Herr Dittrich, in der Arbeitswelt reden alle über Künstliche Intelligenz. Das wird auch auf der Internationalen Handwerksmesse in München großes Thema sein, die diesen Mittwoch in München startet. Im Handwerk arbeiten Menschen mit ihren Händen. Wann backt KI das erste Brot oder baut eine Heizung ein?
JÖRG DITTRICH: Richtig, im Handwerk arbeiten Menschen viel mit ihren Händen und leben von diesem handwerklichen Können. Aber natürlich hat der technologische Fortschritt auch immer Einfluss auf das Handwerk. Viele Betriebe setzen bereits Künstliche Intelligenz ein. Anders als in vielen anderen Branchen wird dies aber nicht als Bedrohung wahrgenommen. KI und Robotik ergänzen unsere Arbeit, ersetzen sie aber nicht gänzlich. Es überwiegt eher die Neugier, was kann man damit tun? Wie kann man körperlich anstrengende oder monotone Arbeit verdrängen?
Der Roboter als Kollege?
DITTRICH: Ich hoffe, dass schon bald die ersten menschenähnlichen Roboter auf Baustellen oder in Werkstätten eingesetzt werden. Die können dann vermutlich nicht so filigrane handwerkliche Tätigkeiten übernehmen wie etwa eine schwer zugängliche Überwurfmutter hinter der Wand aufschrauben. Aber sie könnten die Werkzeugkiste tragen, Material schleppen oder körperlich belastende Tätigkeiten unterstützen. Das wäre ganz bestimmt gut für die Knochen der Beschäftigten und würde sie spürbar entlasten und ihre Gesundheit schützen. Das sind doch gute Aussichten, zumal wir ja wissen, dass in den nächsten Jahren Millionen Menschen in Rente gehen werden, während weniger junge Fachkräfte nachrücken. Vor diesem Hintergrund können KI und Technologie helfen, Produktivität zu sichern und zu steigern. Das sind gute Perspektiven, und deswegen freuen wir uns auf die Zukunft im Handwerk.
Derzeit verlieren zehntausende Beschäftigte ihre Stellen in der Industrie. Können sie im Handwerk Arbeitsplätze finden?
DITTRICH: In der Vergangenheit hat ein Wechsel aus der Industrie ins Handwerk häufig nicht funktioniert, weil die Löhne in der Industrie viel höher oder die Tätigkeiten nicht vergleichbar waren. Doch bei den Löhnen hat sich im Handwerk in den vergangenen Jahren viel getan, sie sind spürbar gestiegen: Da stehen wir jetzt besser da. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass mittlerweile über die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger überzeugt ist, dass man im Handwerk gutes Geld verdienen kann. Es gibt Perspektiven für Beschäftigte aus der Industrie, wenn sie in unsere Betriebe wechseln wollen.
Das Handwerk könnte zusätzliche Leute gut gebrauchen …
DITTRICH: Die Fachkräftesicherung ist ohne Frage ein Riesenthema. Doch da sind noch einige weitere Themen, die die Handwerksbetriebe stark belasten und viele Betriebsinhaberinnen und Unternehmer wirklich frustrieren. Ganz vorn zu nennen ist die überbordende Bürokratie. Schon seit sehr langem kritisieren wir das, doch statt besser ist es nachweislich in den vergangenen Jahren noch schlimmer geworden. Das andere sind die stetig steigenden Lohnzusatzkosten für Rente, Krankenkasse, Arbeitslosenversicherung und Pflege. Wissen Sie, was ein Dachdecker verdient?
Nein, aber Sie mit Sicherheit …
DITTRICH: Ich nehme den Dachdecker, weil es mein Bereich ist, aber das Beispiel ist übertragbar. Sagen wir, ein Dachdecker verdient 20 Euro die Stunde brutto. Viele Betriebe zahlen mehr, aber nehmen wir die 20 Euro, um einfacher zu rechnen. Netto hat der Dachdecker zwischen 14 und 15 Euro raus. Aber wissen Sie, was der Kunde für diese Stunde zahlen muss?
Nein, auch nicht …
DITTRICH: Mit Lohnzusatzkosten, Steuern, Berufsgenossenschaft und dem Ertrag, den jeder Betrieb machen muss, und darauf noch die Mehrwertsteuer, kommen wir auf 75 Euro. 15 Euro Nettolohn und 75 Euro Stundenverrechnungssatz: Daran sehen Sie das ganze Ungleichgewicht. Ein Dachdecker muss inzwischen fünf Stunden arbeiten, um sich eine Stunde seiner eigenen Arbeit leisten zu können. Das Verhältnis ist nicht stimmig, und es ist in den letzten Jahrzehnten weiter auseinandergegangen.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat im Wahlkampf vor einem Jahr versprochen, die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen. Ist bei den Handwerksbetrieben davon schon etwas angekommen?
DITTRICH: Bundeskanzler Merz und seine Bundesregierung haben tatsächlich einiges angeschoben wie zum Beispiel den sogenannten Investitionsbooster, den Bauturbo, die Modernisierungsagenda. Das erkennen wir ausdrücklich an. Aber reicht das? Nein. Deutschland wird dieses Jahr zwar wieder wachsen, in geringem Umfang, aber dieses Wachstum beruht auf Schulden und einigen zusätzlichen Arbeitstagen, weil Feiertage auf das Wochenende fallen. Das ist kein selbsttragender Aufschwung. Und aus den Betrieben hören wir, dass die Entlastungen nicht zu spüren sind. Hinzu kommt die Verunsicherung darüber, wie es in vielen Bereichen weitergehen wird. Die Folge ist Zurückhaltung bei Investitionen. Die Regierung muss jetzt strukturelle Änderungen auf den Weg bringen.
Was muss sie zuerst anpacken?
DITTRICH: Sie muss es beispielsweise schaffen, dass die Sozialabgaben für Rente, Pflege, Arbeitslosigkeit und Krankenkasse wieder auf die jahrelang geltende rote Linie von maximal 40 Prozent zurückgehen, besser noch daruntergehen. Derzeit sind wir bei knapp 43 Prozent, Tendenz weiter steigend. Das trifft das lohnintensive Handwerk besonders stark, weil die Beiträge zu den Sozialversicherungen auf den Lohn erhoben werden. Und da bin ich wieder bei meinem Beispiel von eben, weshalb Arbeit in Deutschland so teuer ist. Deshalb gehört zu den Kernerwartungen des Handwerks an die schwarz-rote Regierung: Die Lohnzusatzkosten dürfen keinesfalls weiter steigen. Die Bürokratie muss noch viel massiver als bislang zurückgeschnitten werden. Diese Kernerwartungen werden wir dem Kanzler auf der Messe erneut mitgeben, wenn er zum Spitzengespräch mit den vier Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft kommt.
Zur Person
Jörg Dittrich, 56, stammt aus Dresden und führt den Dachdeckerbetrieb seiner Familie in vierter Generation. Seit drei Jahren ist er Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. In seiner Freizeit engagiert er sich im Vorstand für den erfolgreichen Volleyballclub Dresdner SC, der mehrfach die Meisterschaft gewann.
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