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Boom am Flughafen Memmingen: Was Deutschlands größter Regionalflughafen besser macht

Bayerns Mutmacher

Die Überflieger: Weshalb der Flughafen Memmingen boomt, während andere kriseln

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    Inzwischen knapp 3,7 Millionen Passagiere pro Jahr: Ralf Schmid leitet seit über 20 Jahren den Flughafen Memmingen.
    Inzwischen knapp 3,7 Millionen Passagiere pro Jahr: Ralf Schmid leitet seit über 20 Jahren den Flughafen Memmingen. Foto: Michael Kerler

    Die Urlauber rollen ihre Koffer über den Beton, Eltern nehmen ihre Kinder an die Hand und reihen sich ein in die (überschaubare) Schlange an der Gepäckannahme. In die Abflughalle ist mit einem Schlag Leben eingekehrt. Um 13:05 startet das Flugzeug nach Belgrad, um 13:15 nach London, um 13:25 nach Teneriffa, danach geht es im kurzen Abstand nach Bukarest, Tuzla, Skopje, Sofia, Tirana… Während an manchen Orten in Deutschland Regionalflughäfen um das Überleben kämpfen oder bereits schließen mussten, floriert der Flughafen in Memmingen. Der Betrieb wächst konstant, die Zahl der angebotenen Flüge steigt. Mit knapp 3,7 Millionen Passagieren hat der Flughafen im Jahr 2025 ein Rekordergebnis erzielt, ein Plus von über 14 Prozent. Das selbst gesteckte Ziel von 3,5 Millionen Passagieren habe man bereits vor Weihnachten überschritten, berichtet Geschäftsführer Ralf Schmid. „Und wir wollen weiterwachsen“, sagt er. „Deshalb investieren wir.“ Einige Dinge scheint man in Memmingen besser zu machen als anderswo. Aber was?

    Der Flughafen Memmingen nutzt ein altes Gelände eines Bundeswehr-Standorts. Das Terminal war früher ein Wartungsgebäude.
    Der Flughafen Memmingen nutzt ein altes Gelände eines Bundeswehr-Standorts. Das Terminal war früher ein Wartungsgebäude. Foto: Ulrich Wagner

    Vor dem Gebäude kommt der Bus an, Reisende mit Rucksäcken und Koffern steigen aus, viele in Freizeitkleidung. Zwischen 4:10 am Morgen und 23:10 Uhr nachts fahren Linienbusse zum Bahnhof in Memmingen, regelmäßig verkehrt auch der Bus in die Landeshauptstadt München. Es sind nur wenige Meter von der Haltestelle zum Terminal. Der Flughafen Memmingen ist ein Flughafen der kurzen Wege. Vor allem aber hat er sich als kostengünstiger Flughafen im süddeutschen Raum etabliert. Von hier fliegen die Billigairlines Ryanair und Wizz Air. Die irische Linie Ryanair hat am Standort sogar vier Maschinen fest stationiert, inklusive rund 40 Beschäftigte pro Maschine, vom Kapitän bis zur Flugbegleiterin. Die Linien steuern zahlreiche Städte in Europa an, von Riga im Norden bis ins jordanische Amman im Süden, von Portugal im Westen bis Georgien im Osten. Die beliebtesten Reiseziele sind Tirana in Albanien und Palma de Mallorca. Auch Pristina, Belgrad und andere osteuropäische Städte fliegen mehr als 100.000 Passagiere im Jahr an. Dabei begann alles mit einer militärischen Nutzung.

    Im Juni 2007 hob die erste zivile Linienmaschine ab

    Ab Ende der 50er Jahre hatte die Bundeswehr am Flughafen Memmingerberg das Jagdbombergeschwader 34 stationiert. Viele frühere Wehrdienstleistende kennen den Standort noch aus diesen Tagen und haben hier einst Wache geschoben. Als die Luftwaffe 2001 die Schließung beschloss, sind relativ rasch die Weichen für eine zivile Nutzung des Flughafens gestellt worden. Am 28. Juni 2007 startete mit einer TUIfly-Maschine der Passagierflugbetrieb. Der Airport profitiert bis heute von seinem militärischen Erbe.

