" verlassen.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Lange hielt Springer an Chefredakteur Julian Reichelt fest. Dass die Entlassung jetzt schnell kam, könnte auch an dem mächtigen US-Investor KKR liegen.

Einer Berufseinsteigerin soll er anzügliche Nachrichten geschrieben habe. "Noch wach?", zum Beispiel. Oder: "Ich will deinen Körper spüren." So berichtete es Der Spiegel, als feststand, dass sich der Springer-Konzern von Julian Reichelt als Chefredakteur der Bild-Zeitung trennt. Lange hatte Springer trotz schwelender Vorwürfe des Machtmissbrauchs an Reichelt festgehalten, diese Woche überschlugen sich die Ereignisse. Um zu verstehen, weshalb es für Reichelt plötzlich so eng wurde, lohnt es sich auch, einen Blick auf die Eigentümerstruktur zu werfen. Dort spielen nicht nur die Ambitionen von Springer-Chef Mathias Döpfner und von Verlegerin Friede Springer eine Rolle. Eine zentrale Stellung nimmt die mächtige US-Beteiligungsgesellschaft KKR ein, ein Unternehmen, das schon mal als Heuschrecke verschrien war.

Am Springer-Konzern hält heute Verlegerwitwe Friede Springer 22,5 Prozent der Anteile, 21,9 Prozent gehören Döpfner. Kleinere Anteile halten Axel Sven Springer, Ariane Melanie Springer und die Friede Springer Stiftung. Daneben sind mächtige Investoren an Bord: 35,6 Prozent gehören KKR, 12,9 Prozent dem kanadische Fonds CPPIB, der sich um die Renten kanadischer Ruheständlerinnen und Ruheständler kümmert. KKR als größter Anteilseigner nimmt drei Sitze im Springer-Aufsichtsrat ein. Das sichert Einfluss.

KKR verwaltet 429 Milliarden Dollar an Vermögen

Gegründet wurde KKR bereits in den 70er Jahren in New York von den Finanzexperten Jerome Kohlberg, Henry Kravis und George Roberts. Aufsehen erlangte die Gesellschaft mit der Übernahme des großen US-Nahrungsmittelherstellers RJR Nabisco im Jahr 1989. Das Geschäftsmodell besteht darin, Geld von Anlegerinnen und Anlegern einzusammeln und Unternehmen zu kaufen. Der Rest wird am Kapitalmarkt aufgenommen. Ziel ist es meist, die Unternehmen umzubauen, die Erträge zu steigern und sie nach einigen Jahren gewinnbringend zu verkaufen. Dies hat den Beteiligungsgesellschaften oder Private Equity Fonds den Ruf als Heuschrecken eingebracht. KKR verwaltet heute ein Vermögen von 429 Milliarden Dollar, ist an 109 Firmen beteiligt, die weltweit 819.000 Angestellte zählen. Jerome Kohlberg ist gestorben, Henry Kravis lebt laut Berichten noch heute in New York und spendet als Wohltäter Millionenbeträge zum Beispiel an Krankenhäuser.

Der damalige "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt ist von Axel Springer von seinen Aufgaben entbunden worden.
Foto: Michael Kappeler, dpa

In Deutschland ist KKR seit 1999 vertreten. Dem Investor gehört zum Beispiel das Marktforschungsunternehmen GfK oder der Flugzeugelektronikspezialist Hensoldt. In der deutschen Medienlandschaft mischt KKR aktiv mit. Von 2006 bis Januar 2014 besaß KKR den Sender Pro7Sat1. In München schmiedet KKR zusammen mit dem Medienmanager Fred Kogel den TV-Dienstleister Leonine, in dem auch die Produktionsgesellschaft I&U von Günther Jauch aufgegangen ist. Im Jahr 2020 stieg KKR bei Springer ein und ließ die Aktie von der Börse nehmen.

Forscher Lutz Frühbrodt: "Klar, dass ein Investor Einfluss nimmt"

Dass eine Gesellschaft wie KKR ein genaues Auge auf ihre Beteiligungen hat, ist für Professor Lutz Frühbrodt sehr wahrscheinlich. KKR sei einst unter den Beteiligungsgesellschaften eine der radikalsten ihrer Art gewesen, sagt der Professor für Fachjournalismus an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. "Es ist klar, dass ein Investor wie KKR im Vergleich zu anderen Finanzinvestoren, die es früher gab, stärker Einfluss auf ein Unternehmen wie Springer nimmt."

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Die Enthüllungen deutscher und amerikanischer Journalisten rund um Machtmissbrauch und Beziehungen zwischen Julian Reichelt und Bild-Mitarbeiterinnen dürften einen mächtigen Investor wie KKR da nicht mit Begeisterung erfüllt haben.

Die Recherchen in Deutschland, vor allem aber auch der Bericht in der New York Times am Sonntag über Julian Reichelt, kamen dabei zur Unzeit. Der Springer-Konzern war nämlich gerade dabei, die Übernahme der US-Nachrichtenplattform Politico für 630 Millionen Euro unter Dach und Fach zu bringen. Seit 19. Oktober ist Springer zu 100 Prozent Eigentümer der US-Mediengruppe. Politico steht für politischen Journalismus in den USA und Europa und beschäftigt allein in Nordamerika rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Vor allem Döpfner soll die amerikanischen Wachstumspläne vorangetrieben haben.

