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Wann kommt die Kernfusion? In welches Start-up Wagniskapitalgeber Hendrik Brandis investiert

Interview

Lohnt es sich überhaupt noch, in Deutschland zu investieren? „Mehr denn je“

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    Hendrik Brandis (61) ist Mitgründer und Partner des Wagniskapitalgebers Earlybird Venture Capital. 
    Hendrik Brandis (61) ist Mitgründer und Partner des Wagniskapitalgebers Earlybird Venture Capital.  Foto: Earlybird

    Herr Brandis, Sie sind mit über 30 Jahren Erfahrung ein Urgestein in der Unterstützung der deutschen Startup-Szene. Sie gehören zu jenen Leuten, die junge Unternehmen gezielt mit Geld ausstatten, und betätigen sich somit als eine Art wirtschaftlicher Geburtshelfer. Doch die Zeiten in Deutschland sind rauer geworden. Lohnt es sich für Sie überhaupt noch, zu investieren?

    HENDRIK BRANDIS: Ich würde sagen: mehr denn je. Das hat damit zu tun, dass die technische Entwicklung quasi exponentiell wächst – weil technische Entwicklung selbst wieder technische Entwicklung vorantreibt. Gleichzeitig nimmt das Kapital, das notwendig ist, diesen Entwicklungen flankierend aus den Startlöchern zu helfen, nur linear zu.

    Was bedeutet das?

    BRANDIS: Das eine enorm hohe Nachfrage nach Startkapital entsteht. Dadurch steigen die Renditen der Kapitalgeber immer weiter an – wie Marktdaten etwa von Cambridge Associates, einem führenden Datenprovider für Wagniskapital in Europa, belegen.

    Wie genau sieht Ihr Geschäftsmodell aus?

    BRANDIS: Venture Capital, zu Deutsch Wagniskapital, bedeutet: Ich gebe einer jungen Firma mit einer guten Idee Geld. Mit dem Geld erwerbe ich Anteile an jungen Unternehmen. Beispielsweise 15 bis 20 Prozent. Wenn das Unternehmen scheitert, ist das eingesetzte Geld verloren. Auf der anderen Seite entwickeln sich einige der jungen Unternehmen binnen weniger Jahre unglaublich gut. Manchmal steigt ihr Wert um das Hundertfache. Dann verkauft der Kapitalgeber seinen Anteil mit eben dieser besagten Steigerung. Diesen Vorgang nennt man in unserer Branche Exit. Die Mathematik geht auf, da wir jedes unserer Investments nur einmal verlieren können – aber gleichzeitig kann jedes Investment den Einsatz hundertmal zurückbringen.

    Woher haben Sie vor rund 30 Jahren überhaupt das Geld gehabt, Start-ups mit Kapital auszustatten?

    BRANDIS: Ich hatte überhaupt kein Geld, an der TU München in Luft- und Raumfahrttechnik promoviert und damals schon drei Kinder. Aber aus Amerika kam diese Idee des Venture-Capitals. Ich lieh mir, um meine Familie ernähren zu können, damals 300.000 Mark von meinem Vater. Dann ging ich zusammen mit meinen Firmenmitgründern Klinken putzen, um Geld für einen ersten Fonds für Investments in ganz junge Technologieunternehmen einzuwerben. Damit überzeugten wir Menschen und Institutionen, die Geld hatten, und Anteile zeichneten. Nach zwei Jahren hatten wir zehn Millionen Mark zusammen. Im Ergebnis konnten wir mit unserem ersten Fonds das Geld unserer Investoren um den Faktor 4,2 vermehren. Für einen Investmentfonds aus dem Jahr 1999 ein sehr gutes Ergebnis.

    Wie sehen Sie aktuell die Innovationskraft Deutschlands?

