Als dieses Jahr der neue Ikea-Katalog an 26,8 Millionen Haushalte in Deutschland verschickt wurde, hatten sich viele Kunden offenbar zu früh gefreut. Auf Seite 223 steht klein, aber fein der Punkt „Dein Rückgaberecht“. Dort wird beschrieben, dass das schwedische Möbelhaus sein Recht auf Warenrückgabe neu regelt. Kunden können Produkte künftig ohne zeitliche Befristung zurückgeben. Das gelte auch für gebrauchte Produkte. Ausgeschlossen vom Umtausch sind lediglich zugeschnittene Artikel wie Stoffe und Arbeitsplatten, Pflanzen und Artikel aus der Fundgrube.
Was sich nach einem Paradies für alle Kunden anhört, möchte das Unternehmen nun allerdings nicht mehr so stehen lassen. Ikea dementiert kurzerhand seine Regelung zum lebenslangen Rückgaberecht. „Das ist alles falsch rübergekommen“, sagt Pressesprecherin Sabine Nold. Eine Richtigstellung zugunsten der Verbraucher wollte das schwedische Unternehmen damals aber nicht abgeben. „Der gesunde Menschenverstand sollte einem doch schon sagen, dass es so etwas nicht gibt“, sagt Nold heute. Und widerspricht damit vehement der Werbekampagne, die noch vor zwei Monaten offensiv betrieben worden ist.
Warum nun also der Rückzieher? „Dieses Geschäftsmodell mit dem lebenslangen Rückgaberecht hält auch Ikea nicht aus“, sagt Peter Betzel, Geschäftsführer von Ikea Deutschland. Dennoch, umtauschen können die Kunden auch weiterhin: „Uns ist es wichtig, dass unsere Kunden mit unseren Produkten glücklich sind“, sagt Betzel. Und nach dem Geschäftsmann könne es auch mal länger als drei Monate dauern, bis erkannt wird, ob das Sofa oder der Schrank in die Wohnung passt. So sei es kein Problem, auch nach einem halben Jahr noch gebrauchte und aufgebaute Artikel zurückzugeben.
Wie lange gilt das Rückgaberecht bei Ikea?
Doch wie lange gilt denn jetzt genau das lebenslange Rückgaberecht? Eine Frage, der die Pressesprecherin Nold ausweicht. „Wer 15 Jahre eine Küche hat, der muss ja auch glücklich gewesen sein, sonst hätte man sie nicht so lange behalten“, sagt sie. Daher könne diese danach nicht einfach umgetauscht werden.
Dass Ikea unkonventionelle Wege geht, zeigte das Möbelhaus bereits am 17. Oktober 1974. An diesem Tag eröffneten sie ihr erstes Haus im Norden Münchens. Dominierte bis dahin Eiche rustikal in deutschen Wohnzimmern, zeigte „das unmögliche Möbelhaus aus Schweden“, wie sich Ikea damals nannte, dass es auch anders gehen kann. Wurden Kunden in etablierten Möbelhäuser noch von Anzugträgern empfangen, setzte Ikea auf das kameradschaftliche „Du“. Der erste Katalog trug den provokanten Titel, „Wer jung ist, hat mehr Geschmack als Geld“ – und im Innenteil lehrte der Möbelhersteller die Kunden, mit anzupacken. Garniert wurde dies mit frechen Werbesprüchen. „Wir treiben’s bunt mit hellem Holz“, hieß es da. Oder: „Die Jungfrau staunt und ist perplex, was ist denn los auf Seite sechs?“ Damit traf Ikea den Zeitgeist. Schon an den ersten Öffnungstagen kamen fast 10000 Besucher täglich zum Einkauf. Und sorgten für „regelmäßiges Verkehrschaos“, wie Wolfgang Mandler, Einrichtungshauschef des Ikea Eching, sagt. Traditionelle Möbelhändler, die die Ikea-Regale lange als „Apfelsinenkisten“ bezeichneten, bekamen bald Konkurrenz. Der schwedische Elch nagte am Markt der deutschen Eiche.
40 Jahre Ikea, 40 Jahre weg vom deutschen Design
Seitdem gibt es für Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) keinen „typischen deutschen Stil“ mehr. „40 Jahre Ikea bedeutet auch 40 Jahre weg von deutschem Design.“ Dennoch sieht sie das Phänomen Ikea positiv: „Die Menschen hatten begonnen, sich mit Möbeln und Design auseinanderzusetzen.“ Und das kam auch anderen Herstellern zugute. Heute wollen ihrer Meinung nach Kunden nicht mehr eine dunkle, mächtige Schrankwand haben, die 20 Jahre halten soll. Sie wollen mit der Zeit gehen, hip sein und sich immer wieder neu erfinden.
Ikea zeigte aber auch, wie man den Einkauf zum Erlebnis machen kann. Das schwedische Möbelunternehmen etablierte als eines der ersten Restaurants in ihren verschiedenen Einrichtungshäusern. „Ikea hat es geschafft, den Möbelkauf familienfreundlich zu machen“, meint auch Verbandssprecherin Geismann.
In den vergangenen Monaten wurde aber auch deutlich, dass die Ikeavergangenheit dunkle Seiten hat. Der schwedische Möbelkonzern hatte 2012 eingeräumt, dass in der DDR politische Häftlinge und Strafgefangene unter Zwang Möbel für das Unternehmen fertigen mussten. Ikea hatte eine entsprechende Studie mitfinanziert, die von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft im Juni dieses Jahres vorgestellt worden war. Demnach war auch die Ikeavertretung in Ostberlin von Leuten der DDR-Staatssicherheit durchsetzt. Diese hatten sich an der Vertuschung der Herkunft der Waren beteiligt.