Dominique Strauss-Kahn ist ein freier Mann. Ohne elektronische Fußfessel und mit Reisepass in der Tasche. Der New Yorker Staatsanwalt Cyrus Vance hat seine Anklage gegen den früheren Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückgezogen und beim zuständigen Richter Michael Obus die Einstellung des Verfahrens wegen versuchter Vergewaltigung einer Hotelangestellten beantragt. Dieser folgte der Empfehlung wie erwartet.
Am Abend wies ein Berufungsgericht den Antrag des angeblichen Opfers zurück, die Klage unter einem anderen Staatsanwalt erneut aufzurollen. Nach gut drei Monaten geht damit eine der spektakulärsten Ermittlungen der jüngsten Zeit zu Ende, ohne dass der tatsächliche Hergang der Ereignisse geklärt werden kann.
Vance, dem zu Beginn ein einseitiges Vorgehen gegen den 62-jährigen Franzosen vorgeworfen wurde, begründete seine Entscheidung mit „erdrückenden“ Zweifeln an der Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens Nafissatou Diallo. Der Fall stehe und falle mit der Aussage der einzigen Zeugin, die jedoch „in fast allen Gesprächen die Unwahrheit gesagt habe“. Im Laufe der Befragungen präsentierte die 32-Jährige verschiedene Versionen der angeblichen Vorgänge in der Suite 2806 des Sofitel-Hotels in New York und verwickelte sich in Widersprüche; auch bei ihrem Asylantrag in den USA hatte sie unter Eid gelogen. Auf überzeugende Weise hatte sie von einer angeblichen Massenvergewaltigung in ihrer Heimat Guinea berichtet, die, wie sie später zugab, frei erfunden war. Erschien sie ihm zunächst glaubhaft, hätten ihre Lügen „verheerende Auswirkungen“ in einem Prozess, schrieb Vance in seiner 25-seitigen Erklärung.
Wie die medizinischen Proben ergaben, fand zwar ein wenige Minuten kurzer sexueller Kontakt zwischen den beiden statt. Es gebe aber keine Beweise dafür, dass dieser erzwungen gewesen sei. Weder Strauss-Kahn noch das Zimmermädchen hatten DNA-Spuren des anderen unter den Fingernägeln, was einen Kampf nachweisbar gemacht hätte, wie ihn Diallo beschrieben hatte. Strauss-Kahn selbst hatte sich in allen Anklagepunkten für „nicht schuldig“ erklärt und stets von einer einvernehmlichen Begegnung gesprochen.
Diallos Anwalt Kenneth Thompson zeigte sich schwer enttäuscht: „Wenn der Staatsanwalt von Manhattan, der gewählt ist, um unsere Frauen, Schwestern, Mütter zu beschützen, das nicht tut, wer soll es dann tun?“ Auch wenn das Strafverfahren eingestellt wird, erwartet Strauss-Kahn ein Zivilprozess, bei dem die Hotelangestellte Schadenersatz verlangt. Anders als beim Strafprozess müssten hier Zweifel an der Schuld des Angeklagten für eine Verurteilung nicht vollständig ausgeräumt sein. Gestern wurde bekannt, dass Diallo auch in Strauss-Kahns Heimat Frankreich eine Klage wegen Beeinflussung von Zeugen eingereicht hat.
Dort wurde die Nachricht vom Ende des Verfahrens gegen den einstigen sozialistischen Hoffnungsträger für die Präsidentschaftswahl 2012 mit Erleichterung aufgenommen. Martine Aubry, die sich inzwischen als Bewerberin erklärt hat, wünschte ihrem Parteifreund ein schnelles Ende dieses „Albtraums“. Jean-François Copé, Chef der konservativen Regierungspartei UMP, sagte, er sei „glücklich“.
Dass Strauss-Kahn nochmals eine bedeutendere politische Rolle spielen wird, gilt derzeit aber als unwahrscheinlich. Infolge der Vorwürfe hat sich auch die 32-jährige französische Autorin Tristane Banon zu einer Klage wegen versuchter Vergewaltigung vor acht Jahren entschlossen. Auch wenn Strauss-Kahn wiederum wegen falscher Anschuldigungen gegen Banon klagt und ein Beweis voraussichtlich schwierig wird, ist klar: Der neuerliche Vorwurf wird sein Image weiter beschädigen. Seinen IWF-Posten hat inzwischen die ehemalige französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde eingenommen.
„Das ist das Ende einer schrecklichen und ungerechten Probe“, sagte Strauss-Kahn bei seinem ersten Presseauftritt seit der Verhaftung. „Ich kann es kaum erwarten, in mein Land zurückzukehren.“ In französischen Medien zeigen sich seine Freunde allerdings zunehmend skeptisch, ob der ehemalige Wirtschaftsminister nochmals in die Politik zurückkommen will. Einer Umfrage zufolge wünscht sich das auch eine Mehrheit der Franzosen nicht mehr: 65 Prozent der Befragten sprechen sich gegen eine Präsidentschaftskandidatur des einst so beliebten DSK aus. (mit dpa)