Israels Armee verlor keine Zeit. Kaum hatte US-Präsident Donald Trump am Freitag seine Nahostreise beendet, begannen die israelischen Truppen mit der Ausweitung ihrer Offensive im Gazastreifen. Anders als bisher soll die Armee, die IDF, große Gebiete Gazas bald dauerhaft besetzen – mit potenziell dramatischen Folgen für Palästinenser und Israelis.
Die Operation mit dem Namen „Gideons Streitwagen“ soll Berichten zufolge mehrere Stufen umfassen: In der ersten Phase, die bereits begonnen hat, soll die Luftwaffe mittels intensiver Bombardierung den Einmarsch zusätzlicher Bodentruppen vorbereiten. Allein Freitag sollen dabei nach Angaben der Hamas-Behörden in Gaza über hundert Menschen umgekommen sein, darunter zahlreiche Zivilisten. In der zweiten Phase sollen Bodentruppen große Gebiete einnehmen und dort anschließend sogenannte humanitäre Zonen einrichten. Innerhalb dieser Zonen sollen dann private US-Firmen für die Verteilung von Hilfsgütern zuständig sein – ein Plan, den die UN und internationale Hilfsorganisationen scharf kritisiert haben, unter anderem, weil er zahlreiche Zivilisten zur Umsiedlung zwingen würde.
Viele Details der Taktik sind noch unklar
Viele Details des Vorhabens sind indes noch unklar. So berichtet etwa die israelische Zeitung Haaretz, der ursprüngliche Einsatzplan, erarbeitet von dem neuen IDF-Chef Eyal Zamir, habe ursprünglich sehr umfangreiche Bodeneinsätze vorgesehen, während die aktuellen Vorbereitungen auf eine deutlich kleinere Operation hindeuteten. „Ich verstehe das militärische Vorgehen selbst nicht mehr“, sagt Michael Milshtein, Vorsitzender des Forums für Palästinenserstudien an der Universität in Tel Aviv, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Es gibt keine Planung, keine Strategie.“ Das Argument der Regierung, militärischer Druck werde die Hamas zur Freilassung der verbliebenen israelischen Geiseln zwingen, hält er für „Unsinn“: In den 19 Monaten seit dem Terrorangriff der Hamas habe sich längst gezeigt, dass diese Taktik nicht funktioniere.
„Ich bin sehr, sehr besorgt“, sagt Milshtein, der früher die Abteilung für palästinensische Angelegenheiten im israelischen Militärgeheimdienst leitete. „Auch wenn niemand es ausspricht: Die wirklich harten Kämpfe liegen noch vor uns. Die Hamas hat ihre Männer in den urbanen Zentren in Gaza verteilt und wartet jetzt auf das israelische Manöver. Und sobald das losgeht, werden wir unter den Soldaten irre Verluste erleben – ganz zu schweigen von den vielen Palästinensern, die umkommen werden. Das wird ein Blutvergießen.“ Schon jetzt zeigen Umfragen, dass die Mehrheit der Israelis ein Ende des Krieges im Austausch für die Freilassung der übrigen Geiseln befürwortet. Sollten mehr und mehr junge Soldaten fallen für ein unklares Ziel, würde die Unterstützung für den Krieg wohl weiter sinken.
Israel dürfte einen hohen diplomatischen Preis zahlen
Auch diplomatisch dürfte Israel einen hohen Preis für die geplante Offensive zahlen. Der langjährige Traum des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu von diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien scheint realitätsfern angesichts der Wut, die Israels Vorgehen in Gaza in weiten Teilen der arabischen Welt ausgelöst hat. Selbst den jahrzehntealten Beziehungen zu Ägypten könnte eine ernste Krise drohen, sollte Israel den an Ägypten grenzenden Gazastreifen dauerhaft besetzen, warnt Milshtein.
Bei alledem bleibt die wohl wichtigste Frage offen: Welches Langzeitziel verfolgt Israels Regierung in Gaza? Netanjahu verspricht den „absoluten Sieg“ über die Hamas, ohne diesen näher zu definieren. „Selbst wenn die Hamas den schwersten Schlag in ihrer Geschichte einsteckt“, meint dagegen Milshtein, „wird sie weiterkämpfen, und sei es mit Guerillataktiken und Anschlägen“. Noch besteht die Möglichkeit, dass es zu der großen Offensive nicht kommt: Berichten zufolge verhandeln Israel und die Hamas mithilfe internationaler Vermittler derzeit mit neuer Intensität um eine weitere Waffenruhe. Zudem soll Trumps Vizepräsident JD Vance Gerüchten zufolge in dieser Woche nach Israel reisen, womöglich, um Netanjahu zu Kompromissen zu drängen. In Israel hoffen viele darauf.
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