Wer genau hinschaute bei der großen Parade zum indischen Nationalfeiertag in Neu-Delhi, sah auch eine EU-Flagge wehen - ein Symbol für die wachsende Bedeutung der EU für Indien und Balsam für die durch die transatlantischen Spannungen geschundene Seele Europas. Die Inder können Spektakel und jenes am Montag riss auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sichtlich mit: der Prunk und Pomp, die bunten Show-Wagen, die Tanzgruppen, Panzer und Raketen. Es sei „eine einmalige Ehre“, als Ehrengast bei den Feierlichkeiten dabei sein zu dürfen, sagte die Brüsseler Behördenchefin in Neu-Delhi. Der Zeitpunkt für den Besuch von ihr und Ratspräsident Antonio Costa auf Einladung von Premierminister Narendra Modi war nicht zufällig gewählt. Denn nach dem imposanten Programm ging es ums Geschäft: Am Dienstag einigten sich die EU und Indien nach fast zwei Jahrzehnten Verhandlungen auf einen umfassenden Handelsvertrag.
Beide Seiten priesen ihn als „Mutter aller Abkommen“ und überboten sich in Superlativen, um die Schaffung der riesigen Freihandelszone zu beschreiben. Von der Leyen sprach von „zwei Giganten, die sich für Partnerschaft entscheiden“, Modi hob den „historischen Moment“ hervor. Es geht um einen gemeinsamen Markt von fast zwei Milliarden Menschen – und um hohe Erwartungen. So sollen die Zölle auf 96,6 Prozent der EU-Warenausfuhren gesenkt oder gestrichen werden, was zu Einsparungen von jährlich vier Milliarden Euro an Zöllen für Unternehmen der Gemeinschaft führen würde. Die Vereinbarung soll den traditionell streng abgeschotteten indischen Markt für die 27 Mitgliedstaaten öffnen und die europäischen Exporte bis 2032 verdoppeln.
Indien: Bisher Zölle von 110 Prozent auf Autos
Während für Studenten und IT-Fachkräfte aus Indien der Zugang zum Arbeitsmarkt der Union erleichtert werden soll und Indien seine Textilien, Edelsteine und Arzneimittel auf dem alten Kontinent verkaufen will, senkt Neu-Delhi seine Zölle unter anderem auf Chemieprodukte, Wein, Spirituosen, Pasta und Autos. Laut Kommission würden die Abgaben auf Fahrzeuge innerhalb von fünf Jahren von bis zu 110 Prozent auf zehn Prozent reduziert. Bis zu 250.000 in Europa hergestellte Autos dürfen dann zu einem Vorzugszollsatz nach Indien eingeführt werden. Großer Nutznießer wäre Deutschland, schon jetzt Indiens größter Handelspartner in der EU.
Dementsprechend zufrieden klangen die Reaktionen aus Deutschland. Die Chefin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller, erkannte „enormes Potential“. Indien, mit 1,45 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt, ist eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. 19 Jahre liefen mit teils langen Unterbrechungen die Gespräche. Immer wieder stockten oder scheiterten sie, unter anderem weil die Europäer Handelsfragen mit Forderungen nach mehr Umweltschutz, der Wahrung von Menschenrechten oder nach besseren Arbeitsbedingungen verknüpften. Hinzukommt, dass Indien ein Verbündeter Moskaus bleibt und Waffen und Energie in Russland kauft.
Es soll besser laufen als beim Mercosur-Abkommen
Laut offiziellen Angaben soll die formelle Unterzeichnung des Vertrags in diesem Jahr erfolgen, sodass er Anfang 2027 in Kraft treten könnte – falls die Mitgliedstaaten und das EU-Parlament zustimmen, womit derzeit gerechnet wird. „Ein Drama wie beim EU-Mercosur-Abkommen darf sich nicht wiederholen“, warnte Wolfgang Große Entrup, Chef des Verbands der Chemischen Industrie. Vergangene Woche hatte eine knappe Mehrheit der EU-Abgeordneten dafür gestimmt, den Deal mit den südamerikanischen Staaten dem EU-Gerichtshof zur Prüfung vorzulegen.
Indien stand auf der Rangliste der bayerischen Handelspartner im Jahr 2024 lediglich auf Platz 23. Doch das Potenzial gilt als groß. Profitieren können Unternehmen aus unserer Region: „Indien ist ein Zukunftsmarkt, auf dem unsere Unternehmen längst aktiv sind“, berichtet Reinhold Braun, Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwaben. Rund 270 Firmen aus der Region haben Geschäftsbeziehungen dorthin, 50 davon mit eigener Präsenz vor Ort.
Reinhold Braun, IHK: „Abkommen muss mittelstandsfreundlich sein“
„Ein Freihandelsabkommen mit Indien ist ein echter Hebel: für stabile Lieferketten, neue Absatzmärkte und mehr wirtschaftliche Resilienz“, sagt Braun. Entscheidend sei, dass der Marktzugang nicht an komplizierten Ursprungsregeln scheitert. „Das Abkommen muss praxisnah und mittelstandsfreundlich sein. Europa darf hier nicht wieder ins Zögern geraten, wie zuletzt beim Mercosur-Abkommen“, mahnt auch Braun.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren