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Interview

25.10.2018

"Sonnen"-Chef: "Für Kohle noch Wälder abzuholzen, ist grotesk"

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„Die Energiewende gelingt nur mit Energiespeichern“, sagt Christoph Ostermann, Chef des Wildpoldsrieder Unternehmens Sonnen.
Bild: Ralf Lienert

Plus Christoph Ostermann ist Chef des Stromspeicher-Herstellers "Sonnen" im Allgäu. Er sagt, was er vom Hambacher Forst hält und welche Pläne seine Firma hat.

Herr Ostermann, was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die Eskalation rund um den Hambacher Forst denken?

Christoph Ostermann: Wenn es nicht so verdammt ernst wäre, könnte man sagen: Es ist ein schlechter Witz, dass wir heute in Deutschland noch Kohle verbrennen wollen. In Kohle zu investieren, macht absolut keinen Sinn mehr. Weltweit werden durch die erneuerbaren Energien doch Kraftwerke für Kohle und Gas stillgelegt oder abgeschrieben. Und es ist absolut richtig, dass der Weltklimarat warnt, die Erwärmung unseres Planeten und damit unserer Lebensgrundlage dürfe 1,5 Grad nicht überschreiten. Deshalb ist es eine unfassbare Verantwortungslosigkeit, in Deutschland noch auf Kohle zu setzen, obwohl es die Alternativen für einen anderen Weg doch längst gibt. Besonders grotesk wird es, wenn Wälder abgeholzt werden. Dabei lassen sich erneuerbare Energien längst günstig herstellen. Die besten Windkraftanlagen erzeugen Strom bereits für 3,5 Cent pro Kilowattstunde – Haushalte zahlen noch rund 30 Cent.

Kanzlerin Angela Merkel ist früher als Klimakanzlerin bezeichnet worden. Stimmt ihr Weg noch?

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Ostermann: Frau Merkel sagt heute, dass Deutschland in der Batterie-Technologie führend sein soll - zum Beispiel für die Elektromobilität. Das ist gut so – nur darf man dann eben keine neuen Kohlekraftwerke bauen, wenn man glaubwürdig bleiben will.

Braucht man die Kohle nicht für eine Übergangszeit als Sicherheitsreserve für die dunklen Tage?

Ostermann: Natürlich will jede Branche, die viel zu verlieren hat, dass ihr Geschäftsmodell nicht überflüssig wird. Die Diesel-Branche kämpft für den Diesel, die Kohle-Branche für die Kohle. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Schäden für Mensch und Umwelt durch diese veraltete Technologie immens ist.

Sonnen ist als Hersteller der Sonnenbatterie bekannt geworden, mit der Photovoltaik-Besitzer Elektrizität für die Nacht speichern können. Welche Rolle können Speicher in der Energiewende einnehmen?

Ostermann: Die Energiewende gelingt nur mit Energie-Speichern. Der Nachteil der Erneuerbaren ist die Volatilität – also die Schwankungen bei Wind- und Sonnenstrom. Mal ist zu viel Energie da, mal zu wenig. Man kann die Lücken natürlich mit Strom aus Gas und Kohle füllen, nur ist das dann mit neuem CO2-Ausstoß verbunden. Oder man kann erneuerbaren Strom wirtschaftlich und klimaneutral speichern. Unsere Technologie wird immer wichtiger, da auch die Nachfrage nach Strom immer stärker schwankt. Zum Beispiel, wenn künftig viele Elektroautos geladen werden müssen. Die Stromversorgung der Zukunft braucht vor allem Flexibilität. Stromspeicher sind deshalb die wichtigste Schlüsseltechnologie für die Umstellung auf eine CO2-neutrale Stromerzeugung. Und wir sind erst am Anfang. Der Umbruch in der Energieversorgung wird sich weiter beschleunigen und die Energiewirtschaft vor Herausforderungen stellen, die wir heute noch gar nicht kennen.

Von welchen Herausforderungen für die Energiekonzerne sprechen Sie?

Ostermann: Der Betrieb der Stromnetze wird komplexer. Gleichzeitig wird die Stromerzeugung unprofitabler. Die massiven Erschütterungen bei RWE und Eon spiegeln das wider – die alte Energiewirtschaft findet keine praktikablen Antworten darauf, dass sich ihr Kerngeschäft in so atemberaubender Geschwindigkeit verändert.

Wie viel Speichersysteme hat denn Sonnen bereits verkauft?

Ostermann: In Deutschland sind es rund 30000, wir sind aktuell Weltmarktführer.

Selbst damit wird es aber nicht möglich sein, ein Stahlwerk mit Strom zu versorgen...

Ostermann: Natürlich ist der Markt für Speicher in Deutschland noch überschaubar. Insgesamt sind rund 100.000 Speicher in Haushalten installiert, davon aber rund die Hälfte in den letzten zweieinhalb Jahren. Und es gibt in Deutschland etwa 1,5 Millionen Häuser, die eine Photovoltaikanlage auf dem Dach haben - Rechnet man deren Leistung zusammen, reicht das auch für Stahlwerke.

Rentiert sich denn solch ein Speicher für ein Einfamilienhaus schon?