    Ralf Schmid (links) und Marcel Schütz führen den Flughafen Memmingen.
    Ralf Schmid (links) und Marcel Schütz führen den Flughafen Memmingen. Foto: Flughafen Memmingen

    Im heutigen Terminal sind früher Tornados gewartet worden. Heute checken dort Fluggäste ein, passieren die Sicherheitskontrollen, zeigen bei Reisen außerhalb des Schengen-Raums ihre Pässe vor und kaufen sich im Gastro-Bereich einen Kaffee oder ein Sandwich. „Wir wollen ressourcenschonend arbeiten, wo einmal Steuergeld investiert worden ist, wollen wir die Gebäude weiternutzen“, sagt Schmid. Das heutige Abflug- und Ankunftsgebäude stammt aus dem Jahr 1957 und ist mit seiner freischwebenden, nach innen gewölbten Dachkonstruktion auch architektonisch eine Besonderheit. Die Fenster an den Seiten lassen Helligkeit ins Gebäude, die Stahlbetonkonstruktion ist erst im vergangenen Jahr saniert worden. Angesichts des Booms hat der Mietwagenverleih bereits kleine Gebäude auf dem Platz vor dem Terminal bekommen. Im Inneren des Terminals ist der Einzug einer zweiten Ebene geplant. Damit wird das Terminal insgesamt erweitert: Geplant sind zusätzliche Gates, mehr Flächen für Gastronomie und Duty-Free-Angebote sowie deutlich verbesserte Aufenthalts- und Sitzbereiche für die Passagiere. Und noch eine Besonderheit zeichnet den Memmingen Airport aus.

    In erster Linie gehört der Flughafen lokalen Unternehmen

    Der Flughafen gehört in der Mehrheit lokalen Unternehmen. Träger sind 90 Gesellschafter, denen die Allgäu Airport GmbH & Co. KG gehört – inklusive der Grundstücke des Flughafenkernbereichs. Zu den Engagierten zählen das Unternehmen Magnet Schultz, das auf dem Flughafengelände ein großes Werk angesiedelt hat, Alois Berger, der hier ein Airport-Hotel betreibt, Kolb Wellpappe, Dachser, Pfeifer oder der Auto-Tuner Abt. Die Firmen besitzen rund 95 Prozent des Flughafens, dazu kommen mit fünf Prozent benachbarte Gebietskörperschaften. Der Airport Memmingen unterscheidet sich damit von anderen Flughäfen, die komplett in staatlicher oder kommunaler Hand sind, beispielsweise München und Nürnberg. „Wir sind ein Unternehmerflughafen – aus der Region und für die Region“, sagt Schmid. „Wir trauen uns, den Flughafen auch ohne Nachtbetrieb wirtschaftlich zu betreiben.“ Seit 2009 sei der Airport operativ in den schwarzen Zahlen, seit 2018 schreibt er auch nach Zins und Tilgung ein positives Ergebnis. „Wir wirtschaften schlank und können die Kostenvorteile an die Airlines weitergeben“, sagt er. Eine Ausschüttung an die Inhaber gebe es bisher nicht. „Wir investieren die Gewinne in Wachstum und Sicherheit.“ Im Jahr 2024 waren dies rund zwei Millionen Euro. Der Flughafen ist mit Ralf Schmid gewachsen. Und Ralf Schmid mit dem Flughafen. 

    Zu den Maschinen geht es zu Fuß oder per Bus.
    Zu den Maschinen geht es zu Fuß oder per Bus. Foto: Ralf Lienert

    Der 59-Jährige hatte 2002 im Allgäu angefangen. Er stammt aus dem Schwarzwald, studierte in Biberach Bauingenieurwesen und Projektmanagement und brachte Erfahrung mit: Zwischen 1996 und 2001 hatte Schmid bereits die Konversion des Baden-Airports von einer kanadischen Airbase zu einem Zivilflughafen übernommen. Der Allgäu Airport hat mehrere gute Startbedingungen, die ihn überzeugten.

    Zu den Erfolgsfaktoren zählt die Lage an der Schnittstelle zweier Autobahnen – der A96 und der A7. Mit den Städten München, Augsburg, Ulm und Stuttgart leben elf Millionen Menschen im Einzugsgebiet. „Wir haben mit dem Allgäu, der Schweiz und Tirol die größte Tourismusregion Deutschlands vor der Tür“, sagt Schmid. Skiurlauber lasten den Flughafen selbst im Winter gut aus. Dazu kommt: Viel Personal aus dem Tourismus, aber auch Pflegerinnen und Pfleger, die in der Region arbeiten, nutzen den Flughafen für Besuche in der osteuropäischen Heimat. In der Corona-Zeit hielten sich auch aus diesem Grund die Passagierrückgänge in Grenzen. „Wir hatten den zweitgeringsten Einbruch aller deutschen Flughäfen“, sagt Schmid. Inzwischen ist der Airport auf Platz 10 der größten Flughäfen vorgerückt. Er folgt auf Stuttgart (Platz 7), Hannover (8) und Nürnberg (9). Auch deshalb muss die Kapazität erweitert werden. Es soll weiter aufwärtsgehen.    

