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Fernsehdokus

29.06.2018

RTL2 steht für TV-Sendung über Hartz-IV-Empfänger in der Kritik

Die Doku-Reihe "Hartz und herzlich" entsteht unter anderem in Rostock. RTL2 holte mir ihr Spitzenquoten. Die Machter mussten aber auch viel Kritik einstecken.
Bild: RTL II, Magdalena Possert

Sendungen, die den Alltag von Hartz-IV-Empfängern abbilden, sind beliebt. Und umstritten. Was Armutsforscher Christoph Butterwegge dazu sagt.

Ein Gespenst geht um bei RTL2. Es hat schlechte Zähne, null Perspektive – und so viele Kinder, dass es den Überblick darüber verloren hat, wie viele es genau sind.

Sieht so Armut aus? Oder zeigt das Fernsehen Klischeebilder, übertreibt, inszeniert – um Quote zu machen? „Hartz und herzlich“ heißt ein Format, das den Alltag von Menschen am Rande der Gesellschaft dokumentiert. Neu ist dieser Ansatz nicht. RTL2 hat den Fokus schon immer auf Randgruppen gehabt. Doch kaum eine Doku-Reihe war in den vergangenen Jahren so erfolgreich wie diese. Auch Sendungen wie „Armes Deutschland“ (RTL2) oder „Plötzlich arm, plötzlich reich“ (Sat.1) erreichen regelmäßig Millionen Zuschauer. Es sind Dokus: „Echt, pur und ohne jegliche Zuspitzung“, heißt es bei RTL2. Was ist das Erfolgsgeheimnis dieser Sendungen?

Der Fokus von RTL2 liegt auf Randgruppen

Der Blockmacherring in Rostock, im Stadtteil Groß Klein. Wer hier landet, komme nicht mehr weg, sagt Maria. Sie ist 33, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, und eine der wenigen Protagonistinnen dieser Folge, die in der Lage sind, einen Satz unfallfrei zu formulieren. Die Kamera zoomt ihr Gesicht heran. Ihre Augen schimmern feucht.

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RTL2-Zuschauer kennen das schon aus anderen Formaten, etwa von „Frauentausch“. Armut ist traurig. Ein unsichtbarer Stempel, den man nie wieder loswird. Maria sagt: „Es ist die Endstation.“ Der O-Ton stammt aus dem Trailer. Und schon der bedient alle Klischees, die viele mit den Empfängern von Transfer-Leistungen verbinden. Vom „Asi-Block“ oder „Katastrophen-Block“ ist die Rede.

Auch Sandra gibt ihm ein Gesicht. Sie ist 33, Mutter von sechs Kindern, stark übergewichtig, sie hat schlechte Zähne. Wann sie ihren letzten Job hatte, wird sie gefragt. Dabei ist sie offenbar nicht einmal in der Lage, ihre Kinder zu erziehen. Die drei Jüngsten müssen tageweise ins Kinderheim. Wann sie also ihren letzten Job gehabt habe, wird sie gefragt. „Noch nie!“, ruft sie arglos. Und das „Noch nie!“ unterlegt der Sender mit einem Hall-Effekt.

13 .500 Menschen leben in Groß Klein. Die Plattenbausiedlung sieht aus wie ein Ufo, das auf einer Wiese gelandet ist. Das verbindet den Blockmacherring mit den Benz-Baracken von Mannheim, den Plattenbauten von Bitterfeld-Wolfen oder der Eisenbahnsiedlung in Duisburg. Es sind Orte, zu denen man normalerweise keinen Zutritt hat. RTL2 öffnet eine Tür zu ihnen.

Vier Millionen Deutsche beziehen Hartz IV

In Deutschland leben vier Millionen Menschen von Hartz IV. Was das bedeutet, kann man sich hier anschauen. Es ist ein Zoo, eine Peepshow, ein Panoptikum des Schreckens. Was man hier sieht, hat nichts mit der eigenen Realität zu tun, suggeriert RTL2.