Ostermann: Selbstverständlich rentiert sich eine Photovoltaikanlage mit einem Stromspeicher – sogar ohne staatliche Förderung. Je nachdem ob man in Augsburg oder Hamburg wohnt, amortisiert sich die Anlage nach neun beziehungsweise zwölf Jahren. Das ist eine sehr schöne Rendite. Solarstrom lässt sich heute auf dem Dach für rund 8 Cent pro Kilowattstunde herstellen. Selbst erzeugter Strom ist damit längst wettbewerbsfähig. Es ist doch großartig, dass man heute im eigenen Haus bereits Energie zu Kosten produzieren kann, wofür es bisher Großkraftwerke gebraucht hat.

Wie lange halten denn die Batterien in den Speichern?

Ostermann: In Handys, Laptops oder Elektroautos werden Lithium-Ionen-Batterien auf Kobalt-Basis verwendet. Wichtig für diese Geräte sind kleine, leichte Batterien mit einer hohen Energiedichte. Ihr Nachteil liegt aber darin, dass sie nur ein paar Jahre halten. Bei einem Stromspeicher spielt das Gewicht eine sehr viel geringere Rolle, er steht ja im Keller. Deshalb verwenden wir Lithium-Eisenphosphat-Batterien, die zwar etwas größer und schwerer sind, die aber eine deutlich längere Lebenserwartung von rund 20 Jahren haben.

Ihr Unternehmen hat zuletzt Aufmerksamkeit erregt, weil es anbietet, die ausgelieferten Stromspeicher zu vernetzen. Warum sollte es sich rentieren, daran teilzunehmen?

Ostermann: Ein Speicher allein kann ein Einfamilienhaus über Nacht mit Strom versorgen, viele Speicher zusammen verfügen aber über erheblich größere Energiereserven. Diese kann man am Strommarkt anbieten, wenn zum Beispiel Elektrizität im Netz gerade mal knapp wird oder zu viel davon da ist. In unserer Sonnen-Community vernetzen wir die Speicher unserer Kunden und bieten einen Teil dieser Speicherkapazität am Strommarkt an. Im Gegenzug erhalten die Mitglieder kostenlosen Strom, wenn ihr eigener Speicher leer ist. Es gibt also keine hohe Energierechnung vom Versorger mehr, man zahlt nur noch eine Art Flatrate. Der Einzelne spart dadurch nicht nur Geld und macht seine Energieversorgung „grün“, er schafft auch einen Mehrwert für die Gesellschaft. Er trägt nämlich dazu bei, dass die Stromnetze entlastet werden. So können wir verhindern, dass Wälder gerodet und völlig unnötige Stromtrassen oder Kraftwerke gebaut werden. Im Prinzip bauen wir ein neues Energiesystem auf, das täglich größer wird.

Wollen Sie auf diesem Weg immer noch mehr Kunden gewinnen als Eon, wie es einmal Ihre Devise war?

Ostermann: Das ist sicher ein ambitioniertes Ziel. Aber wir sind gerade an einem Punkt, an dem wir einen signifikanten Kundenstamm aufbauen. Unsere strategischen Partnerschaften mit Shell und der französischen Engie helfen uns dabei, unsere Ziele schneller zu erreichen.

Wie viele Kunden hat die Sonnen-Community derzeit?

Ostermann: Es sind 30.000 allein in Deutschland.

Kann man als Unternehmen für erneuerbare Energie eigentlich glaubwürdig mit Shell zusammenarbeiten?

Ostermann: Shell ist ein starker Verbündeter für uns, weil sich das Unternehmen glaubhaft bemüht, sein Geschäftsmodell auf erneuerbare Energien umzustellen. Für uns ist entscheidend, starke Partner zu gewinnen, mit denen wir die Energiezukunft gestalten können.

Sie haben gerade eine Fertigung in Australien aufgebaut und sich hier zum Beispiel gegenüber Tesla durchgesetzt. Wo will die Firma Sonnen hin?

Ostermann: Unsere Internationalisierung schreitet schnell voran. Seit zwei Jahren haben wir neben unserem Werk im Allgäu auch eins in den USA und liefern uns dort ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Tesla. Jetzt eröffnen wir in Australien – in Adelaide – eine Fertigung von 5000 Speichern pro Jahr. Photovoltaik ist in einigen Gegenden Australiens bereits die zweitgrößte Energiequelle nach Kohle. Dass die sonnen GmbH der einzige Partner des staatlichen australischen Förderprogramms für Heimspeicher ist, macht uns stolz und spricht eine klare Sprache.

Sie fühlen sich am Hauptsitz im Allgäu aber wohl?

Ostermann: Natürlich! Wir haben hier eine gute Basis hervorragend ausgebildeter Arbeitskräfte. Und das Energiedorf Wildpoldsried ist ein inspirierendes Umfeld. Das Allgäu ist eine wunderschöne Region, die zeigt und uns ständig daran erinnert, wie wichtig es ist, die Natur für unsere Nachkommen zu erhalten.

Welchen Anteil erneuerbarer Energien halten Sie für möglich?

Ostermann: Hundert Prozent. Das müssen wir doch erreichen! Wenn das Bevölkerungswachstum und die Klimaerwärmung weiter so rasant voranschreiten wie bisher, gibt es dazu ohnehin keine Alternative.

Zur Person: Christoph Ostermann, 47, ist Mitbegründer und Geschäftsführer der Sonnen GmbH. Er ist studierter Betriebswirt und war als Unternehmensberater tätig.

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