    BRANDIS: In puncto neue Ideen, neue Technologien und Innovation ist Deutschland auf Augenhöhe mit den innovativsten Ländern dieser Welt – den USA, Israel oder China. Gerade an der TU München entstehen viele neue Technologien auf absolutem Weltniveau. Was uns aber nur sehr eingeschränkt gelingt, ist, diese Ideen in große, relevante Unternehmen zu überführen, die sich auf dem Weltmarkt durchsetzen und behaupten können. Die Ursache liegt bei uns in einer Kombination aus Mangel an Ambition und verfügbarem Wachstumskapital – in ganz Europa.

    Gibt es hier zu wenig Geld?

    BRANDIS: Prinzipiell gibt es hier genug Geld. Aber leider landet es vornehmlich in Staatsanleihen oder Immobilien – und weniger in jungen Technologieunternehmen.

    Eröffnung der Experimentalkammer im Cala (Centre for Advanced Laser Applications) in Garching bei München.
    Eröffnung der Experimentalkammer im Cala (Centre for Advanced Laser Applications) in Garching bei München. Foto: Jens Oellermann/Marvel Fusion

    Sie waren einer der ersten, die in das Münchner Unternehmen Marvel Fusion investiert haben. Es will in den nächsten Jahren Kernfusionsreaktoren bauen. Wie weit ist Marvel Fusion damit?

    BRANDIS: Das Unternehmen will den Kernfusionsprozess nicht mit hohen Temperaturen, sondern durch Beschleunigung von Protonen auslösen. Der Nachweis, dass die Physik funktioniert, ist inzwischen erbracht. Aus Finanzierungsgründen entsteht die Demonstrationsanlage leider in Colorado und nicht bei uns in Bayern. Dazu braucht man den stärksten Laser der Welt, der derzeit von Marvel Fusion gebaut wird. Wir gehen davon aus, dass der Prozessnachweis im Jahr 2027 erstmals gelingen wird.

    Ein anderes spektakuläres Startup, das Sie mitbetreuen, ist Isar Aerospace bei München. Das Unternehmen will kostengünstige Trägerraketen vom Typ „Spectrum“ bauen. Doch der erste Startversuch im März dieses Jahr in Norwegen endete damit, dass die Rakete nach 30 Sekunden explodierte. Lohnt sich ein Engagement da noch?

    BRANDIS: Aber sowas von. Dass der erste Start scheitert, gehört zur Entwicklungsstrategie, war also ganz klar eingeplant. Im Gegenteil, schon dass die Rakete für 30 Sekunden in der Luft blieb, war ein großer Erfolg. Elon Musk hat mit der Falcon 1 drei Fehlversuche gehabt, beim vierten Versuch war er im Orbit. Vielleicht schaffen wir es schon im zweiten Anlauf.

    Was sind die spannendsten Trends, in die Sie in der nächsten Zukunft investieren wollen?

    BRANDIS: Unabhängig von dem omnipräsenten Megatrend zur künstlichen Intelligenz ganz klar alles, was wir in der Startup-Szene als DeepTech bezeichnen. Lassen Sie mich das an drei Beispielen konkret beschreiben. Der ganze Bereich Energie: Kernfusion. Tiefe Geothermie, was vor allem eine Frage der Bohrtechnik ist. Orbitale Photovoltaik, also Energie mit großen Segeln im Orbit gewinnen. Dann etwa die Erzeugung von CO₂-neutralem Kerosin, indem man Kohlenstoffdioxid aus der Luft mit Sonnenenergie zu Kraftstoffen verarbeitet. Spannend ist auch der Bereich Biotechnologie. Hier ist etwa die Messenger-RNA zu nennen, mit der schon der Impfstoff gegen Covid entwickelt wurde. Man sieht bei ihr aber auch enormes Potenzial für die Krebsmedizin. Europa hat hier eine starke wissenschaftliche Basis, jetzt gilt es, diese Innovationen mit großer Ambition und dem nötigen Wachstumskapital zu skalieren und international führende Unternehmen aufzubauen.

    Zur Person

    Dr. Hendrik Brandis ist promovierter Luft- und Raumfahrttechniker. Er ist Mitbegründer von Earlybird, ein Wagniskapitalgeber, der junge innovative Unternehmen in der Anfangsphase mit nötigem Geld ausstattet.

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