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Wir brauchen einen neuen Konsum

Kommentar Von Sandra Liermann
14.08.2020

Unser Wirtschaftssystem beruht auf der Idee, dass es immer weiter wachsen muss. Doch langfristig kann das nicht funktionieren. Die Politik muss jetzt handeln.

Während der Corona-Krise hat sich unser Konsum drastisch verändert. Zumindest kurzzeitig sah es so aus, als könnte die von Umweltschützern schon lange geforderte Wende zum Weniger wirklich gelingen. Was vorher oft als absurdes Wunschdenken abgetan wurde, war plötzlich Wirklichkeit. Verhaltensänderungen wurden quasi über Nacht möglich: Die Menschen verzichteten auf Restaurant- und Konzertbesuche, ebenso auf den klassischen Einkaufsbummel. Das Interesse an regionalen Produkten stieg. Der Personenverkehr ging deutlich zurück.

Nun kehrt die Normalität Schritt für Schritt zurück. Und die Politik lässt die Chance, jetzt den Grundstein für ein verändertes Wirtschaften zu legen, ungenutzt verstreichen.

Funktioniert unsere Gesellschaft wirklich nur, wenn die Menschen immer weiter konsumieren?

Bislang galt stets, dass die Menschen immer weiter konsumieren müssen, damit unsere Gesellschaft funktioniert. Schon der schottische Ökonom Adam Smith, der als Begründer der Nationalökonomie gilt, sah im Konsum „den einzigen Grund allen Wirtschaftens“. Würden wir nur das kaufen, was wir wirklich brauchen, würde unser Wirtschaftssystem zusammenbrechen. Erste Auswirkungen davon haben wir in den vergangenen Monaten zu spüren bekommen: Das Bruttoinlandsprodukt sank auch deswegen um historische 10,1 Prozent. Der Konsumklimaindex stürzte auf ein historisches Tief. Der Deutsche Aktienmarkt brach so schnell ein wie nie zuvor.

Unser Wirtschaftssystem beruht auf der Idee, dass es nur durch ständiges Wachstum weiter bestehen kann. Doch exponentielles Wachstum kann nicht ewig weitergehen, das ist rein rechnerisch nicht möglich. Keine Ressource ist in endlosem Maß vorhanden, kein Baum wächst ins Unendliche. Wieso soll ein System, das auf Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruht, das können?

Dennoch produzieren wir immer mehr, verbrauchen immer mehr Rohstoffe. Von unserem Wachstum profitieren derweil längst nicht alle Länder. Auch nachfolgende Generationen müssen mit den Konsequenzen unseres heutigen Handels leben. Der Versuch, die Umwelt langfristig weiter dem Markt zu unterwerfen, wird scheitern. Wir brauchen deshalb jetzt den Mut zu großen Veränderungen unserer Lebens- und Wirtschaftsweise, unserer Denkweisen und Ansichten.

Die Politik darf den Schwarzen Peter nicht weiter den Konsumenten zuschieben

Die Verantwortung für einen neuen Konsum liegt nicht nur bei jedem Einzelnen von uns, sondern zu großen Teilen bei der Politik. Unternehmen richten sich nach den Konsumenten. Die Politik muss deshalb endlich konkrete Zielvorgaben gestalten, damit Fleisch nicht mehr in Massentierhaltung produziert, Kleidung nicht mehr unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt, Recycling schon im Produktionsprozess mitgedacht wird. Bislang wurde der Schwarze Peter den Konsumenten zugeschoben, die angeblich billiges Fleisch, billige Kleidung und billige Elektronik unbedingt haben wollen. Gleichzeitig darf gesunder, nachhaltiger Konsum kein Privileg sein, das sich nur ein bestimmter Teil der Gesellschaft leisten kann. Aber es kann auch nicht sein, dass Konsum stets auf Kosten der Umwelt, des Tierwohls oder der Arbeiter in der Produktion geht.

Wir können nicht mit der Natur verhandeln. Deshalb können wir nicht weiter auf Marktlösungen setzen, sondern brauchen staatliche Steuerung. Die Herausforderung liegt darin, jetzt den Übergang zu einem nachhaltigen Wirtschaften einzuleiten. Der Staat muss dabei unterstützen. Mit unserem jetzigen Wirtschaftssystem, das entweder Krise oder Wachstum kennt, können wir die riesige Veränderung, die uns bevorsteht, nicht bewältigen.

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Alle Texte aus unserer Themenwoche Konsum finden Sie hier.

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16.08.2020

Kleiner Nachtrag zu meinem Leserbrief. Hier geht es ja um die Rolle, die die Politik spielen soll und kann. Ich selbst bin nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe und sehe das ganze gewissermaßen aus provinzieller Sicht. Daher auch mein Problem mit der Regulierungswut der EU-Bürokratie.

Aber einmal im Jahr treffen sich die Schönen, Reichen und Mächtigen dieser Welt zum Weltwirtschaftsforum in Davos (mich haben sie leider nicht eingeladen). Nächstes Treffen ist für Januar 2021 geplant. Gut, das ist jetzt keine Weltregierung. Es sind aber auch keine Gutmenschen im Elfenbeinturm. Das sind schon Leute mit Macht und Einfluss auf Politik, Medien und Wirtschaft. Dieses Weltwirtschaftsforum plant nicht mehr als den „Grossen Neustart“. Klingt sehr nach Verschwörungstheorie ist aber ganz real.

Wer sich selbst informieren möchte: http://www3.weforum.org/docs/WEF_The_Great_Reset_AM21_German.pdf

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16.08.2020

>> "Gregor B." Den Onlinehandel und die damit verbundene Belastung unserer Infrastruktur (Straßen!) so regulieren und besteuern, dass die jetzige Bestell- und Rücksendekultur sich nicht mehr lohnt. <<

Die heutige Produktvielfalt erfordert einfach Versandhandel; wir sind nicht mehr in den 1960er Jahren!

