Zwischen der Veröffentlichung der beiden Zahlen liegt gerade einmal eine Woche. Und doch beschreiben sie ganz unterschiedliche Welten – und ein Phänomen, das gesellschaftlich brisant ist: Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wird größer. Während die Reichen vor allem durch den Boom der Börsen im vergangenen Jahr ihr Vermögen deutlich ausbauen konnten, steigt gleichzeitig die Armutsquote in Deutschland auf einen neuen Höchststand.
Von 2024 auf 2025 stieg der Anteil der Armen im Land um 0,6 Prozentpunkte auf 16,1 Prozent der Bevölkerung. Das zeigt eine Auswertung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. „13,3 Millionen Menschen leben hierzulande in Armut – betrachtet man allein die relative Einkommensarmut“, so der Verband. Das so „ein trauriger Rekord“ und eine „negative Trendwende“. In keinem der vorangegangenen Jahre seien so viele Menschen von Armut betroffen gewesen. Erst kürzlich hatten Erhebungen der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) ergeben, dass den Superreichen aktuell 27,3 Prozent des gesamten Finanzvermögens von 12,4 Billionen Dollar in Deutschland gehören – Tendenz weiter steigend.
Soziales Klima im Land wird angespannter
„Das sozialpolitische Klima in Deutschland hat sich verschlechtert, die Solidarität gerade gegenüber armen Menschen hat abgenommen“, sagt der Sozialforscher Christoph Butterwegge unserer Redaktion. Den Grund sieht er unter anderem bei der Politik selbst: „Es wird Stimmungsmache gegen den Sozialstaat betrieben.“ Der Sozialstaat werde als missbrauchsanfällig und zu teuer angesehen. „Das hat dazu geführt, dass die Regierungen mehr die Armen als die Armut bekämpfen“, kritisiert der Experte.
Vor allem ältere Frauen stechen in der Statistik des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes heraus: Den Zahlen zufolge ist fast jede fünfte Person ab 65 Jahren von Armut betroffen beziehungsweise armutsgefährdet - bei Frauen über 75 Jahren sind es sogar 21,3 Prozent. „Das ist ein Armutszeugnis für eine so wohlhabende Gesellschaft, wie wir es sind“, sagt Butterwegge. Die Rentenreformen der vergangenen Jahre hätten dafür gesorgt, dass der Lebensabend zur Armutsfalle wird. Das Rentenniveau liegt aktuell bei 48 Prozent, noch im Jahr 2001 lag es bei 52,6 Prozent.
Rentenniveau ist in den vergangenen Jahren abgesunken
„Durch das Absinken des Rentenniveaus sind mehr Menschen von Armut betroffen“, sagt Butterwegge. „Und ich sage voraus: Wenn Deutschland – und so ist im Moment die Forderung – eine schmerzhafte Rentenreform plant, wird das vor allem schmerzhaft für Menschen, die schon jetzt ein relativ geringes Einkommen haben.“ Das Thema Altersarmut laufe deshalb Gefahr, zum politischen Déjà-vu zu werden. „Eigentlich hatte die Altersarmut nach der Rentenreform von Konrad Adenauer im Jahr 1957 deutlich abgenommen“, erinnert der Forscher. Inzwischen sei der gegenläufige Trend zu beobachten.
Der Sozialforscher warnt vor der politischen Gefahr, die von der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich ausgeht. „Das kann dazu führen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet, und das ist eine große Gefahr für die Demokratie“, sagt Butterwegge. Schon jetzt hätten viele Menschen bis in die gesellschaftliche Mitte hinein Angst vor dem sozialen Abstieg. Dies beflügle vor allem die AfD. Davor warnt auch der Paritätische Wohlfahrtsverband. „Jetzt immer neue Kürzungen zu diskutieren, schürt Angst und Unsicherheit. Das spielt Populisten und Extremisten in die Hände“, so Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes.
Bayern hat die niedrigste Armutsquote
Die Armut ist in Deutschland regional sehr unterschiedlich verteilt. Während Bayern und Baden-Württemberg die niedrigsten Quoten haben, leben in Bremen, Sachsen-Anhalt sowie den Stadtstaaten Hamburg und Berlin besonders viele Betroffene. In Zahlen ausgedrückt: Der Untersuchung zufolge zählen 12,6 Prozent der bayerischen Bevölkerung als arm, weniger als halb so viele wie am anderen Ende der Tabelle in Bremen (27,5 Prozent). Hinter Bayern auf Platz zwei liegt Baden-Württemberg mit einer Armutsquote von 13,2 Prozent. Die Regionen mit niedrigen Armutsquoten profitieren demnach hauptsächlich von starker Wirtschaftsstruktur, hoher Beschäftigung und vergleichsweise hohen Einkommen.
Wie positiv sich strukturelle Veränderungen niederschlagen können, zeigt sich etwa am Beispiel Niederbayern. Noch in den 1960er Jahren galt vor allem der Bayerische Wald als Armenhaus und eine der am wenigsten wohlhabenden Regionen der alten Bundesrepublik. Inzwischen hat Niederbayern eine Armutsquote von nur 12,3 Prozent und liegt damit sogar unter dem bayerischen Durchschnitt.
Menschen, denen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung stehen, gelten als armutsgefährdet, wie die Statistiker dies nennen, oder als arm, wie es der Wohlfahrtsverband formuliert. Bei Alleinlebenden lag diese Grenze zuletzt bei netto 1446 Euro im Monat, für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 3036 Euro. (mit dpa)
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren