Die Krise ist der neue Normalzustand geworden. Was Unternehmen mit der Sperrung der Straße von Hormus rasch durch wachsende Unsicherheit, höhere Kosten und wegfallende Bestellungen gespürt haben, könnte in einer zweiten Welle auch die Verbraucher erreichen. Die Weltwirtschaft hängt weiterhin am Tropf von Öl und Gas. Wenn der Treibstoff für das Wachstum knapp wird, werden Manager rund um den Globus unruhig.
Der Energiepreisschock nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine und der schmerzhaften Abkopplung des Westens vom vermeintlich billigen Treibstoff aus dem Osten schien gerade überwunden. Zwar zahlen wir alle seitdem kräftig mit, etwa um die höheren Kosten des vornehmlich aus den USA zu uns gelieferten Flüssiggases zu finanzieren. Doch die Inflation war nach der harten geldpolitischen Therapie durch die Europäische Zentralbank endlich wieder im Zielrahmen von um die zwei Prozent.
Die Risiken der Eskalation im Iran sind offenbar größer als Trump dachte
Doch das war gestern. Im Heute ringt die Welt mit den Folgen einer militärischen Eskalation im Nahen Osten, deren Risiken offensichtlich realer sind, als der Mann im Weißen Haus dachte. Fossile Energie ist der Rohstoff, der in beinahe allen Produkten enthalten ist. Stahlhersteller können ihre Schmelzöfen ohne sie nicht befeuern. Kein Kunststoff verlässt ohne sie die Chemiebranche. Diese Reihe lässt sich fortsetzen: Papier, Glas, Baustoffe – in allen Grundprodukten, die in der Industrie verarbeitet werden, ist die schmutzige Energie gespeichert.
Doch nicht nur da. Landwirte sorgen sich über steigende Kosten für Düngemittel und Diesel. So wandern die gestiegenen Preise für Öl und Gas auch in die Lebensmittellieferketten. Mit der Zeit fressen sich die höheren Kosten durch alle Bereiche der Wirtschaft bis in die Geldbeutel der Verbraucher. Deswegen wächst längst nicht nur bei Managern die Nervosität.
Nach mittlerweile jahrelanger Stagnation gab es bis vor wenigen Wochen Hoffnung auf einen zarten Aufschwung der deutschen Wirtschaft, wenngleich dieser zunächst vorwiegend von Rekordschulden des Staates getragen wurde. Die privaten Investitionen blieben bislang weiter im Keller. Doch nun könnte sich das herbeigesehnte Konjunktur-Comeback verzögern – oder sogar ganz ausfallen. Denn die EZB muss sich die Frage stellen, wie sie auf die Lage reagiert, die weiter unübersichtlich bleibt.
Die EZB hatte die Hartnäckigkeit der Inflation unterschätzt
Schon einmal haben die Notenbanker zu spät und zu zögerlich gehandelt, als die Energiepreise plötzlich durch die Decke gingen. Nach der Corona-Pandemie – wie viele Krisen sind seitdem eigentlich hinzugekommen? – und dem russischen Einmarsch in die Ukraine, haben Öl und Gas quasi über Nacht neue Rekordstände erreicht. Die EZB ging zunächst davon aus, dass der Preisdruck vorübergehend sein würde und zögerte, die Zinsen zu erhöhen.
Erst als nicht mehr von der Hand zu weisen war, dass die Inflation gefährliche Höchststände erreicht hatte – im Jahr 2022 lag die Teuerung bei fast sieben Prozent –, zogen die Notenbanker die Zügel dann umso entschlossener an. Diese historische Bürde schwebt über der Zinsentscheidung der EZB am Donnerstag. Steigende Zinsen drohen die Schmalspur-Erholung der Wirtschaft abzuwürgen. Ein erneutes Aufflammen der Inflation könnte aber erneut die Verbraucher belasten und neue Verteilungskämpfe anfachen.
Die Frage, in welche Richtung die Weltwirtschaft abbiegt, wird sich also in der Straße von Hormus entscheiden. Zumindest so lange, bis die nächste Krise losbricht. Bis dahin sollte das Land sich zumindest vorbereiten: Durch mehr Unabhängigkeit bei der Energieversorgung und weniger Anfälligkeit für Preisschocks bei Öl und Gas.
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