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Medien

02.06.2019

Wie Berlusconi nach der Mediengruppe ProSiebenSat.1 greift

Der skandalumwitterte ehemalige italienische Regierungschef Silvio Berlusconi mischt noch immer mit in Politik und Mediengeschäft. Was hat er mit ProSiebenSat.1 vor?
Bild: Sven Hoppe, dpa

Nach dem Einsteig des italienischen Skandal-Politikers und seiner Familie sind die Bedenken groß - nicht zuletzt in Unterföhring bei MÜnchen.

Max Conze ist tief in den Sessel gesunken, Beine übereinandergeschlagen, weiße Sneaker, Sakko. Betont lässig will der neue Vorstandsvorsitzende der ProSiebenSat.1 Media SE im Oktober 2018 auf der Bühne der Münchner Medientage wirken. Seit dem 1. Juni 2018 leitet er das Medienunternehmen mit Sitz in Unterföhring, die Erwartungen an ihn sind groß. Die Privatsender ProSieben und Sat.1 haben schlechte Zeiten hinter sich: Flops, ein ideenloses Programm voller US-Serien-Wiederholungen, einen eingebrochenen Aktienkurs und eine Zuschauerbeschimpfung („ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm“) seines Vorgänger Thomas Ebeling. Was also hat Conze, der vom Staubsauger-Hersteller Dyson kam, vor?

Auf der Bühne des Branchenkongresses sagt er, interviewt von ProSieben-Starmoderator Klaas Heufer-Umlauf, Erstaunliches: „Wir wollen unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.“ Conze kündigt im Oktober 2018 an, in eigene Inhalte zu investieren, besonders im Nachrichten- und Infotainmentbereich. Nur ein paar Monate später, Ende Mai 2019, muss man seine Aussagen mit Fragezeichen versehen. Und das hat mit dem Programm seiner Sender zu tun – vor allem aber mit einer spektakulären Nachricht aus Italien.

Berlusconis Imperium Mediaset hat Teile von ProSiebenSat.1 gekauft

Der Mailänder Konzern Mediaset teilte am vergangenen Mittwoch mit, 9,6 Prozent der Anteile an ProSiebenSat.1 gekauft zu haben. Bei Mediaset handelt es sich um das Medienimperium der Berlusconis. Und das steht für vieles – nicht jedoch für Nachrichtenkompetenz oder „gesellschaftliche Verantwortung“. Im Gegenteil: Silvio Berlusconi, der skandalumwitterte und wegen Steuerbetrugs verurteilte frühere italienische Regierungschef, nutzte seine Medienmacht stets für eigene (politische) Interessen. Mediaset wurde 1993 gegründet. Berlusconis Einstieg in die Politik im Jahr darauf hatte nicht zuletzt die Verteidigung seines Medienimperiums zum Ziel; Angestellte machten nicht selten Karriere in seiner Partei.

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Entsprechend kritisch fielen in Deutschland die Reaktionen aus: Oppositionspolitiker von FDP und Grünen warnten vor einer Gefährdung der Pressefreiheit. Zumal Mediaset als nun einer der wichtigsten Anteilseigner von ProSiebenSat.1 offensichtlich Größeres vorschwebt – die Schaffung des „ersten paneuropäischen Free TV-Anbieters“, wie es Mediaset-Chef und Berlusconi-Sohn Pier Silvio erklärte. Berichte über eine gemeinsame Dachgesellschaft und damit über eine Fusion wies Max Conze umgehend und kühl zurück: „Wir sind an solchen Diskussionen nicht beteiligt“, sagte er am Freitag.

Geschäftlich läuft es bei Berlusconi besser als politisch

Neu ist eine deutsch-italienische Kooperation auf dem TV-Markt dabei nicht. Bereits Ende der achtziger Jahre war der Privatsender Tele 5 Teil einer europäischen Senderfamilie, die allerdings nicht lange Bestand hatte. Den Senderverbund bildeten auch Telecinco und Le Cinq in Spanien und der italienische Canale 5. Einer der Väter dieses lockeren Zusammenschlusses: Silvio Berlusconi, damals noch ohne politisches Amt.

Heute befindet sich der 82-Jährige politisch eher auf dem absteigenden Ast in Italien. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass er kürzlich für seine Partei Forza Italia ins EU-Parlament gewählt wurde. Besser scheint es geschäftlich zu laufen. Formal taucht Berlusconi bei bei dem ProSiebenSat.1-Deal zwar nirgends auf. Seit 2001 führt sein ältester Sohn Pier Silvio (50) die Geschäfte bei Mediaset. Die Familienholding Fininvest, die 45 Prozent der Mediaset-Anteile hält, wird von Berlusconis ältester Tochter Marina (52) geleitet. Aber Silvio Berlusconi hält dort 61 Prozent.

Was hat Berlusconi mit ProSieben und Sat.1 vor?

Was er mit ProSiebenSat.1 vorhat? Andeutungen, Mediaset wolle sich das Unternehmen komplett einverleiben, wurden dementiert. Ohnehin lassen die Umsätze beider Konzerne (Mediaset: 3,4 Milliarden Euro/ProSiebenSat.1: vier Milliarden Euro) eine Fusion als unwahrscheinlich erscheinen. Allerdings kündigte Pier Silvio Berlusconi bereits im April die Bildung einer „europäischen Fernsehallianz“ an, deren Details Ende Juli vorgestellt werden sollen. „Europäische Medienunternehmen wie wir müssen die Kräfte bündeln, wenn wir wettbewerbsfähig sein ... wollen, wenn es um die kulturelle Identität in Europa geht“, sagte er.

Was Mediaset und ProSiebenSat.1 gemeinsam haben, ist, dass sie an denselben Problemen leiden. Die TV-Werbeeinnahmen, ihr Hauptgeschäft, gehen zurück. Jüngere Zuschauer ziehen dem klassischen Fernsehen verstärkt das Internet oder Streamingdienste wie Netflix vor. Mediaset versucht, diesen Trend mit einem auf junge Leute zugeschnittenen Programm aufzuhalten. Die Mediaset-Sender Italia 1, Rete 4 und Canale 5, die in Italien Hauptkonkurrenten des Staatsfernsehens der RAI sind, setzen auf Talentshows, Partnerschafts-Sendungen und eine Art Dschungelcamp.

2018 war kein gutes Jahr für ProSiebenSat.1

Für Ähnliches stehen auch Sat.1 und ProSieben – trotz des Bekenntnisses von Max Conze zu „mehr News“. Ein Jahr nach seinem Antritt als ProSiebenSat.1-Chef füllt Sat.1 sein Programm über weite Strecken mit Dokusoaps und Quizshows. Auf ProSieben laufen wie eh und je „Eine schrecklich nette Familie“, „How I Met Your Mother“, „Two and a Half Men“ und „The Big Bang Theory“. Immerhin sorgt das Moderatoren-Duo Klaas Heufer-Umlauf und „Joko“ Winterscheidt oft für gute Quoten und Aufmerksamkeit. Conze wird dennoch darauf achten müssen, dass die Abhängigkeit von ihnen nicht zu groß wird. Wie einst die von Stefan Raab. ProSieben hatte sich mehr als ein Jahrzehnt lang eng an den Entertainer gebunden. Mit dessen selbst gewähltem Karriere-Ende 2015 tat sich eine Lücke auf, die bis heute nicht gefüllt werden konnte.

Max Conze, Vorstandsvorsitzender von ProSiebenSat.1, beim Kongress Medientage München im vergangenen Oktober.
Bild: Felix Hörhager

Conzes erste Jahresbilanz, die er im März vorlegte, fiel ernüchternd für ihn und die Aktionäre aus: Der Konzernumsatz war um zwei Prozent auf 4 Milliarden Euro gesunken, die Dividende musste auf 269 Millionen Euro halbiert werden. „2018 war kein Jahr, mit dem wir zufrieden sein können“, sagte er. Das erste Quartal 2019 wenigstens lief vielversprechend an.

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