An der Rohlingspresse arbeitet Martha so flink, dass sie alles zweimal erklären muss, damit man ihren Handgriffen folgen kann: „Da auf, dort den Hebel rum, dann warten, bis sie unten ist, Sachen von da drüben in die Presse rein, dann wieder den Hebel rum, den da auch rum.“ Diese Schritte muss sie penibel einhalten, damit sie die Rohlingspresse sicher bedienen kann. Martha weiß das. Seit zweieinhalb Jahren geht sie den Schreinern von Michael Bretzger zur Hand.
In dem Betrieb in Ehringen im Ries machen sie hauptsächlich Brand-, Rauch- und Schallschutztüren aus Holz. Die 19-jährige Martha wird dort zur Fachpraktikerin für Holzverarbeitung ausgebildet – ein Ausbildungsberuf für Menschen mit Behinderung, ähnlich dem Schreiner, wie Bretzger erklärt. Martha weiß mittlerweile, wie man eine Kreissäge bedient. Wie in der Rohlingspresse verleimte Holzteile zusammengepresst werden, bis der Leim ausgehärtet ist. Wie man Bretter mit dem Handschleifer bearbeitet. Und um wie viel Uhr sie im Betrieb Brotzeit machen: von 12.15 Uhr bis 13 Uhr, wenn man es genau wissen will. Martha lacht.
Martha hat eine kognitive Beeinträchtigung. Sie erklärt das so: Dass sie bis heute nicht immer auf Anhieb versteht, was man ihr erklärt. Und Schreinermeister Michael Bretzger sagt: Manche Dinge müsse man öfter wiederholen. Früher war Martha deswegen in der Förderschule. „Mein Cousin ist Schreiner und hat mir immer von dem Beruf erzählt“, sagt sie. Sie hat große Augen, die durch die Brille noch ein wenig größer wirken, und wenn sie lacht, dann mit dem ganzen Gesicht. Wegen ihres Cousins wollte sie es selbst mal mit dem Holz versuchen. Als einzige in ihrer Klasse an der Kolping-Berufsschule in Donauwörth ging sie dafür nicht in die Schreinerwerkstatt der Kolping-Akademie, sondern zu Michael Bretzger in die Schreinerei.
Das unterscheidet die Ausbildung zum Fachpraktiker für Holzverarbeitung vom Schreiner
Im Gegensatz zur Ausbildung zum Schreiner müssen sich Fachpraktiker für Holzverarbeitung weniger theoretisches Wissen aneignen. Sie lernen praxisnah, Werkzeuge und Maschinen zu bedienen, den Arbeitsplatz zu sichern, Holz zu verarbeiten, Oberflächen zu behandeln, Montage und Transportarbeiten. Am Ende der dreijährigen Ausbildung stehen eine schriftliche Prüfung, eine praktische Arbeitsprobe und ein Werk, ähnlich einem Gesellenstück. Betriebe können bei der Bundesagentur für Arbeit Zuschüsse beantragen, wenn sie Menschen mit Behinderungen aus- oder weiterbilden.
Für Michael Bretzger ist es das erste Mal, dass er einen lernbeeinträchtigten Menschen im Betrieb hat. Martha kannte er vorher schon, erzählt er: Sie ist mit seinen Töchtern befreundet, Michael Bretzger kennt ihre Eltern gut. Und die unterstützten Martha von Anfang an, damit sie diese Ausbildung macht. Außerdem wohnt Martha im Dorf, zur Schreinerei hat sie es nicht weit.
Als Fachpraktikerin für Holzverarbeitung hilft Martha überall mit
Dennoch: Am Anfang war es nicht leicht. Für Martha nicht und für Michael Bretzger nicht. Das hatte vor allem mit dem Ausbildungssystem zu tun, wie Michael Bretzger erklärt. In der regulären Ausbildung zum Schreiner besuchen die Auszubildenden zuerst ein Berufsgrundschuljahr. Dann bekommen sie einen Lehrvertrag über zwei Jahre und kommen in einen Betrieb, besuchen aber weiterhin gelegentlich die Schule. Bei Martha war das anders. In der Berufsschule war sie im ersten Jahr nur einmal in der Woche. Die meiste Zeit lernte sie direkt in der Schreinerei. Zu Michael Bretzger kam sie ohne Vorwissen aus der Berufsschule. „Martha wusste nicht mal, wie man ein Stemmeisen oder einen Hammer benutzt“, sagt Michael Bretzger und schaut Martha an. Die nickt wieder. „Sie haben mir viel erklären müssen.“
Heute arbeitet Martha überall im Betrieb mit, wo sie gerade gebraucht wird. Meistens findet man sie an der Rohlingspresse – „da auf, Hebel rum, Sachen in die Presse rein.“ Sie arbeitet gerne in der Schreinerei. Bei der Frage, was sie am liebsten macht, zögert sie und überlegt. „Alles, außer Schleifen“, sagt sie schließlich. Aber das mache ohnehin keiner gerne, darin sind sich alle einig, sagt Michael Bretzger und lacht schelmisch. Getan werden muss es halt trotzdem.
Im Sommer wird Martha ihre Ausbildung abschließen. „Danach bleibe ich in der Schreinerei“, sagt sie. Als ausgebildete Fachpraktikerin für Holzverarbeitung. Michael Bretzger wird einen neuen Lehrling in seinem Betrieb anlernen. Ob er sich vorstellen kann, mal wieder einen Menschen mit Lernbeeinträchtigung zu übernehmen? Ja, sagt Bretzger: Erstens, weil die Fachkräfte fehlen und das Handwerk sich neuen Möglichkeiten öffnen solle. Und zweitens, weil ihm ohnehin wichtiger ist, dass die Eltern hinter ihren Kindern stehen. Wie bei Martha.
Anmerkung der Redaktion: Auf Wunsch der Protagonistin wird ihr Nachname in diesem Text nicht genannt.
Alle Texte zur Lehrstellenoffensive finden Sie hier.
Der Beruf in Kürze
- Berufsbild: Fachpraktiker und Fachpraktikerinnen für Holzverarbeitung stellen Holzbauteile oder fertige Produkte aus Holz her. Sie wählen das Holz aus, nehmen Maß und fügen Holzteile zusammen. Außerdem bedienen sie Maschinen für die Holzverarbeitung, wie Sägen, Fräsen und Holzbohrer
- Voraussetzungen: Die Ausbildung kann man auch ohne Schulabschluss beginnen. Die Agentur für Arbeit stellt fest, wer sich dafür eignet.
- Ausbildungsvergütung pro Monat (brutto): Erfolgt die Ausbildung in einem regulären Betrieb, richtet sich die Vergütung nach dem geltenden Schreiner-Tarif: 1. Lehrjahr: 900 €; 2. Lehrjahr: 1000 €; 3. Lehrjahr: 1100 €; findet die Ausbildung in einem Bildungsträger statt, erhalten die Auszubildenden eine finanzielle Unterstützung über den Bildungsträger bzw. über die Agentur für Arbeit
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