Der Autozulieferer Bosch hat dieses Jahr angekündigt, 13.000 Stellen zu streichen, bei ZF bewegt es sich in einer ähnlichen Größenordnung. Dass sich die deutsche Industrie in einer Krise befindet, ist nicht von der Hand zu weisen. Doch dagegen, dass in Deutschland Aufträge fehlen und die Werke von Opel, VW & Co. nicht ausgelastet sind, helfen die derzeit massiv geforderten Sozialreformen alleine allerdings nicht.
Die Krise betrifft längst nicht nur den Automobilbereich. Dass der Einkaufswagen-Hersteller Wanzl aus Leipheim bei Günzburg zwei Werke schließen wird, hat bayernweit Aufmerksamkeit gefunden. Zahlen helfen, sich die Dramatik der Situation vor Augen zu halten. Allein dieses Jahr sind 170.000 Industriearbeitsplätze verlorengegangen, warnt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Dies kann und darf nicht so bleiben. Die Industrie war und ist eine Stütze Deutschlands. Eine Volkswirtschaft unserer Größe ohne industrielle Basis ist kaum vorstellbar.
Damit in Deutschland keine Industriebrachen wie im „Rust Belt“ der USA entstehen, sind Reformen unabdingbar. Die Bundesregierung weiß dies und hat erste Maßnahmen auf den Weg gebracht. Die Bürokratie hat Gründergeist und Aufbruch erstickt, die Energiekosten sind zu hoch, die Arbeitskosten ebenfalls, was nicht allein an den Nettolöhnen liegt, sondern an steigenden Sozialabgaben, die zum großen Teil Arbeitgeber wie Arbeitnehmer tragen. Zurecht fordern Politiker wie Unternehmer eine neue „Agenda 2010“, eine „Agenda 2030“.
Die Liste an Reform-Ideen liest sich bisher wie eine Liste an Grausamkeiten für die Arbeitnehmer
Leider liest sich die Liste an Reformkonzepten bisher wie eine einzige Liste an Einschnitten für Arbeitnehmer. Ökonomen wie Verbände bereiten die Beschäftigten darauf vor, dass sie länger als bis 67 arbeiten müssen. Das Rentenniveau könnte auf Dauer doch nicht zu halten sein. Im Raum stehen längere Wochenarbeitszeiten oder die Streichung von Feiertagen. Für den Arztbesuch, so ein Vorstoß, solle wieder eine Praxisgebühr fällig werden... Ja, es werden Reformen nötig sein, auch Einschnitte. Damit sich diese aber nicht wie eine reine „Liste an Grausamkeiten“ lesen, wird Berlin genau darauf achten müssen, die Lasten fair zu verteilen. Alle gesellschaftlichen Schichten müssen ihren Beitrag leisten, Spitzenverdiener, Selbstständige und Beamtinnen und Beamte eingeschlossen.
Die Sozial- und Arbeitsmarktreformen werden zudem allein nicht reichen, die deutsche Industrie in die Spur zu bringen. Dafür geht der Strukturwandel zu tief. Durch den Zollkrieg sind Exportmärkte weggebrochen. China stellt Maschinen und Fahrzeuge selbst her, die früher „Made in Germany“ waren.
Neue Märkte, neue Produkte, neue Produktionsmethoden: Die Industrie muss auch selbst aktiv werden
Parallel zu einer „Agenda 2030“ muss sich die Industrie selbst erneuern. Deutschlands Unternehmen brauchen eine „Agenda Industrie“, in der sie neue Geschäftsmodelle entwickeln, neue Märkte entdecken. Die Richtung deutet sich an: Firmen investieren in Automatisierung, andere wenden sich Indien oder Lateinamerika zu. Das Mercosur-Handelsabkommen wäre eine Chance. Investitionen in Forschung und Hochschulen helfen dem Wandel. Im Flugzeugbau, der Raumfahrt, der Verteidigung und auch in der Energiewende liegen Perspektiven.
Dass es gelingen kann, die Transformation zu schaffen, haben andere Branchen gezeigt. Die Finanzbranche steht stabiler da als vor einigen Jahren. Die nach der Finanzkrise 2008/09 stark gebeutelte Commerzbank und die Deutsche Bank schreiben wieder gute Gewinne.
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