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Delta-Variante: So katastrophal wäre eine vierte Corona-Welle für die Wirtschaft

Delta-Variante

So katastrophal wäre eine vierte Corona-Welle für die Wirtschaft

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    Im Herbst wieder schließen? Wegen einer vierten Welle? Geht es nach Handel und Gastronomie, ist dieses Szenario unter allen Umständen auszuschließen.
    Im Herbst wieder schließen? Wegen einer vierten Welle? Geht es nach Handel und Gastronomie, ist dieses Szenario unter allen Umständen auszuschließen. Foto: Kira Hofmann, dpa (Symbolbild)

    Die Kunden kommen zurück, kaufen Frühjahrs- und Sommermode, Kleider, Hosen, Hemden. In das traditionsreiche Modehaus Jung in Augsburg ist gerade wieder Leben eingekehrt, seit viele Beschränkungen der Corona-Krise angesichts der sinkenden Ansteckungswerte ausgelaufen sind. Doch schon muss sich Miteigentümer Alexander Ferstl Sorgen um den Herbst machen. Rollt nach der Sommerpause eine vierte Corona-Welle an? Geht der Lockdown dann von vorne los? Diese Angst belastet nicht wenige Geschäftsleute, sodass sie zur Vorsicht mahnen.

    Noch aber herrscht gerade Erleichterung. „Unser Geschäft lief gut an, vor allem seit die Testpflicht für den Einkauf in Geschäften weggefallen ist“, sagt Alexander Ferstl. Sein Modehaus verkauft hochwertige und elegante Damen- und Herrenmode und blickt auf fast 120 Jahre Tradition zurück. „Wir spüren die Erleichterung der Kunden, wieder hinausgehen und vor Ort einkaufen zu können“, sagt er. „Wir sind gerade sehr froh“, bringt es Ferstl auf den Punkt, vor allem, weil ihm auch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Treue gehalten haben.

    Die Freude über Öffnungen wird von der Angst vor der Delta-Variante gedämpft

    Doch gleichzeitig mischt sich in den Neustart Unbehagen. Die Delta-Variante des Coronavirus greift um sich, einige Experten rechnen mit einer neuen Corona-Welle im Herbst, auch wenn unsicher ist, wie stark diese ausfallen wird.

    „Es gibt in unserer Branche die Sorge vor einer vierten Welle“, sagt Ferstl. Vor allem Wirtschaftsbereiche sind sensibilisiert, die der Lockdown stets hart getroffen hat – also auch Gastronomen, Hoteliers, Veranstalter. Dem Einzelhändler wird deshalb unwohl, wenn er sieht, wie in großen Menschenansammlungen wieder gefeiert wird, wie unlängst in Augsburg auf der Maximilianstraße. „Ich habe die Sorge, dass aus einer Corona-Mutation eine vierte Welle entstehen könnte“, sagt Ferstl, der betont, dass er natürlich kein Virologe ist, als betroffener Händler aber an solche Risiken denken muss.

    „Es ist schön, dass wir gerade ein Stück Normalität zurückgewonnen haben, vielleicht sollten wir es aber erst einmal mit Großveranstaltungen nicht übertreiben“, meint er, appelliert an die Vernunft der Menschen und in der Politik und hofft, dass die Impfungen schnell voranschreiten. Denn bei einem ist sich der Modehändler sicher: „Es wäre eine Katastrophe, falls die sinkenden Inzidenzzahlen nur ein Sommereffekt sind und es im Herbst wieder losginge. Eine vierte Welle wäre für viele Betriebe kaum mehr zu überstehen.“

    Freuen sich, dass wieder Leben in den Handel und das Modehaus Jung zurückkehrt, mahnen aber angesichts einer möglichen vierten Welle zur Vorsicht: Alexander und Katharina Ferstl.
    Freuen sich, dass wieder Leben in den Handel und das Modehaus Jung zurückkehrt, mahnen aber angesichts einer möglichen vierten Welle zur Vorsicht: Alexander und Katharina Ferstl. Foto: Modehaus Jung

    Handelsverband Bayern: "Der Impfturbo muss jetzt kommen"

    Auch Wolfgang Puff, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Bayern, sagt mit Blick auf dieses Szenario: „Ich will gar nicht daran denken. Das wäre die absolute Katastrophe, dann würde es für den Einzelhandel zappenduster.“ Aber er erwartet dergleichen noch nicht, auch wenn er es natürlich „nicht ausschließen“ kann und mit Sorge auf den Herbst schaut. Aus Sicht des Handels sagt er: „Wir erwarten uns von der Politik, dass noch schneller geimpft wird. Der Impfturbo muss jetzt kommen. Der Stoff muss besorgt und es muss transparent damit umgegangen werden, wenn nicht genügend vorhanden ist. Es dürfen keine Fragen offenbleiben.“

    Es müsse alles getan werden, um genügend Impfstoff zu besorgen. Puff rät daher auch dringend davon ab, die Impfinfrastruktur abzubauen. „Es wäre grob fahrlässig, die Impf- und Testzentren nun aufzulösen.“ Denn zum einen würden viele Arztpraxen im Sommer zur Urlaubszeit schließen, dann drohe im Herbst die übliche Grippewelle, die auch Impfkapazitäten binden würde. Und schließlich seien schon recht bald auch wieder Auffrischungsimpfungen für viele an der Reihe. „Die Impf- und Testzentren kann man ganz zum Schluss wieder abbauen“.

