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New York
02.03.2021

Homeoffice und Umzüge: Es wird einsam an der Wall Street

Die New Yorker Börse hat ihren Sitz an der Wall Street.
Foto: Mark Lennihan, dpa/AP

Das New Yorker Handelsparkett leert sich: Angestellte sind wegen Corona im Homeoffice, Firmen ziehen nach Florida. Droht der Weltstadt der Verlust ihrer Börse?

Um an der Wall Street zu arbeiten, muss man nicht mehr in New York sein. Das hat sich in der Pandemie deutlich gezeigt. Für Alejandro Gonzalez nichts Neues: Seit drei Jahren handelt er für Kunden der Großbank UBS von Miami aus an der Wall Street. Der New Yorker Handelssaal? „Ich habe keine Ahnung, warum er noch existiert“, sagt der 32-Jährige, der beide Städte kennt – aber manchmal dennoch lieber in New York wäre.

Viele Kollegen würde Gonzalez dort momentan nicht antreffen: Weniger als 20 Prozent der Angestellten sind zurück im Büro. Fast 15 Prozent der Büroflächen in Midtown stehen leer, der höchste Wert seit 2009. Auch im Finanzviertel im Süden Manhattans ist es still geworden. Hinter der Säulenfassade der New York Stock Exchange blinken zwar weiterhin Zahlen auf den Bildschirmen. Doch die sind eher für die Moderatoren der Wirtschaftsnachrichten als für die verbliebenen Broker, sagen viele. Wer nach der Pandemie zurückkehrt, wird eine kleinere Wall Street vorfinden.

Der "Einstein der Wall Street" glaubt: Maschinen können keine Profihändler und persönliche Kontakte ersetzen

Etwas über 120 Menschen seien derzeit auf dem Parkett, vor der Pandemie seien es um die 500 gewesen, schätzt Peter Tuchman, der bekannteste Händler, wegen seiner Frisur „Einstein der Wall Street“ genannt. Seit 1985 ist er hier. Für ihn bleibe es ein aufregender Ort, einer der Gemeinschaft, sagt er in Interviews oft. Er glaubt: Maschinen können keine Profihändler und persönlichen Kontakte ersetzen. Doch er weiß auch: Vorbei die Zeiten, in denen tausende Wertpapierhändler auf dem bedeutendsten Börsenparkett der Welt Aktienpreise durch den Saal schrien und Notizzettel den Boden pflasterten. Das braucht es nicht mehr. Doch wer braucht überhaupt noch New York?

Der Börsenhandel läuft längst elektronisch über große Serverparks im Nachbarstaat New Jersey. Seit vergangenem Jahr tauschen Händler und Banker ihren Schreibtisch in verglasten Wolkenkratzern gegen den Küchentisch, das Haus auf Long Island – oder einen Bundesstaat mit niedrigeren Steuern wie Florida, Texas oder Colorado. Teure Büroflächen werden überflüssig. Dazu kommt: Die Krise hat New York verändert. Die Kriminalität ist etwa gestiegen. Auch der Finanzindustrie weht ein kühlerer Wind entgegen.

Muss das Zentrum der globalen Finanzindustrie ein neues Zuhause finden?

New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio stellte schon im Sommer klar: „Wir treffen keine Entscheidungen für die wenigen Reichen.“ Ohne bundesstaatliche Hilfe müsse eine Steuer für Reiche her: „Wie wir an der Börse sehen: Während alle anderen leiden, werden die Reichen immer reicher.“ Politiker in Albany, der Hauptstadt des Bundesstaats New York, überlegen tatsächlich, eine Steuer auf den Aktienhandel zu erheben, um die wegen der Coronakrise klammen Kassen zu füllen. Dies könnte dem Bundesstaat den Demokraten zufolge bis zu 29 Milliarden Dollar einbringen.

Stacey Cunningham, Chefin der New York Stock Exchange, ist empört. Sollte Albany das durchziehen, „muss das Zentrum der globalen Finanzindustrie möglicherweise ein neues Zuhause finden“, drohte sie im Wall Street Journal. Die Pandemie habe gezeigt: „Wir können den Handelssaal jederzeit schließen und Dienstleistungen aufrechterhalten, ohne etwas zu verpassen.“

Die neue Realität mit der Möglichkeit, von überall aus zu arbeiten, ist durchaus gefährlich für New York. Die reichsten fünf Prozent der Bevölkerung stehen für 62 Prozent aller Einkommenssteuerzahlungen, schreibt die Organisation Partnership for New York City, Vertreterin der Business-Elite, auf ihrer Webseite. Die Präsidentin der Organisation, Kathryn Wylde, betonte gegenüber Fox Business: „Es steht außer Frage, dass wir über die Pandemie hinaus einen erheblichen Verlust an Wall-Street-Talenten sehen werden.“ Miamis Bürgermeister will das Momentum nutzen: „Wäre toll, wenn ihr eure Talente nach Miami bringen würdet, Stacey Cunningham. Lasst uns reden“, twitterte Francis Suarez Richtung New York Stock Exchange.

Schafft Florida wegen Corona eine Wall Street des Südens?

Tatsächlich sind schon vor Corona viele Firmen und reiche Ruheständler nach Florida gezogen. Doch jetzt ist die „Wall Street des Südens“ eine echte Trend-Destination. Die Holdinggesellschaft Icahn Enterprises und der Hedgefonds Elliott Management etwa verlegten ihre Hauptsitze dorthin. Der Investor Blackstone und der Finanzdienstleister Citadel eröffneten Büros. JP Morgan Chase, die größte US-Bank, und Goldman Sachs überlegen zu folgen. Auch der Hochfrequenzhändler Virtu Financial lässt zehn Prozent seiner Mitarbeiter, 50 Freiwillige, nach Florida ziehen. Es meldeten sich viele, besorgt um die Lebensqualität in New York, sagte Unternehmenschef Douglas Cifu der Nachrichtenagentur Bloomberg. Und: Wer nach Miami geht, behält sein Gehalt, verdient aber elf Prozent mehr, da es dort keine Einkommenssteuer gibt. Cifu denkt, dass die meisten Angestellten der Finanzbranche nach 2022 zurück in den Büros sein werden – dann aber verteilt aufs ganze Land, weniger geballt in New York.

Im „Sunshine State“ Florida könne man das ganze Jahr kurze Hosen tragen und Golf spielen, sagt Händler Alejandro Gonzalez. Der Kolumbianer ist für die lateinamerikanischen Kunden der UBS zuständig und in Miami einen kurzen Flug von ihnen entfernt. Die meisten sprechen dort Spanisch, manche kaum Englisch. Aber das sei nicht für jeden Zuzügler etwas, sagt er.

Anziehend für die Finanzfirmen ist vor allem Miamis kooperativer Bürgermeister. Der 43-jährige Republikaner Suarez lockt mit niedrigen Steuern, hoher Lebensqualität und geringer Kriminalität. „Wie kann ich helfen?“, ist sein Motto auf Twitter und im Gespräch mit Geschäftsleuten. Alejandro Gonzalez glaubt aber nicht, dass New York jemals ersetzt wird. Wenn er könnte, würde er in Manhattan arbeiten. Dort lerne man von den Besten. Miami habe die bessere Lebensqualität, New York die besseren Leute, die Elite-Uni-Absolventen. Das wüssten auch die Unternehmen.

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