    Im Terminal wird Platz geschaffen, das Vorfeld wird erweitert

    Im Duty-Free-Laden finden sich neben Whiskys und Parfums viele regionale Produkte, darunter Allgäuer Bier, Pralinen einer Allgäuer Confiserie, Mozart-Kugeln und Münchner Weißwürste. Der Flughafen in Sichtweite der Berge hat seinen eigenen Charme. Zum Flugzeug geht es zu Fuß oder mit dem Bus, ins Flugzeug steigt man über die Treppe. Derzeit graben sich vor dem Gebäude Bagger in den Boden. Das Vorfeld wird erweitert, so dass künftig vier statt zwei Flugzeuge direkt am Terminal abgefertigt werden können. Der Balkon, über den man zum Flugzeug hinuntersteigt, wird verlängert und bekommt eine Überdachung. Mit Marcel Schütz, 41, hat sich Ralf Schmid einen zweiten Geschäftsführer an die Seite geholt, einige Projekte will er in den kommenden Jahren aber verwirklichen. Bis 2030 soll der Flughafenbetrieb klimaneutral werden. Eine Wasserstoff-Tankstelle für klimafreundliche Mobilität ist in diesen Tagen eröffnet worden. Der Flughafen zieht außerdem Firmen an: Continental testet hier autonomes Fahren, BMW macht Fahrsicherheitsübungen. Das neue Green Tech Hub bietet in einem neuen Glas-Gebäude Start-ups Raum. „Ich habe immer an das Potential des Flughafens geglaubt, die Widerstände habe ich aber unterschätzt“, sagt Schmid. Gerade in der Anfangszeit gab es aggressive Proteste, auch aus der Anwohnerschaft. Dabei ist der Nutzen des Flughafens inzwischen wissenschaftlich belegt.

    Das Münchner Ifo-Institut hatte für das Jahr 2018 berechnet, dass ankommende Reisenden hochgerechnet 237,4 Millionen Euro in Bayern ausgegeben haben. Rund 1766 Arbeitsplätze seien mit dem Flughafen direkt und indirekt verbunden. Und das fast ohne Subventionen. „Bis auf 20 Millionen Euro für die Befeuerung und die Start- und Landebahnerweiterung und andere projektbezogene Investitionen haben wir keine Zuschüsse erhalten“, sagt Schmid. Die Auflagen an den Airport steigen trotzdem. 

    Memmingen ist ein Flughafen der kurzen Wege: Eingestiegen wird in die Maschinen über die Treppe.
    Memmingen ist ein Flughafen der kurzen Wege: Eingestiegen wird in die Maschinen über die Treppe. Foto: Ralf Lienert

    Der Flughafen investiert nicht nur in Gebäude, sondern auch in die Digitalisierung, in Software, Sicherheit und Cybersecurity. „Es wird von staatlicher Seite viel gefordert, aber wenig gefördert“, kritisiert Schmid. „Man kann nicht alle staatlichen Aufgaben an Flughäfen abwälzen“, sagt er. „Wir müssen die Investitionsgelder erst verdienen, es muss bezahlbar sein.“

    Noch eine Entlastung könnte sich der erfahrene Flughafen-Chef vorstellen – bei der Luftverkehrssteuer: „Eine Airline verdient nur fünf bis zehn Euro pro Ticket“, sagt Schmid. „Dazu kommen aber 13,03 Euro Luftverkehrssteuer.“ Manche Fluglinie starte deshalb lieber in den Nachbarländern. „Deutschland hinkt deshalb im Luftverkehrswachstum hinterher.“ Dazu kommen aktuell steigende Kerosinpreise.

    Den Optimismus lässt man sich in Memmingen trotzdem nicht nehmen. Der Flughafen rechnet dieses Jahr mit einem – moderaten – Wachstum von fünf Prozent.

    Derzeit wird das Vorfeld erweitert. Rechts im Bild der Tower.
    Derzeit wird das Vorfeld erweitert. Rechts im Bild der Tower. Foto: Ralf Lienert
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