Alternativ müsste man halt auch mal 200 Km mit dem Auto zu einem passenden Geschäft fahren, welches das Produkt selbst aber auch wieder nur beim Großhandel oder Hersteller bestellt hat. Ist das besser?

Und wenn Versand so teuer wird, muss man halt vieles wegwerfen, wofür man heute über ebay problemlos noch einen Käufer in Deutschland findet.

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16.08.2020

Lieber Albert S., bei manchem gebe ich Ihnen recht, aber bei einem sicher nicht: dass die Politik nichts machen kann. Wenige ordnungspolitische Maßnahmen könnten den Konsum recht effektiv in eine deutlich bessere Richtung lenken:
1. Bedingungen für die Tierhaltung und -transport so setzen, dass die jetzige Billigfleischproduktion unmöglich wird. Das reguliert dann auch den Fleischkonsum über den Preis
2. Den Onlinehandel und die damit verbundene Belastung unserer Infrastruktur (Straßen!) so regulieren und besteuern, dass die jetzige Bestell- und Rücksendekultur sich nicht mehr lohnt.
3. Den Mindestlohn deutlich erhöhen.
Und bitte keine erfundenen bösartigen Hypothesen über die Bestellmentalität von Umweltaktivist:innen. Das zerstört leider die Sachlichkeit Ihres Beitrags. Diese Leute leben uns ein neues nachhaltiges und regionales Konsumverhalten vor. Kein Umwelt- oder Gemeinwohlaktivist bestellt bei Amazon, ich selbst auch nicht.

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16.08.2020

...dass aber derzeitiges europäisches Wettbewerbsrecht eine effektive Ordnungspolitik torpediert, ist leider bittere Wahrheit. Trotzdem wäre Billigfleisch, das nicht aus Deutschland kommt, ein Anfang. Andere Gesellschaften folgen vielleicht, wenn das Massenschlachten zu ihnen verlagert wird.

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16.08.2020

Was Sie schreiben klingt ja ganz gut. „Die Politik“ die alles richten soll ist jedoch leider keine Wunscherfüllungsmaschine. Die Politik ist selbst getrieben von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen. Wie viele Politiker kommen denn noch aus dem Handwerk, dem Handel oder der Landwirtschaft? So gut wie niemand mehr.

Entsprechend fallen auch politische Entscheidungen aus. Aktuelles Beispiel Grosschlachthöfe. Warum hören immer mehr kleine Metzgereien auf? Zum einen weil kaum noch jemand die Arbeit machen will. Zum anderen weil die staatlichen Auflagen an Arbeitssicherheit, Hygiene, bürokratischer Dokumentation immer größer werden. Die Politik macht das nicht absichtlich um Kleinbetriebe zu ärgern sondern um den Ansprüchen der Bürger und Medien gerecht zu werden.

Im Handel das selbe Spiel. Der Bücherladen in Ihrer Stadt zahlt wohl mehr Steuern als Amazon. Liegt aber an der unterschiedlichen Besteuerung innerhalb der EU. Aber was soll die Politik Ihrer Meinung nach tun? Der in jüngster Zeit so viel gelobte regionale Handel bedeutet halt, wenn man es zu Ende denkt, nationaler Handel und nationale Steuergesetze die Grosskonzerne und Kleinbetriebe möglichst gleich stellen. Also weniger EU mehr Nationalstaat. Ups! Rechtspopulistenalarm!

Warum ist denn unser Wirtschaftssystem so wenig nachhaltig? Weil die Politik versagt? Nein, weil nachhaltiges Handeln arbeitsintensiv ist! Sie können Socken stopfen oder sich neue Socken kaufen. Sie können sich eine Pizza selbst machen oder eine Tiefkühlpizza aus dem Regal hohlen.
Bei der nächsten Fridays-for-Future Demo fragen Sie ruhig mal nach wo unsere jungen Umweltaktivisten ihre unerlässlichen Trillerpfeifen her haben. Mit ziemlicher Sicherheit online gekauft, natürlich beim günstigsten Anbieter. Logischerweise nicht nur eine sondern gleich zehn Pfeifen geordert. Eine wird behalten die anderen selbstverständlich kostenfrei zurück gesandt. Klar wer für die Zukunft streikt, dem kann nicht zugemutet werden sich aus einem Stück Holz eine Pfeife selbst zu schnitzen. Natürlich sind aber alle zutiefst schockiert über den Onlinehändler der die retournierten Trillerpfeifen, statt sie zu desinfizieren und neu zu verpacken, lieber kostengünstig entsorgt. Klingt zynisch, läuft aber genau so ab.

Es werden halt die Politiker gewählt und von der Presse gelobt, die die meisten sozialen Wohltaten verteilen.





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16.08.2020

So lange die Menschheit wächst muß und wird auch der Konsum wachsen.

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15.08.2020

Genau dies ist das Problem, denn wer nur auf Konsum setzt, keine Leistungen erbringt vom Ersparten lebt und womöglich noch Geld drucken lässt, handelt nicht nur grob fahrlässig sondern tanzt auf einem Vulkan, der alles zerstören wird.
Richtungsweisend ist hierbei das sog. "reiche Deutschland", das mittlerweile aus allen Löchern pfeift und volkswirtschaftlich sowie gesellschaftspolitisch längst einer Reform bedarf. Es bestehen aber berechtigte Zweifel, dass es für eine Neuordnung unter "normalen" Bedingungen zu spät ist.

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