Frau Witte, der deutsche Arbeitsmarkt befindet sich in einer angespannten Situation. Die Arbeitslosigkeit steigt und die Stimmung wird nicht gerade besser. Wie kann sich die Lage wieder entspannen?
KATRIN WITTE: Ich glaube, das Außergewöhnliche ist, dass wir in Deutschland momentan ein Missmatch zwischen einer steigenden Arbeitslosigkeit einerseits und größer werdendem Fachkräftemangel andererseits haben. Durch Umschulung und Weiterbildungen motivierter Menschen kann dieses Problem oft überbrückt werden. Allerdings gibt es auch Erwerbslose, denen es an Motivation, dem richtigen Schulabschluss oder einfach der Hoffnung fehlt, da sie vielleicht schon zu lange nicht mehr am Berufsleben teilgenommen haben. Hier muss angesetzt werden, um die Lücke wieder zu schließen.
Mittlerweile ist es sogar für Menschen mit akademischem Hintergrund schwierig, einen Job zu finden. Können Sie diesen Trend bestätigen?
WITTE: Ja, auch wir erkennen, dass die Arbeitslosigkeit unter Akademikern zuletzt gestiegen ist. Das ist eine neue Situation, die es so selten gegeben hat. Eltern schicken ihre Kinder aufs Gymnasium, um ein anschließendes Studium zu ermöglichen. Viele haben nach wie vor im Hinterkopf, dass akademische Ausbildungen sicherer sind und auf dem Arbeitsmarkt bessere Karrieren fördern. Das ändert sich aber zunehmend. Momentan sehen wir, dass unter den Arbeitslosen die Zahl der Akademiker steigt.
Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
WITTE: KI und Automatisierung spielen dabei eine große Rolle, denn sie verändern Tätigkeiten und Kompetenzanforderungen erheblich. Aber auch die Konjunktur, die Einstellungszurückhaltung und der Strukturwandel tragen dazu bei. Viele Management-Tätigkeiten können schon teilweise von KI ersetzt werden. Das ist eine Veränderung, die vor einigen Jahren so gar nicht sichtbar war. Zwar gab es Statistiken von Zukunftsforschern, die eine ähnliche Entwicklung vorhergesehen haben, doch bis es dann in der Realität ankommt und auch ernst genommen wird, das dauert seine Zeit. Fakt ist aber, dass künstliche Intelligenz den zukünftigen Arbeitsmarkt immens beeinflusst und viele Jobs nicht wiederzuerkennen sein werden.
Sie sprechen von Berufsfeldern, die sich schwer verändern werden. Um welche Jobs geht es vor allem?
WITTE: Vieles rund um Mathematik und Informatik wird beispielsweise betroffen sein. Wir sehen schon die Tendenz, dass junge Informatiker keinen guten Einstieg mehr ins Berufsleben bekommen. Vor fünf Jahren hat man sich noch die Finger nach ihnen geleckt, mittlerweile gibt es KIs, die sehr viel der Arbeiten übernehmen können. Speziell die Softwareentwicklung spürt den Einfluss der künstlichen Intelligenz. Zum Glück aber kann sie den kreativen Entwicklungsprozess noch nicht ganz ersetzen. Juniorentwickler haben es hier jedoch besonders schwer. Auch die Zukunft der Textarbeiter oder Buchhalter steht auf wackeligen Beinen. Egal, ob SEO-, Marketing- oder Werbetexter, die KI übernimmt schon sehr viel. Klassische kaufmännische Prozesse trifft es ebenfalls.
Das heißt, für einige Studierende wird es nicht einfach, sich auf einem von KI geprägten Arbeitsmarkt zu behaupten. Wäre da nicht eine handwerkliche Ausbildung eine Option?
WITTE: In der Tat. Die Generation Z beschäftigt sich schon verstärkt mit diesem Thema. Das Handwerk gewinnt an Attraktivität und verzeichnet aktuell mehr Neuverträge. Etwa Fliesenleger oder Jobs in der Holzbearbeitung stehen hoch im Kurs, da diese Berufe schwer von Maschinen ersetzt werden können. Die Pflege ist auch ein solcher Bereich, in dem Menschen immer eine Rolle spielen werden, wenngleich der Pflegeroboter früher oder später als Hilfe fungieren wird. Stetig wichtiger wird die KI-Entwicklung an sich. Diese Technologie wird überall genutzt, muss allerdings entwickelt werden und da kommt wieder der Mensch ins Spiel. Das Thema Cybersecurity wird ebenso niemals weg sein. Dieser Bereich muss zwingend von Menschenhand erledigt werden.
Das Institut für Berufliche Bildung bietet deutschlandweit Umschulungen und Fortbildungen an. Haben Sie schon viele Anmeldungen von Menschen, die in KI-tangierten Berufen arbeiten?
WITTE: Es gibt Menschen, die sich beraten lassen und die durch Medien wissen, dass ihr Beruf gefährdet sein könnte. Die gehen aktiv auf uns zu und machen in den KI-Themen Schulungen bei uns, denn in vielen Bereichen werden zukünftig die Angestellten mit einer KI arbeiten müssen. Allerdings gibt es noch ganz viele, die einfach da sitzen, die Augen schließen und eine Vogel-Strauß-Taktik anwenden. So nach dem Motto, „das wird an mir vorbeigehen“, was es aber in vielen Fällen nicht tut.
Der Wandel zur Elektromobilität in Verbindung mit Digitalisierung und KI macht der deutschen Automobilindustrie zu schaffen. Suchen dort die Angestellten schon nach Alternativen?
WITTE: Ja, es sind sogar Wellen von Menschen, die primär von den Zulieferbetrieben zu uns kommen. Die sind jetzt eigentlich am meisten betroffen davon, da sie oft die Ersten sind, welche die Krise in der Branche zu spüren bekommen. Die Umstellung auf Elektromotoren nimmt vielen von ihnen die Arbeitsgrundlage, da herkömmliche Motorenteile nicht mehr gebraucht werden. Deshalb sind Weiterbildungen so wichtig, weil den Menschen dadurch eine Perspektive gegeben wird. Wir können die Wichtigkeit auch recht gut an den Zahlen festmachen. Bis zu 58 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland werden weitergebildet. Bei den Teilnehmern in unserem Institut werden nach den Kursen um die 70 Prozent weitervermittelt, was eine sehr erfolgreiche Quote darstellt.
Zur Person: Katrin Witte ist seit 2023 Vorstandsvorsitzende des Instituts für berufliche Bildung (IBB), einem der größten privaten Weiterbildungsanbieter in Deutschland. Sie studierte Soziologie und Erwachsenenbildung an der Universität Leipzig.
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