Herr Ermer, die gestiegenen Strom- und Gaspreise waren in den letzten Jahren eines der größten Probleme für Bäcker. So langsam gehen die Preise wieder runter. Wie ist die Lage aktuell im Handwerk?
ROLAND ERMER: Die Entspannung auf den Märkten erreicht auch die Bäckereien. Die Entlastungen sind allerdings im Ergebnis nicht so erheblich, weil hohe Strompreise nur eines von vielen Problemen waren: erst Covid 19, dann der Ukrainekrieg und dazu eine extreme Erhöhung des Mindestlohns, die sich auf die gesamte Lohnstruktur ausgewirkt hat. Außerdem haben wir eine exorbitante Preissteigerung im Materialbereich gehabt. Das alles führte zu Ängsten und teils zu Preisübertreibungen. Die Energie- und Beschaffungspreise sind jetzt Gott sei Dank wieder ein bisschen zurückgegangen. Aber natürlich nicht wieder auf das Niveau, auf dem sie mal waren.
Wie sind die Chancen, dass die sinkenden Preise auch bei den Verbrauchern ankommen?
ERMER: Preissenkungen sehe ich aktuell überhaupt nicht. Weil die Lohnspirale immer weitergeht. Mittlerweile hört man Träumereien der Politik von 15 Euro Mindestlohn. Wo sollen da Preissenkungen herkommen?
Direkt betrifft der Mindestlohn wohl die wenigsten Handwerksbäcker. Für 12,50 Euro wird sich kein gelernter Bäcker hinterm Ofen hervorlocken lassen. Welche Auswirkungen hat der Mindestlohn dann auf die Betriebe?
ERMER: Natürlich arbeitet kaum jemand für den Mindestlohn. Es wird Betriebe geben, die das vielleicht einer Aushilfe zahlen, aber bei den etablierten Betrieben gibt es so etwas nicht. Die Erhöhung des Mindestlohns führt immer dazu, dass der, der wenige Euro mehr bekommt als den Mindestlohn, sagt, dass er eine Erhöhung möchte, um den Lohnabstand zwischen Hilfskräften und erfahrenen Mitarbeitern zu wahren. Das Bäckerhandwerk ist beim Lohnanteil jetzt schon an der 50-Prozent-Marke. Dieses Geld können wir entweder durch die Verkaufspreise reinholen oder wir gehen in die Mechanisierung. Und das will man bei einem handwerklich arbeitenden Betrieb verständlicherweise auch nicht.
Wie müsste die Politik Ihrer Meinung nach vorgehen?
ERMER: Es geht beim Mindestlohn nur noch um einen Überbietungswettbewerb: Wer bietet mehr und hofft, dafür gewählt zu werden. Ich habe die klare Meinung, dass es dort einen Mindestlohn geben muss, wo es keine Tarifabschlüsse gibt. Aber einen deutschlandweit gleichen Mindestlohn halte ich für vollkommen falsch. Das zeigt schon die Tatsache, dass man mit den 12,50 Euro in München kaum auskommt, während man im Bayerischen Wald damit keine Probleme haben wird. Ich bin ein großer Gegner des staatlichen Eingriffs. Dafür gibt es schließlich Tarifpartner.
Wie nehmen Sie in diesem Zusammenhang die Debatte um das Bürgergeld wahr?
ERMER: Fakt ist: Das Bürgergeld verhindert Arbeit. Es kann nicht sein, dass der, der nichts tut, mehr bekommt als der, der arbeitet. Wir müssen Bürgergeld denen geben, die diese Hilfe unbedingt brauchen. Aber wenn Subsidiarität nicht gelebt wird, also keiner das bringt, was er bringen kann, dann hat er für mich auch nicht den Anspruch auf Solidarität. Deswegen halte ich das bedingungslose Bürgergeld für den Zusammenhalt der Gesellschaft für ganz schlecht.
Ihr Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks veröffentlichte kürzlich Zahlen, denen zufolge es in Deutschland immer weniger, dafür aber immer größere Bäckereien gibt, die immer mehr Umsatz machen. Gleichzeitig kritisieren Sie eine „industriefixierte Politik“. Wie passt das zusammen?
ERMER: Es ist faktisch so, dass wir in diesem Land die Leute bestrafen, bei denen viel Handarbeit anfällt. Es gibt die Bäckereien, die 30 bis 35 Filialen mit einem tollen Maschinenpark im Hintergrund haben. Aber auch die haben immer noch einen hohen Anteil an Handarbeit, sodass sich deren Qualität doch deutlich von der Industrie unterscheidet. Leider würdigt die Politik das nicht. Wir können nur versuchen, das immer wieder anzusprechen.
