Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Aus Angst, es sich mit Rentnern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen zu verscherzen, verschließt die deutsche Politik seit bald zwei Jahrzehnten die Augen vor den Problemen des Rentensystems. Um zu verstehen, dass immer weniger Beschäftigte nicht die Altersgelder für immer mehr Ruheständler erwirtschaften können, muss man allerdings kein Versicherungsmathematiker sein. Dafür reicht, wie der frühere Sozialminister Franz Müntefering es einst nannte, auch die von ihm besuchte Volksschule Sauerland.
Müntefering hat die richtigen Schlüsse daraus gezogen und die Rente mit 67 durchgesetzt. Die Aufregung über die von der neuen Wirtschaftsministerin Katharina Reiche gerade ins Spiel gebrachte Rente mit 70 folgt nun allerdings wieder dem alten Schema: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Dabei sind die Möglichkeiten, das System zu stabilisieren, begrenzt. Die Politik kann die Beiträge anheben, was Betrieben wie Beschäftigten schadet, sie kann den Steuerzuschuss an die Rentenkassen von weit über 100 Milliarden Euro jährlich noch weiter erhöhen, was allen Steuerzahlern schadet - oder sie kann das Rentenalter wie Dänemark an die steigende Lebenserwartung koppeln und die Menschen länger arbeiten lassen.
Nach 45 Jahren in Rente? Die Sozialgemeinschaft kostet das Milliarden
Das ist nicht populär, aber unausweichlich. Für den berühmten Dachdecker, der im fortgeschrittenen Alter nicht mehr auf einem First herumturnen kann, oder die Altenpflegerin, der langsam die Kräfte schwinden, muss eine große Rentenreform natürlich Lösungen finden - zum Beispiel über bessere Erwerbsminderungsrenten oder rechtzeitige Umschulungen. Auf der anderen Seite ist die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren ein Anachronismus, der nicht mehr in die Zeit passt. Nach einer Studie der renommierten Prognos AG kostet diese Sonderregelung die Solidargemeinschaft bis zum Jahr 2035 rund 140 Milliarden Euro. Sie entzieht dem Arbeitsmarkt Hunderttausende von Fachkräften und drückt vergrößert die Löcher in den Rentenkassen noch weiter, weil mehr Versicherte früher in Rente gehen und entsprechend weniger Beiträge fließen, während gleichzeitig die Rentenansprüche steigen.
Diesen Teufelskreis aus falsch verstandenem Sozialsinn und fehlendem Problembewusstsein zu durchbrechen, sollte eigentlich die vornehmste Aufgabe der neuen Bundesregierung sein, deren Kanzler wie Müntefering ebenfalls im Sauerland zur Schule gegangen ist. Union und SPD allerdings ist bisher nicht viel mehr eingefallen als das Einsetzen einer Expertenkommission. Die forsche Ministerin Reiche wurde von Friedrich Merz wieder zurückgepfiffen, damit das politische Berlin in seiner Sommerruhe nur ja nicht durch eine aufgeheizte Rentendebatte gestört werde. Schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf. Hat Norbert Blüm nicht einst versprochen, die Rente sei sicher?
Dänemark hat die Rente mit 70 bereits eingeführt
Sicher ist sie noch immer - nur in welcher Höhe und zu welchem Preis? Im europäischen Vergleich sind die deutschen Renten allenfalls Mittelmaß, daran ändert auch die geplante Aktivrente nichts, die ältere Beschäftigte mit Steuervorteilen zum freiwilligen Weiterarbeiten ermuntern soll. Um das System insgesamt auf ein breiteres Fundament zu stellen, wird der Rente mit 67 schon bald eine Rente mit 68 oder 69 folgen müssen. In Dänemark, einem Land mit einer etwas höheren Geburtenrate als Deutschland, ist sogar schon die schrittweise Einführung der Rente mit 70 bis zum Jahr 2040 Gesetz - beschlossen von einer sozialdemokratisch geführten Koalition und unterstützt von den Gewerkschaften. Undenkbar, leider, in Deutschland.
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