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Lebensmittel

03.03.2018

Warum so viele Menschen den Nestlé-Boykott bejubeln

Das Logo von Nestlé zeigt ein Vogelnest, in dem zwei hungrige Jungvögel auf Futter warten.
Bild: Laurent Gillieron, dpa

Nestlé-Produkte stehen in nahezu jeder Küche. Gleichzeitig ist kaum ein Nahrungsmittel-Produzent so unbeliebt wie der Schweizer Riesenkonzern.

Beim Einzelhändler Edeka ist man es gewohnt, im Internet Beifall zu bekommen. Der Weihnachts-Werbespot „Heimkommen“ brach vor zwei Jahren Youtube-Klickrekorde, über den „Supergeil“-Clip mit Musiker Friedrich Lichtenstein berichtete seinerzeitsogar die New York Times. Aktuell bejubeln viele Internetnutzer den Konzern erneut – allerdings ganz ohne Zutun der Edeka-Marketingabteilung.

Die Handelskette hat gemeinsam mit weiteren Händlern kurzerhand 160 Produkte des Lebensmittelriesen Nestlé aussortiert. Auslöser war ein aggressiver Preiskrieg: Nestlé hatte seine Waren an andere Händler zu günstigeren Konditionen verkauft. Edeka wollte das nicht akzeptieren – und spielte seine große Marktmacht unnachgiebig aus.

Während einige Kunden ihre Lieblingsprodukte vergeblich im Supermarkt-Regal suchen, ist bei anderen die Freude über den Nestlé-Boykott groß. Denn kaum ein Lebensmittelhersteller ist so unbeliebt wie das Unternehmen aus dem Schweizer Kurort Vevey. „Nestlé ist ein Konzern, den niemand braucht“, schreibt etwa ein Twitter-Nutzer. Ein anderer freut sich, dass „der ganze Müll“ jetzt aus den Regalen verschwindet.

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Zu Nestlé gehören Produkte, die jeder kennt

Es ist geradezu paradox: Nestlé ist der größte und mächtigste Lebensmittelkonzern der Welt. Zum Unternehmen gehören Produkte, die in nahezu jeder deutschen Küche schon mal zum Einsatz kamen: Würze von Maggi, Saucen von Thomy oder Pizzen von Wagner. „Good Food, good Life“, lautet der Werbespruch des Unternehmens. Der Konzern verspricht also nicht nur gutes Essen, sondern noch dazu ein gutes Leben.

Gleichzeitig rufen Organisationen wie Greenpeace oder Attac schon seit Jahren zum Boykott des Lebensmittel-Riesen auf. Die Liste der Vorwürfe ist lang: Es geht um den Plastikmüll, den die Kaffeekapseln der Nestlé-Marke Nespresso verursachen. Um das Palmöl, das für die Herstellung der Kitkat-Riegel verwendet wird – und dem nach Ansicht von Umweltschützern große Flächen Regenwald zum Opfer fallen. Vor allem aber geht es den Kritikern um die umstrittene Wasserpolitik des Konzerns.

Schweizer Weltkonzern: der Nahrungsmittelproduzent Nestle.
Bild: Fredrik von Erichsen, dpa

Nestlé hat auf der ganzen Welt Wasserrechte von den Behörden gekauft, um sein Tafelwasser zu produzieren. Das Unternehmen füllt unter 50 verschiedenen Markennamen Wasser ab, darunter Vittel, Perrier oder S. Pellegrino. Im vergangenen Jahr machte der Konzern allein mit diesen Produkten einen Umsatz von umgerechnet 6,45 Milliarden Euro – knapp ein Zwölftel des Gesamterlöses. Umweltaktivisten werfen Nestlé allerdings vor, das Wasser oft dort abzupumpen, wo es aufgrund anhaltender Dürren am nötigsten gebraucht werde. Der Dokumentarfilm „Bottled Life“ beschäftigte sich im Jahr 2012 mit den Wassergeschäften des Konzerns, auch ein ARD-Markencheck thematisierte die Vorwürfe.

Die Doku „We feed the world“ kritisiert die Nestlé-Wasserpolitik

Dass Nestlé über die Jahre zum Feindbild vieler Globalisierungskritiker geworden ist, hat aber vor allem mit Peter Brabeck-Letmathe zu tun. Der Österreicher arbeitete fast 40 Jahre lang für das Unternehmen, ab 1997 als Vorstandschef, zuletzt an der Spitze des Verwaltungsrats. Vergangenes Jahr verabschiedete er sich in den Ruhestand.

Im Jahr 2005 hat Brabeck-Letmathe einen Satz gesagt, der ihn und seinen Konzern bis heute verfolgt. Der österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer zeigte in seiner damals erschienenen Dokumentation „We feed the World“ ein Interview mit dem damaligen Nestlé-Chef. Darin positionierte sich Brabeck-Letmathe deutlich gegen die in seinen Augen extreme Ansicht, der Zugang zu Wasser sei ein öffentliches Recht. Er sei, betonte der Top-Manager, vielmehr der Meinung, „Wasser ist ein Lebensmittel und so wie jedes andere Lebensmittel sollte es einen Marktwert haben.“ Nestlé-Kritiker spitzten diesen Satz zu der Aussage zu, für Brabeck-Letmathe sei Wasser kein Menschenrecht. Der Konzern arbeitet seitdem daran, diese Vorwürfe zu entkräften. In einem eigens aufgenommenen Video erklärt der ehemalige Nestlé-Chef, die Aussage, er verfolge die Privatisierung aller Wasserressourcen, sei „schlicht und einfach nicht wahr“. Er sei vielmehr der Meinung, dass natürlich jedem Menschen die durchschnittlich 25 Liter zustehen, die er täglich zum Überleben benötige. Darüber hinaus aber müsse Wasser effizienter verteilt werden – gerade, um Wasserknappheit zu bekämpfen. Wer etwa Wasser landwirtschaftlich nutze, müsse in seinen Augen auch angemessen dafür bezahlen.

Das umstrittene Interview allerdings ist seitdem in der Welt, tausendfach vervielfältigt und interpretiert im Internet. Edekas Boykott hat mit all dem wenig zu tun. Ein Twitter-Nutzer formulierte es so: „Wenn Du kurz an Menschenrechte denkst: Keine Sorge. Es geht nur um Margen.“

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