    Wolfgang Puff: "Wir brauchen zur Pandemiebekämpfung keine Wahlkampfversprechen."
    Wolfgang Puff: "Wir brauchen zur Pandemiebekämpfung keine Wahlkampfversprechen." Foto: Ulrich Wagner (Archiv)

    Unabhängig davon setzt Puff auf die Vernunft der Leute: „Sich impfen lassen, diszipliniert die Regeln einhalten, sowohl beruflich als auch privat. Dann kommen wir durch.“ Und natürlich sollte die Maskenpflicht beibehalten werden, betont der Handelsexperte. „Diese aufzuheben, ist fahrlässig, die Debatte darüber völlig überflüssig. Wir brauchen zur Pandemiebekämpfung keine Wahlkampfversprechen, sondern zielführende Maßnahmen. Die Leute haben sich an die Masken gewöhnt. Wir sollten es damit jetzt auch durchziehen.“ Und Puff geht noch einen Schritt weiter. Er ist der Meinung: „Diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, müssen sich künftig damit abfinden, dass sie Nachteile haben werden. Das sollte man politisch auch klar so sagen.“

    Der Einzelhandel, so Puff, sei inzwischen wieder auf einem „guten Weg“. Die Umsätze würden besser, „noch nicht Vorkrisenniveau, aber besser“. Das sei ein Entwicklungsprozess, das gehe nicht von heute auf morgen. Aber: „Die Kunden werden mutiger.“ Angesichts der Situation sei quer durch alle Branchen wieder eine Zufriedenheit zu spüren. Abschließend mahnt der Hauptgeschäftsführer: „Wir sollten aus dem Sommer des vergangenen Jahres lernen.“ Heißt: „Wenn die Regierung absehen kann, dass sie wieder Geschäfte schließen will, sollte sie im Vorfeld die Betroffenen einbeziehen, um zu wirtschaftlich verträglichen Lösungen zu kommen.“

    Dehoga Bayern: Schankwirtschaften, Clubs und Diskotheken öffnen

    Auch Thomas Geppert, Landesgeschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga Bayern), sagt: „Eine erneute Schließung des Gastgewerbes wäre eine Katastrophe. Es wäre aber auch unnötig.“ Denn: Zum einen habe man in Bayern eine fortgeschrittene Impfquote, und darüber hinaus hätten Hoteliers und Gastwirte ihre bewährten Schutz- und Hygienekonzepte, die einen „sicheren Betrieb“ erlaubten, auch wenn das Infektionsgeschehen wieder steigen sollte, sagt Geppert. Denn es sei allemal sicherer, sich in organisierten Bereichen zu treffen als in ungeschützten, öffentlichen Bereichen oder privat.

    Geppert fordert daher, „umgehend endlich alle Bereiche des Gastgewerbes“ wieder zu öffnen. Sprich: Schankwirtschaften, Clubs und Diskotheken.

    Ifo-Institut: Die ersten drei Wellen haben Deutschlands Wirtschaft 380 Milliarden Euro gekostet

    Welchen Schaden eine etwaige vierte Welle anrichtet? Diese Frage ist im Voraus natürlich nicht klar zu beantworten, denn sie hängt mit dem (Konsum-)Verhalten der Menschen zusammen, erklärt der Leiter der Konjunkturforschung beim Münchener ifo-Institut, Timo Wollmershäuser. Der Ökonom weist darauf hin, dass sich die volkswirtschaftlichen Kosten der ersten Welle auch deshalb von denen der zweiten und dritten Welle unterschieden hätten, weil sich im Frühjahr 2020 die Industrie teilweise selbst beschränkt habe, obwohl es dafür zunächst keine staatlichen Vorgaben gegeben habe.

    Zudem sei die Unsicherheit generell größer gewesen, denn der Umgang mit der Pandemie musste im Alltag quasi noch erprobt werden. Im vergangenen Herbst und Winter dagegen habe es bereits eine gewisse Pandemie-Routine gegeben, zudem sei die Impfperspektive schon greifbarer, die Unsicherheit folglich geringer gewesen. Was zum Beispiel dazu geführt habe, dass online mehr Geld ausgegeben wurde.

    Insgesamt haben die ersten drei Wellen Deutschlands Wirtschaft rund 380 Milliarden Euro gekostet. Wollmershäuser schätzt eine etwaige vierte Welle so ein: „Sollte es erneut zu einem Lockdown kommen, würde das vor allem den Einzelhandel und die Gastronomie treffen. Aber quantifizierbar ist der Schaden noch nicht.“

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