Leutkirch/Ulm "Ziehen Sie sich zurück. Gehen Sie", forderte ein Aktionär Philipp Daniel Merckle auf. In der Hauptversammlung des Textilgarne-Herstellers Gruschwitz mit Sitz in Leutkirch im Allgäu ist der Sohn des verstorbenen Ulmer Großindustriellen Adolf Merckle kein gern gesehener Mensch, im Gegenteil. Dem Aufsichtsratschef und Mehrheitseigentümer der rund 150 Mitarbeiter zählenden AG wird vorgeworfen, das Unternehmen in den Ruin zu treiben. Die Hauptversammlung gestern glich schon nach einer Stunde einem Tollhaus.
Dabei ist die Firma, die im 19. Jahrhundert von dem gottesfürchtigen Weber Johann David Gruschwitz gegründet wurde, alles andere als ein Ort von Skandalen. Doch mit der Idylle war es vorbei, als Philipp Daniel Merckle im Sommer 2008 das Ruder übernahm. Er entließ den erfolgreichen Vorstandschef, der Finanzvorstand ging gleich mit, und auch der Aufsichtsratschef - kein Geringerer als Baden-Württembergs Altministerpräsident Lothar Späth - suchte nach nur wenigen Monaten entnervt das Weite.
Natürlich spielt die Person Philipp Daniel Merckle in diesem Konflikt eine zentrale Rolle. Er ist nicht irgendein Investor. Er ist Teil einer schwäbischen Familientragödie, die weltweit durch die Zeitungen ging. Sein Vater, der Blaubeurer Firmenpatriarch und Milliardär Adolf Merckle, hatte sich so gründlich verspekuliert, dass sein Imperium - darunter Ratiopharm und Heidelberg Cement - zerfiel. Am 5. Januar nahm er sich das Leben.
Philipp Daniel Merckle hatte sich da bereits von seiner Familie abgewendet und wollte mit mehreren Beteiligungen, unter anderem Gruschwitz, aber auch dem Kärntner Glasfliesenproduzenten Villiglas, auf eigenen Beinen stehen. Als Geschäftsführer von Ratiopharm hatte ihn sein Vater nach nur drei Jahren, im März 2008, abgezogen. Schon damals stellte er die Ethik in den Mittelpunkt seines unternehmerischen Handelns und rief seine Stiftung "World in Balance" (Welt im Gleichgewicht) ins Leben. Bei Gruschwitz wird ihm nun unter anderem vorgeworfen, dafür Geld abzuzweigen, was Merckle bestreitet.
Der Zusammenbruch des weit verästelnden Merckle-Firmengeflechts und der Selbstmord seines Vaters scheinen dem 42-Jährigen recht zu geben, mit seinem "ganzheitlichen" Ansatz der Unternehmensführung besser zu fahren, und er erklärt nun medienwirksam seine Sicht der Dinge: Vier Monate nach dem Tod des Vaters ist der früher so introvertiert wirkende Sohn plötzlich von einem enormen Mitteilungsbedürfnis getrieben.
Statt Rendite hat er als Unternehmer den Menschen im Blick
Er analysiert im Spiegel Scheitern und Tod seines einflussreichen Vaters und spricht über die Zerwürfnisse innerhalb des schwäbischen Milliardär-Clans. Während seinem Vater "der innere Kompass" abhandengekommen sei und er sich selbst verlor, will sich Philipp Daniel nicht in Renditezielen verlieren, "sondern wieder für den Menschen unternehmerisch tätig sein".
Am Montag trat er nun erstmals auch im Fernsehen bei Reinhold Beckmann auf. Spätestens seitdem bekannt wurde, dass sein ältester Bruder Ludwig Alleinerbe ist, muss er sich auch in der ARD fragen lassen: "Ist es eine Abrechnung mit dem Vater?" Doch mit den Fragen des Moderators schien der Gast von Anfang an Probleme zu haben. Als ihn Beckmann nach dem Eindruck fragte, den sein Vater auf ihn beim letzten Treffen an Weihnachten machte, antwortete Merckle: "Das ist nicht die richtige Frage. Wichtig ist, wie jetzt die Zukunft gestaltet wird." Dafür braucht Merckle aber ein Betätigungsfeld. Die Gruschwitz AG will dafür offensichtlich kein Experimentierfeld sein.