Von unserem Redaktionsmitglied Stefan Stahl
Das ist der einzige noch lebende Sohn einer Unternehmerin, die ihr Eigentum und damit auch sein Erbe fast gänzlich in Mitarbeiterhand übergab. Axel Tangerding hat keine Zeit, sich lange trauernd zurückzuziehen, als seine Mutter Charlotte am 6. Mai mit 86 Jahren starb. Er kämpft um den Fortbestand des Unternehmens. Am heißesten Junitag legt er Sakko und Krawatte ab. Als einer der beiden neuen Geschäftsführer begleitet der Mann - im Brotberuf erfolgreicher Architekt und Städteplaner sowie aus Leidenschaft Theatermacher (Schauspieler, Regisseur, Dozent) den Gast durch das Südstahl-Werk.
Die von seinen Eltern nach dem Krieg in Donauwörth gegründete Firma zog ab 1960 in das nahe gelegene Mertingen um. Der Unternehmensgründer Werner Tangerding war 1956 gestorben. Seine Frau Charlotte, die mit ihm den Betrieb aufgebaut hatte, musste jetzt alleine anpacken. Ehe mit den 70er und 80er Jahren ertragreiche Jahrzehnte für den Betrieb anbrachen, wurden zwischen 1966 und 1968 keine Gewinne erzielt - eine kritische Situation, die sich in den beiden vergangenen Jahren wiederholte und dazu führte, dass sich der bei München lebende Axel Tangerding einschaltete: "Ich will das geistige und materielle Erbe meiner Eltern retten." Er sitzt in seinem Büro ohne Bilder an den Wänden. Die Tür zum verwilderten Garten steht offen. Der Neu-Manager arbeitet an einer Internetseite für die Südstahl GmbH.
Wenn ein Unternehmer als einer gilt, der etwas unternimmt und viel riskiert, ist der Diplomingenieur und Künstler glaubwürdig in diese Rolle geschlüpft. Manchmal drückt er sich wie ein Top-Manager aus: "Im Moment mute ich mir ein Maß an Mehrarbeit zu, wie ich es anderen auch zumute." Der Ausgang des Experimentes ist offen, das streitet der Versuchsleiter nicht ab. Tangerding strahlt jedoch Zuversicht aus: "Wir sind kein Sanierungs-, sondern ein Konsolidierungsfall." Die Gespräche mit Banken und Bayerns Wirtschaftsministerium seien positiv verlaufen. Bis Ende 2002 will er den Negativbereich mit einer "schwarzen Null" verlassen und den Umsatz bei 23 Millionen Euro stabilisieren. Im Vorjahr fielen noch 26,8 Millionen Euro Erlöse an, aber der 55-Jährige musste zwei Geschäftsbereiche (Walzstahl- und Heizungshandel) schließen, da die Firma mit den Sparten pro Jahr zusammen eine halbe Million Euro Verlust einfuhr.
Im Herbst vergangenen Jahres hatte sich die Lage des Betriebs bedrohlich verfinstert. Tangerding sah sich gezwungen, 17 Arbeitsplätze "sozialverträglich" abzubauen, um die verbliebenen 132 Stellen sicherer zu machen. Branchenkenner sprechen davon, dass Südstahl vom alten Management nur verwaltet und nicht weiterentwickelt worden sei.
Die Wende zum Besseren scheint sich anzubahnen: Die Firma stellt wieder ein. Seit 1. Juni gehört Jörg Löchel zur Familie der "Südstahler". Der 41-Jährige ist Schweiß-Werkmeister und hat sich als "Europäischer Schweißfachmann" qualifiziert. Er kontrolliert die in mehreren Schichten per Hand aufgebrachten Schweißnähte, welche die tonnenschweren Lasten der Stahlträger für Hallenkonstruktionen zusammenhalten. Die Abteilung ist bis Ende August ausgelastet und stellt für die neue BMW-Lackieranlage in Regensburg Stahlbalken her. Löchel ist zu Südstahl gekommen, "weil ich mich hier selbst verwirklichen kann". Die Firma ist kein Massenproduzent, sondern stellt "Maßanzüge aus Stahl" her. "Deshalb sind wir gegenüber Ländern mit niedrigeren Lohnkosten wettbewerbsfähig", sagt Tangerding. Firmen wie Krauss-Maffei Wegmann, Kuka oder MAN Roland sind treue Südstahl-Kunden. Sie schätzen die Präzision und Flexibilität des Lieferanten. So bereitet Karl Schmidt (34) eine Maschine vor, damit sie den Ansprüchen des Auftragebers Siemens Verkehrstechnik genügt. Er stellt den Apparat auf eine Genauigkeit von zwei Tausendstelmillimeterein. Das Unternehmen hat bei Südstahl Teile für ICE-Triebköpfe geordert. In Mertingen werden auch Sockel oder Gehäuse für Maschinen gebaut, die bis zu 20 Tonnen wiegen. Bleche - die Südstahler bezeichnen damit "alles, was gerade ist" - schneiden die Mitarbeiter auch mit dem Laser zu. Dank der "gesunden" Standbeine Brennschneiden, Stahl- und Maschinenbau hofft der Unternehmer, dass "die Firma in ein paar Jahren gut dasteht und mich die Mitarbeiter anlächeln".
Derart freundlich treten Beschäftigte ihm heute bereits gegenüber. Einige klopfen dem Chef auf die Schulter und sagen: "Sie bleiben doch länger, Herr Tangerding …" Das hat er nicht vor: "Ich will mich durch Erfolge als Geschäftsführer überflüssig machen." Die operativen Geschicke der Firma soll dann allein der von ihm angeheuerte Diplomingenieur und erfahrene Manager Rudolf Kneer lenken, der schon an Bord ist. Sollte das Konzept Tangerdings und seiner Berater, die früher für Roland Berger gearbeitet haben, aufgehen, wird er sich auf den Vorsitz des Südstahl-Beirats zurückziehen und wie heute die von Mutter Charlotte gegründete "Werkstiftung" leiten. Diese hat wegen der Krise des Betriebs seit Jahren kein Geld mehr für soziale und kulturelle Projekte zur Verfügung. Zuvor waren rund 2,5 Millionen Euro aus den Gewinnen des Betriebs an diese Einrichtung geflossen.
Die Unternehmerin förderte damit "aus dem Raster gefallene Menschen". Engagiert kümmerte sie sich darum, dass Strafgefangene wieder den Weg zurück in ein normales Leben finden. Ihr Sohn erinnert sich: "Meine Mutter kleidete sie ein, übte mit ihnen Vorstellungsgespräche und nutzte ihre Beziehungen zur Industrie." Diese starke und unkonventionelle Frau schrieb auch Gedichte wie dieses:
Die mit "Haben statt Sein" betitelten Zeilen weisen auf das Lebensmotto der Unternehmerin hin: "Eigentum verpflichtet." Wie seine Mutter rückt Axel Tangerding die Beschäftigten in den Mittelpunkt: "Ich bin einer, der Prozesse anstößt und begleitet. Da muss man sich Zeit lassen. Menschen brauchen Wahrnehmung und Andacht." Das ist auch seine Philosophie als Kulturschaffender. Der bekennende 68er hat 1979 das freie "Meta Theater" mitbegründet, das auch in New York, Indien und China beklatscht wurde. In Augsburg machte er mit assyrischen Christen, die aus der Türkei kommen, Theater. Versteht so einer etwas von Geld? Und ob! Sonst hätte er das private Ensemble nicht 23 Jahre am Leben erhalten. Theaterleute sind zähe Menschen. Als Tangerding sich im Südstahl-Werk unbeobachtet glaubt, sagt er zu einem Mitarbeiter: "Das kommt wieder, das muss kommen." Dabei fällt alles Sanfte von ihm ab. Er schiebt das Kinn vor und spannt die Lippen an.