Bei ihrem ersten Auftritt im Kongress vor knapp fünf Jahren, kurz nach dem Wahlsieg von Joe Biden, trug Marjorie Taylor Greene eine Atemmaske. „Trump hat gewonnen“, stand da wahrheitswidrig drauf. Als ihr Idol im März dieses Jahres tatsächlich als frischgewählter Präsident zum Parlament sprach, winkte sie unter einer roten Baseballkappe euphorisch mit einem US-Fähnchen. „Ich liebe Marjorie“, schwärmte Trump: „Sie ist eine Kriegerin für MAGA und sie ist hundert Prozent loyal.“ Die vier Buchstaben MAGA stehen für „Make America Great Again“.
Am Samstag fand die politische Romanze zwischen der ultrarechten Abgeordneten aus Georgia und dem narzisstischen Möchtegern-Autokraten ein jähes Ende. Greene sei „eine Schande für unsere großartige republikanische Partei“, postete Trump auf seiner Onlineplattform „Truth Social“, wobei er ihren zweiten Vornamen in „Traitor“ (Verräterin) verwandelte. Der Mann, „zu dessen Wahl ich beigetragen habe“, heize Morddrohungen gegen sie an, konterte die Politikerin: „Die toxische, gewalttätige Natur der amerikanischen Politik muss ein Ende haben.“
Unruhe in der republikanischen Partei
Spektakuläre Zerwürfnisse in Trumps Kosmos si nd nichts Ungewöhnliches. Manche - wie der Bruch mit seinem Ex-Sicherheitsberater John Bolton – brennen sich für die Ewigkeit ein. Andere – wie der Krach mit Tech-Milliardär Elon Musk – verrauchen irgendwann. Doch der Zusammenstoß zwischen dem Präsidenten und einer seiner eisernsten Unterstützerinnen steht für mehr: Er illustriert eine wachsende Unruhe in der republikanischen Partei nach den Niederlagen bei den Regionalwahlen und entfaltet sich vor dem Hintergrund eines offenen Richtungsstreits zwischen dem nationalistisch-isolationistischen und dem tech-libertären Flügel der MAGA-Bewegung.
Auslöser der wechselseitigen Online-Schimpfkanonade, in deren Verlauf Trump die Abgeordnete als „pöbelnde Wahnsinnige“ und „Verrückte“ bezeichnete, ist der Streit über die Veröffentlichung der Epstein-Akten. Greene hat eine lange Geschichte als rechte Verschwörungsideologin. So behauptete sie einst, die Regierung manipuliere das Wetter und Erdbeben seien eine Bestrafung der Menschen für deren Sünden. Entsprechend hat sie im Wahlkampf – wie viele enge Verbündete Trumps – die These verbreitet, der verstorbene Sexualstraftäter sei mit dem „Deep State“ verbündet gewesen.
Doch Trump will von dem Thema nichts mehr wissen, seit sein eigener Name in die Schlagzeilen geraten ist. Nun wollen die Demokraten im Kongress eine Veröffentlichung der Epstein-Akten erzwingen. Greene gehört zu den wenigen republikanischen Unterstützern des Antrags. Der Präsident wolle „ein Exempel statuieren, um andere Republikaner abzuschrecken“, glaubt sie.
Greene übte schon früher Kritik an Trump
Allerdings hatte die 51-Jährige den Präsidenten schon früher geärgert. Im Sommer kritisierte sie den US-Militärschlag gegen den Iran und die amerikanische Unterstützung für Israel. Sie lehnte die Finanzhilfen Washingtons für Argentinien ab und ging auf Distanz zur harten Linie ihrer Partei beim Shutdown. Ausdrücklich monierte sie, die Republikaner hätten keine Alternative zu der von ihnen torpedierten Krankenversicherung Obamacare entwickelt.
Auf der Online-Plattform X wird Greene nun schon als „Stimme der Vernunft“ beschrieben. Doch an einer solchen Zuschreibung sind angesichts früherer Positionierungen der Inhaberin eines Fitnessstudios ernste Zweifel angebracht. So hatte Greene vor ihrer Wahl ins Repräsentantenhaus eine Facebook-Gruppe moderiert, über die Todesdrohungen gegen Demokraten verbreitet wurden. Sie behauptete, die linke Antifa stecke hinter dem Sturm auf das Kapitol, posierte auf einer Montage mit einem Schnellfeuergewehr vom Typ AR-15 als „schlimmster Alptraum“ linker Abgeordneter und trat 2022 auf einer Veranstaltung des rechtsextremen Hitler-Bewunderers Nick Fuentes auf.
Beobachter vermuten, dass Greenes Verwandlung auch karrieretechnische Gründe hat. Die aufmerksamkeitsheischende Politikerin, die gerne Trumps Vize-Präsidentin geworden wäre, hat Interesse an dem freiwerdenden Sitz Georgias im Senat. Doch der spektakuläre Bruch vollzieht sich vor dem Hintergrund wachsender Spannungen im MAGA-Lager. Die nationalistisch-isolationistischen „America-Only“-Anhänger, zu denen neben Greene auch Trumps einstiger Chefideologe Steve Bannon, der geschasste Fox-Moderator Tucker Carlson und der Nazi-Sympathisant Fuentes gehören, stören sich an den ausländischen Interventionen der Trump-Regierung. Auch kämpfen sie gegen die Ausstellung sogenannter H-1B-Visa für ausländische Fachkräfte, die vor allem von den Tech-Konzernen dringend gebraucht werden.
Für Wirbel sorgte Ende Oktober ein zweistündiges Podcast-Interview von Carlson mit Fuentes, das im Netz mehr als 20 Millionen Mal angeklickt wurde. Ohne ernsten Widerspruch ließ dabei der Moderator den Gast über ein Komplott des „organisierten Judentums“ fabulieren und weitere antisemitische Thesen verbreiten. Greene verteidigte Carlson anschließend gegen Kritik: „Wenn uns Republikaner ‚Nazis‘ oder Tucker ‚Hitler‘ nennen, machen sie das, was Demokraten tun - sie wollen uns abwürgen.“
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