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Interview

16.10.2019

Warum Frauen einen anderen Führungsstil als Männer haben

Viele Frauen würden zu sehr darauf achten, im Job gemocht zu werden, sagt Personal-Expertin Köhler. Dabei komme es letztlich auf andere Dinge an.
Bild: stock.adobe.com

Ex-Managerin Wiebke Köhler analysiert, warum Frauen seltener aufsteigen als Männer – und verrät, wie sich Fallen im Arbeitsleben souverän umschiffen lassen.

Frau Köhler, in den Dax-Vorständen sitzen aktuell 27 Frauen und über 200 Männer. Haben die Unternehmen ein Problem mit den Frauen – oder die Frauen ein Problem mit der Macht?

Wiebke Köhler: Ich bin davon überzeugt, dass viele Firmen ein ehrliches Interesse daran haben, Frauen auf Führungspositionen zu bringen. Es ist aber nicht immer ganz leicht, die richtigen Kandidatinnen zu finden. In der IT-Branche gibt es zum Beispiel per se weniger Frauen, die Auswahl ist dort von vorneherein geringer. Außerdem lässt sich nicht jede Frau überzeugen, eine solche Position anzunehmen. Und natürlich gibt es auch Unternehmenskulturen, in denen Frauen weniger leicht aufsteigen als Männer.

Wie erklären Sie sich das?

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Köhler: Führungskräfte befördern meist Kandidaten, die ihnen selbst ähnlich sind. Das ist in der Psychologie hinreichend bekannt. Viele wissen zwar – zumindest in der Theorie –, dass Diversität bestimmten Gremien gut tut. Aber mental ist noch nicht jeder Mann für eine Frau als Führungskraft bereit – oder aber er hat sich noch nicht ausreichend damit beschäftigt, dass Frauen einen anderen Führungsstil haben. Und das führt dann dazu, dass man aus hehrem Willen eine Frau befördert, aber am Ende nicht mit der Persönlichkeit klarkommt.

Zuletzt haben zwei bekannte Managerinnen ihren Arbeitgeber verlassen. Bei Siemens kündigte Janina Kugel ihren Abgang an, in der Bundesagentur für Arbeit musste Valerie Holsboer gehen. Sehen Sie da ein Muster?

Köhler: In den vergangenen Jahren hat sich die Verweildauer auf Vorstandsposten generell verkürzt. Weil es einfach weniger Frauen im Vorstand gibt, fällt das mehr auf. Ganz grundsätzlich sind aber auch Männer häufiger von Abberufungen betroffen als noch vor 20 Jahren.

Für Ihr Buch haben Sie mit 50 Frauen gesprochen. Was ist Ihr Fazit: Welches Verhältnis haben Frauen zur Macht und zu Machtspielen?

Köhler: „Frauen und Macht“ wird von manchen Männern noch als ungewohnt empfunden. Das ist unter anderem so, weil die Art, wie Frauen Macht ausüben, oft eine andere ist und mit einer anderen Messlatte bewertet wird als bei Männern.

Wiebke Köhler arbeitete lange als Headhunterin, zuletzt war sie Mitglied des Vorstands des Versicherungskonzerns Axa.
Bild: Johnnycam

Warum ist das so?

Köhler: Auf den Top-Positionen gibt es viel weniger Frauen als Männer. Dadurch haben sie eine ganz andere Sichtbarkeit. Äußerungen oder Taten werden sehr viel stärker wahrgenommen als bei Männern und in alle möglichen Richtungen interpretiert. Das kann auf der einen Seite positiv sein. Auf der anderen Seite kann es Frauen aber auch negativ ausgelegt werden, etwa, wenn sie von einem gängigen Stereotyp abweichen. Ich habe zum Beispiel noch nie gehört, dass erwähnt wird, wenn ein Vorstand einen maßgeschneiderten Anzug trägt. Wenn eine Vorständin mal in einem bunten Kleid oder in High Heels auftritt, wird das allerdings sehr häufig kommentiert.

Sind das schon Machtspiele – oder nicht doch einfach nur blöde Kommentare?

Köhler: Jeder braucht in seinem Beruf ein dickes Fell. Aber es ist immer die Frage, was die Kommentatoren mit solchen Aussagen bezwecken. Es kann durchaus diskreditierend sein, wenn man von einer Managerin nur noch als von der „Frau mit den High Heels“ spricht.

Was ist Ihre Lösung? Einfach ignorieren – oder letztlich doch bei diesem Spiel mitmachen?

Köhler: Jeder, der sich in einer von Machtspielen geprägten Arbeitskultur bewegt, sollte so umsichtig sein, nicht in bestimmte Fallen zu tappen. Durch die Vielzahl an Rückmeldungen auf mein Buch bin ich davon überzeugt, dass Frauen öfter als Männern der Sensor dafür fehlt. Sie glauben zu häufig noch, es sei wichtig, von allen gemocht zu werden. Das wäre natürlich ein Kompliment. Wichtig ist es aber nicht. Wichtig ist, dass ein Chef respektiert wird, für das, was er fachlich kann und dafür, dass er klare Entscheidungen trifft. Parallel dazu laufen vielerorts Machtspiele, die von Frauen frühzeitig als solche erkannt werden sollten. Wenn man glaubt, es würde Rommé gespielt, und um einen herum spielen alle Monopoly, dann kommt man nicht weiter.

Ist Macht am Ende wichtiger als Leistung?

Köhler: Ich stehe für Leistung, inhaltliche Problemlösung und Gemeinschaftsgeist. Und Macht ist an sich nichts Verwerfliches, wenn mit ihr sorgsam, wertschätzend und verantwortungsvoll umgegangen wird. Von daher darf Macht durchaus ausgeübt werden, nur sollte es nicht um negative Machtspiele gehen. Die Realität ist aber, dass viele Unternehmen in dieser neuen Welt noch nicht angekommen sind. Machtspiele sind dort noch gang und gäbe. Wer sich in einer solchen Konstellation als Einzelperson findet, muss sich eine Art Überlebensstrategie überlegen, die Regeln zu seinen Gunsten nutzen und sich Verbündete suchen – Männer wie Frauen übrigens.

Ist Ihre Lösung also: Mehr Ellenbogen, weniger Harmonie?

Köhler: Nein, das wäre nicht meine Empfehlung. Ich rate eher, sich von Situation zu Situation anzupassen. Bin ich umgeben von Menschen, die alle den gleichen Geist haben? Dann kann man natürlich teamorientiert sein. Wenn ich aber von Menschen umgeben bin, die mir nicht wohlgesonnen sind und nur warten, dass ich einen Fehler mache, dann muss ich meinen Führungsstil entsprechend anpassen und Grenzen setzen. Ich sollte nicht jedem blind mein Vertrauen schenken.

Zur Person Wiebke Köhler arbeitete lange als Headhunterin, zuletzt war sie Mitglied des Vorstands des Versicherungskonzerns Axa.

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