Medien-Experte Leonard Novy: "Übernahme von Politico hat zur Situation beigetragen"

Dass die Politico-Übernahme den Sturz Reichelts beschleunigt haben könnte, davon geht auch Leonard Novy aus, Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin und Köln. "Die Partnerschaft mit KKR, die Übernahme von Politico und die damit verbundenen Ambitionen des Unternehmens, ein, wenn nicht der globale Player im Digitaljournalismus zu werden, haben maßgeblich zur aktuellen Situation beigetragen", sagt er. "Zum einen hätte es die Berichterstattung der New York Times ohne den Kauf des US-Politikportals kaum gegeben. Zweitens hat auch Springer nur wegen der Bedeutung dieses Prestige-Deals und des US-amerikanischen Marktes insgesamt so schnell reagiert", vermutet Novy. Nach der Politico-Übernahme hätten sich in den vergangenen Wochen nicht nur US-Branchenexperten, sondern auch Teile der Politico-Belegschaft erstmals ernsthaft und kritisch mit der Frage beschäftigt, wer ihr neuer Eigentümer eigentlich ist. In Verdacht zu geraten, die Vorwürfe nicht ernst zu nehmen, sei KKR nicht vermittelbar. Und ohne KKR seien wiederum Döpfners Wachstumspläne nicht denkbar. "Der US-Markt, auf dem andere Regeln gelten, ist schlichtweg wichtiger, als Reichelt weiter Deckung zu gewähren", sagt Novy.

In den USA haben Vorwürfe rund um Sexismus und Belästigung seit der #MeToo-Debatte eine eigene Bedeutung. Die Debatte begann 2017 nach Missbrauchsvorwürfen gegen den US-Filmproduzent Harvey Weinstein.

Zwar mag es das Ziel von Fonds wie KKR sein, in erster Linie mit der Investition Geld zu verdienen. Aber es geht heute nicht nur um Rendite allein, Unternehmen legen heute auch Wert auf Faktoren wie Umweltschutz oder Arbeitssicherheit. Ein Chefredakteur, der seine Stellung nutzt, um Mitarbeiterinnen näherzukommen, passt da nicht mehr ins Bild. "KKR ist US-amerikanischer Provenienz und global aufgestellt. Solch ein Unternehmen kann Themen wie die Einhaltung der Regeln guter Unternehmensführung gegenüber Mitarbeiterinnen nicht außer Acht lassen", sagt Medien-Forscher Frühbrodt.

Experte: Fakten dürften für Springer nicht neu gewesen sein

Obwohl Springer sich früh für andere Investoren geöffnet habe und zeitweise an der Börse notiert war, wirke die Unternehmenskultur nicht mehr zeitgemäß. "In der Bild-Führungsetage herrschte offenbar ein Stil wie in den 50er und 60er Jahren - eine Macho-Haltung, die heute extrem anachronistisch wirkt", sagt Frühbrodt. Zu den Ansprüchen, bald auch in Nordamerika stark im Mediengeschäft mitzumischen, passt dies nicht. "Falls Springer ein globaler Player werden will, muss man noch stärker eine globalen Maßstäben gerechte Unternehmenskultur entwickeln."

Mathias Döpfner spricht beim Kongress des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Medienhäusern fällt es teilweise schwer, aus dem Sexismus-Problem wirksame Konsequenzen zu ziehen, hat Medien-Experte Novy beobachtet. "Das zeigt auch und insbesondere das Beispiel der Bild, der man eine besonders machistische, allen konzerninternen Initiativen trotzende Unternehmenskultur nachsagt", erklärt er. "Lange galt ein Gebaren wie das von Reichelt als Ausweis von journalistisch-kreativer Genialität – oder zumindest als hinzunehmender Kollateralschaden. Solange die Zahlen stimmten und niemand anders hinschaute, wurde das nicht weiter hinterfragt", sagt Novy. "Dass Springer nun auf den Times-Artikel so schnell reagiert und Reichelt von seinen Aufgaben entbunden hat, zeugt denn auch weniger von einem Umdenken in der Sache als davon, dass der externe Druck absehbar schlicht zu groß geworden wäre." Schließlich dürfte kaum eine der nun auf dem Tisch liegenden Fakten wirklich neu für die Spitze rund um Döpfner gewesen sein. Entschuldigt habe man sich offenbar bei den betroffenen Frauen bis heute nicht. "Man tut, was man eben tun muss, um die eigene Haut und Konzerninteressen zu schützen."

Springer-Chef soll lange Hand über Reichelt gehalten haben

Lange soll Springer-Chef Döpfner seine Hand über Reichelt gehalten haben, mittlerweile gerät er aber angesichts Berichten über frühere Partys, seine Akt-Sammlung und einen Vergleich der deutschen Corona-Politik als neuen "DDR Obrigkeits-Staat" selbst unter Druck.

Was aber interessiert globale Unternehmen wie KKR an der deutschen Medienbranche? Für Investoren wie KKR kann die Medienbranche derzeit lukrativ sein, erklärt Medien-Forscher Frühbrodt. Durch die Digitalisierung stehen Medienunternehmen unter Druck, sich zu wandeln. "Die Medienhäuser sind auf Kapital angewiesen, Investoren können recht billig einsteigen", sagt er. Gleichzeit verspricht die Digitalisierung neue Geschäftsmodelle und neues Wachstum, auch durch Reise- oder Ratgeberportale, die etablierten Verlagen angeschlossen werden. "Investoren bringen teilweise auch ihr Know-how mit, sodass neue Renditemöglichkeiten entstehen."

Das Manager Magazin hat inzwischen ein Interview mit KKR-Manager Philipp Freise veröffentlicht. Darin klingt auch eine Strategie für Springer an. Erwogen werde zum Beispiel auch, einzelne Konzernteile separat an die Börse zu bringen, haben die Redakteure recherchiert.

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