Das kann Christine Lagarde nun wohl nicht mehr auf ihre professionell-charmante Art weglächeln: Am Donnerstag entschied der französische Gerichtshof der Republik, ein Ermittlungsverfahren gegen die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) einzuleiten. Verdächtigt wird sie der Veruntreuung öffentlicher Gelder und Komplizenschaft bei ihrer Zustimmung für eine üppige Entschädigungszahlung aus der Staatskasse an den Geschäftsmann Bernard Tapie im Juli 2008. Die Staatsanwaltschaft hatte Lagarde auf Betreiben einiger sozialistischer Abgeordneter hin Amtsmissbrauch vorgeworfen.
Dennoch hatte sich die 55-Jährige engagiert um den IWF-Chefposten beworben und dabei stets betont, dem drohenden juristischen Ärger in Frankreich gelassen entgegenzusehen. Doch nur einen Monat nach ihrem Amtsantritt in Washington droht dieser künftig auf ihrem Mandat zu lasten – und das, nachdem ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn wegen Vergewaltigungsvorwürfen zurücktreten musste. Auch in Reaktion darauf war Lagardes Vertrag beim IWF um einige Passagen erweitert worden, nach denen sie „höchste Standards im ethischen Verhalten“ beachten solle.
Bei dem Verfahren geht es um die umstrittene Entscheidung eines privaten Schiedsgerichtes in einem Dauerstreit mit dem Unternehmer Tapie, der Lagarde trotz gegenteiliger Meinungen von Experten zugestimmt hatte, um einem jahrelangen Konflikt ein Ende zu setzen. 1993 hatte Tapie, der die Mehrheit am Sportartikelhersteller Adidas hielt, die damals staatliche Bank Crédit Lyonnais mit deren Verkauf beauftragt. Die Bank prellte ihn, indem sie das Unternehmen über Zwischengeschäfte zu einem Niedrigpreis erwarb, um es zwei Jahre später gewinnbringend zu verkaufen. Bernard Tapie, selbst ein gerissener Geschäftemacher, zog in einen zähen Justizkampf. Diesen sollte ein von Lagarde beauftragtes Schiedsgericht beenden, das Tapie eine Entschädigung von 285 Millionen Euro zusprach, mit Zinsen sogar fast 400 Millionen Euro. Lagarde schlug den Rat, in Berufung zu gehen, aus, obwohl ihr eigenes Ministerium die Entschädigungssumme auf nur 20 bis 50 Millionen Euro geschätzt hatte – was vor allem die Opposition erboste. Sie wittert Klüngeleien mit dem Sarkozy-Vertrauten Tapie.
Viele sind überzeugt, dass die Entscheidungen nicht auf Lagarde zurückgehen, sondern auf Nicolas Sarkozy, den der einstige Medienunternehmer und Fernsehstar Tapie im Wahlkampf 2007 massiv unterstützt hatte. „Im französischen System könnte keine Entscheidung mit diesen politischen und finanziellen Auswirkungen ohne das Einverständnis von dem getroffen werden, den manche als Hyperpräsident bezeichnen“, schreibt der Jurist Hubert Lesaffre in der Zeitung Le Monde. Demnach hält Lagarde den Kopf hin für eine von der höchsten Staatsautorität erhaltene Order. Sie selbst bestreitet das: „Glauben Sie wirklich, dass ich aussehe wie eine Freundin von Bernard Tapie?“, blaffte sie in einem Interview.
Ihr Anwalt Yves Repiquet erklärte am Donnerstag, Lagarde werde durch die Ermittlungen keineswegs beeinträchtigt: „Es wird nicht das erste Ermittlungsverfahren sein, das eingestellt wird.“ Ob es zu einem Prozess kommt, dürfte sich erst in einigen Jahren entscheiden.