Wie reagiert die Politik, wenn Sie ins Gespräch gehen?
ERMER: Wir haben aktuell eine Regierung, die man mit Fakten kaum mehr überzeugen kann. Ich habe zum Beispiel dem Bundeskanzler gesagt, dass die Bonpflicht Quatsch ist, weil Betrug an Kassen ohnehin durch die sogenannte technische Sicherheitseinrichtung verhindert wird. Ich kann die Kasse nämlich gar nicht auslesen. Das kann nur das Finanzamt. Und dann bekomme ich kurz darauf von seinem Büro die Mitteilung, dass der Kassenzettel bleiben muss, um Betrug zu verhindern. Durch solche Situationen habe ich das Vertrauen verloren, dass sich die Politik an Sachverhalten orientiert. Es ist vielmehr ideologisch gesteuert und wohin das führt, das habe ich in meinem früheren Leben in der DDR erlebt.
Vor kurzem wurde das Wachstumschancengesetz verabschiedet. Gibt es irgendetwas daran, das Ihnen weiterhilft?
ERMER: Wir können unsere Arbeitsverträge jetzt auch per E-Mail schicken. Für größere Betriebe ist das zumindest eine gewisse Erleichterung. Aber alles andere… Es ist für mich totaler Unsinn, dass wir Erleichterung spüren sollen, weil wir Akten nur noch acht statt zehn Jahre aufheben müssen. Ich spare dadurch gar nichts, dass die Akten nur noch acht Jahre im Keller stehen.
Und auf der anderen Seite sind viele Vorschläge, die wir mit dem Handwerksverband eingebracht haben, nicht berücksichtigt worden. Zum Beispiel die Sonntagsarbeitszeit endlich mal von drei auf acht Stunden auszuweiten. Das wird dann mit Arbeitnehmerschutz begründet. Fakt ist, viele Arbeitnehmer würden länger arbeiten, weil sie dann Zuschläge für acht Stunden hätten. Die versauen sich den Sonntag nicht wegen drei Stunden. Da fehlt einfach das Vertrauen zum Unternehmertum. Wir gelten als die Ausbeuter und bösen Kapitalisten.
Woher kommt dieser Eindruck?
ERMER: Nehmen Sie doch nur mal die Krimis im Fernsehen. Da sind Unternehmer fast immer die Verbrecher und Bösewichte, die andere übers Ohr hauen. Und dieses Bild verfängt schleichend in der Gesellschaft. Mittlerweile gilt es als etwas Schlechtes, wenn man selbstständig ist. Und wenn man vielleicht sogar ohne Abi oder Studium ist, hat man in der öffentlichen Wahrnehmung sowieso verloren. Dieses Bild wird auch von manchen Lehrern gefördert. Zum Glück merken wir jetzt, dass sich der Trend wieder umkehrt und der Wert des Handwerks wieder steigt. Versuchen Sie mal heute, einen Klempner zu bekommen.
Sie haben kürzlich in einem Interview von 400 Neugründungen im Bäckerhandwerk gesprochen. Was sind das für Menschen, die in Zeiten wie diesen so einen Schritt wagen?
ERMER: Das sind Menschen, die eine unglaubliche Liebe zu unserem Beruf haben. Für die ist das kein Beruf, sondern eine Berufung. Bäcker sein ist einfach so toll, dass man das ein Leben lang gerne macht. Viele junge Menschen haben heute die Sehnsucht, etwas Sinnvolles zu machen. Und das sind dann die, die dann einen gut laufenden Betrieb übernehmen oder einen neuen gründen. In Bayern gab es mit 76 neuen Betrieben übrigens die meisten Neugründungen. Das macht mir Hoffnung.
Wenn Betriebe schließen müssen, liegt das in der Regel nicht an der Betriebsgröße, sondern daran, ob man bereit war, mit der Zeit zu gehen und sich stetig weiterzuentwickeln. Wenn man das ist und wenn man gute Qualität liefert, hat man mit einer Handwerksbäckerei eine erfolgreiche und sehr gute Zukunft.
Zur Person: Seit November 2023 ist Roland Ermer Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks. Zuvor war er zehn Jahre Präsident des sächsischen Handwerkstages. In der Lausitz führt er einen traditionellen Bäckereibetrieb.
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