Zoom auf Sandra. Sie streichelt einen Hasen. Morgen kommen die Kinder unter Auflagen zurück aus dem Heim. Regelmäßige Mahlzeiten, eine aufgeräumte Wohnung, ein liebevoller Umgangston. Den findet Sandra nur für ihre Haustiere. Hund, Katze, Hase, Terrarium. Die Wohnung ist ein Kleintierzoo. „Tiere“, sagt sie, „widersprechen nicht, wenn man was sagen tut. Man kommt runter, wenn man sie streichelt.“ Es ist ein erschütterndes Bild. Armut sieht man sonst nicht auf den ersten Blick. Armut, das ist der Rentner, der sich vorsichtig umschaut, bevor er eine Pfandflasche aus dem Mülleimer angelt. Es ist der gescheiterte Unternehmer, der die Räume der Tafel durch einen Hintereingang betritt, damit ihn keiner sieht. Aber hier, in den Plattenbau-Gettos, kann sich Armut nicht verstecken, nicht die materielle und auch nicht die seelische. Hier wohnen Menschen Tür an Tür, die alle dasselbe Schicksal teilen. Kein Schulabschluss. Arbeitslosigkeit. Krankheit. Depressionen.

Ihr Elend gehe alle etwas an, sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge. In Deutschland seien zwölf Millionen Menschen von Armut bedroht. „Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich objektiv immer weiter vertieft.“ Und die Angst vor dem sozialen Abstieg hat längst den Mittelstand erfasst. Mit dieser Angst, sagt Butterwegge, spielen die Dokus. Es sei dieselbe Angst, die den Erfolg der AfD begründe. Mit dem Unterschied, dass RTL2 sie nicht auf die Flüchtlinge, sondern auf die Hartz-IV-Empfänger projiziere. „Wenn man sieht, wie ,mies‘ die Armen leben, kann man sich leichter von ihnen distanzieren“, sagt Butterwegge.

Die Zuschauer finden deutlichere Worte. An Sendetagen trendet der Hashtag #Hartzundherzlich bei Twitter. Zuschauer lassen kein gutes Haar an den Protagonisten. „Der sollte man die Kinder gleich wieder wegnehmen“, schreiben sie über Sandra. Oder: „Hartz IV beziehen, aber Hauptsache, die Gelnägel sind elf Zentimeter lang, man raucht wie ein Schornstein im Kohlekraftwerk und kauft sich die teure Fertigscheiße, statt selber den Kochlöffel zu schwingen.“ Die Asis, das sind immer die anderen.

Kritik an Sendung wie "Hartz und herzlich"

Schmidti zum Beispiel. 56, Fernfahrer, Alkoholiker, zwei Schlaganfälle. Erwerbsunfähig. Alleinstehend. Eine Tochter. Schmidti hockt den ganzen Tag in seiner Bude, die mit Postern von Motorrädern und Autos tapeziert ist. Er lebt von 265 Euro im Monat. Oder soll man sagen: vegetiert? Schmidti sagt: „Ich sehe mich ganz unten.“ Er muss jetzt eine Geldstrafe abstottern, weil er beim Schwarzfahren erwischt wurde. Er kann sich kein Bier mehr leisten. Er ist auf Entzug. Schmidti sagt, nicht mehr lange, und er stürze sich vom Balkon. Am Ende finden ihn Nachbarn in seiner Wohnung. Er ist tot.

„Hartz und herzlich“ wird von der renommierten Filmgesellschaft Ufa produziert. Ihre Macher mussten schon viel Kritik einstecken für die Doku-Reihe. Sie zeichne ein Zerrbild der Gesellschaft, hieß es gleich nach der ersten Folge 2016. Bewohner der Eisenbahnsiedlung in Duisburg beschwerten sich in einem offenen Brief an RTL2. Effekthascherisch sei das Format. Die Macher hätten sich eingeschlichen und bewusst nur solche Menschen abgebildet, die kriminell, süchtig oder asozial seien. RTL2 hat sich schriftlich von den Vorwürfen distanziert. Der Sender räumt zwar ein, dass es „Unwuchten“ geben könne. Den Machern gehe es aber darum, eine Umgebung zu zeigen, „die keine gängigen Klischees erfüllt“, heißt es in einer Antwort an die Bewohner.

Auf Twitter sieht man das anders. Und selten nur finden Zuschauer mitfühlende Worte. „Irgendwie tun die mir alle leid. Die haben null Antrieb und kommen da vermutlich auch nicht wieder raus“, schreibt einer. „Hartz und herzlich“ zeigt, wohin Hartz IV führen kann. Hartz-IV-Empfänger – das ist im Rostocker Blockmacherring, den Benz-Baracken von Mannheim, den Plattenbauten von Bitterfeld-Wolfen oder der Eisenbahnsiedlung in Duisburg ein Beruf. Er wird weitervererbt.

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